Neuer Sprachatlas zeigt großräumige Sprachentwicklungen auch anhand örtlicher Beispiele Coesfelder Schreibsprache im Mittelalter

Coesfeld. Ende Oktober 2017 erschien im Verlag Walter de Gruyter der „Atlas spätmittelalterlicher Schreibsprachen des niederdeutschen Altlandes und angrenzender Gebiete (ASnA)“. Neben dem Hauptautor Dr. Robert Peters und dem Mitautor Dr. Christian Fischer arbeitete auch der Coesfelder Historiker und Sprachwissenschaftler Dr. Norbert Nagel als Mitautor maßgeblich an dem dreibändigen Werk mit.

Von Allgemeine Zeitung
Neuer Sprachatlas zeigt großräumige Sprachentwicklungen auch anhand örtlicher Beispiele: Coesfelder Schreibsprache im Mittelalter
Norbert Nagel bei seinem Besuch im Stadtarchiv mit dem Schreibsprachenatlas , der nun auf Jahrzehnte hinaus Standardwerk der niederdeutschen, der niederländischen, der kölnischen und der niederrheinischen historischen Sprachforschung sein wird. Foto: az

Seit 1994 wurde laut Pressetext an der Universität Münster in einem Forschungsprojekt die Sprachentwicklung des geschriebenen Niederdeutschen - einer Sprache, die wir gemeinhin als Plattdeutsch bezeichnen - untersucht und auf Karten bildlich so dargestellt, dass sich die regionalen Unterschiede ein und desselben Wortes auf einen Blick erfassen lassen.

Die insgesamt 164 farbigen Wortkarten des Sprachatlas veranschaulichen die spätmittelalterlichen Schreibungen von Wörtern wie z.B. Bürger, dreißig, Ehefrau, Eltern, geben, Geburt, Gott, Haus, heilig, ich, Mittwoch, oft, Stadt, tun, oder, und. Die Wortkarten zeigen in aller Deutlichkeit, dass in der Zeit vom 13. Jahrhundert bis zum Jahr 1500 im Raum zwischen Utrecht in den Niederlanden und Magdeburg im Osten, Köln und Marsberg im Süden sowie Kiel im Norden ganz im Unterschied zu heute gleich mehrere regionale Schreibsprachen existierten: das Westfälische, das Ostfälische, das Nordniederdeutsche, das Ostelbische, das Niederländische, das Ijsselländische und das Kölnisch-Ripuarische. Da wir heute ja keine Tonaufnahmen der damals gesprochenen Sprache haben, können nur anhand des geschriebenen Wortes die regionalen Besonderheiten herausgearbeitet werden.

Der Sprachatlas zeigt auch, dass in seinem großflächigen Untersuchungsraum bis 1500 noch nicht hochdeutsch geschrieben wurde und in den östlichen Niederlanden wechselten die ijsselländischen Schreibsprachen erst allmählich zum Niederländischen.

Dem Atlas liegen die originalen Texte von rund 5500 Urkunden und Stadtbucheinträgen aus insgesamt 44 Städten Norddeutschlands und den angrenzenden östlichen Niederlanden zugrunde. Bei der Zusammenstellung des Städtenetzes, der Grundkarte also, lag es nahe, zwischen den Ijsselstädten im Westen, wie etwa der Berkelstadt Zutphen und Deventer, und der Stadt Münster im Osten die Stadt Coesfeld mit ihrer ausgezeichneten spätmittelalterlichen schriftlichen Überlieferung hinzuzunehmen. Die 144 Texte des ASnA-Ortspunktes „Coesfeld“ hat der gebürtige Coesfelder Norbert Nagel aus seinem eigenen Projekt „Virtuelles Coesfelder Urkundenbuch“, für das er Hunderte originaler mittelalterlicher Dokumente vor allem im Stadtarchiv Coesfeld abgeschrieben hat, ausgewählt und dem Sprachatlas zur Verfügung gestellt.

Auf verschiedenen Wortkarten ist zu sehen, dass die Coesfelder Schreibformen erwartungsgemäß denjenigen Münsters häufig ähneln. Einige Karten zeigen jedoch, dass Coesfeld mitunter auch den östlichsten Punkt eines großen westlichen Sprachareals, das seinen Schwerpunkt in den späteren Niederlanden hatte, bilden konnte.

Der nun vorliegende Schreibsprachenatlas wird auf Jahrzehnte hinaus ein Standardwerk der niederdeutschen, der niederländischen, der kölnischen und der niederrheinischen historischen Sprachforschung darstellen. Der historischen Grammatik- und Sprachgeschichtsforschung soll er als grundlegendes Nachschlagewerk dienen.

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