Coesfeld Kunstwerk barocker Leidenschaft

Coesfeld. Königlich schreitet Simone Kermes im barocken Gewand auf die Bühne, zwei blutjunge Tänzer spannen hinter ihr ein goldenes Tuch wie einen Spiegel, das Ensemble „Amici Veniziani“ sorgt auf alten Instrumenten für einen betörenden Klangteppich – keine Frage, Kermes versteht es, sich prunkvoll in Szene zu setzen und ihr Publikum vom ersten Ton an zu begeistern.

Von Ursula Hoffmann
Coesfeld: Kunstwerk barocker Leidenschaft
Simone Kermes, ihr Ensemble Amici Veneziani und zwei Tänzer tauchen das Publikum mit „Love“ in ein Bad barocken Sinnenrausches. Foto: Ursula Hoffmann

„Love“ heißt ihr Programm, in dem sie im Konzert Theater Barock- und Renaissance-Liebeslieder von Komponisten wie Monteverdi, Vivaldi, Purcell und vielen anderen mit instrumentaler Begleitung und Tanz zu einem Gesamtkunstwerk verknüpft. Dabei gehen die Lieder beinah nahtlos ineinander über, thematisieren alle Facetten der Liebe und bringen den Zuhörern den musikalisch-emotionalen Reichtum barocker Liebessehnsucht nahe. Mal singt sie in betörender Schlichtheit, wird nur von den Klängen der Laute begleitet, mal wirbeln ihre beiden Tänzer zu jubilierenden Geigen und Kermes schwingt sich in sprudelnden, glasklaren Koloraturen in schwindelnde Höhen, dann wieder erlebt sie voller Wehmut Liebesleid oder zeigt aufgebracht und wütend mit schnellem Trillern italienisches Temperament. Warum die begleitenden Tänzer, die in blau-goldenen Pluderhosen den Gesang visualisieren, zwei Männer sind, ist nicht ganz klar. Beim Thema Liebe wäre ein Paar wirkungsvoller als die stilisierten Duelle dieses doppelten Amors. Teilweise lenken sie auch sehr vom Gesang ab. Das fällt auf beim ersten Lied nach der Pause, das sie ohne die beiden leise klagend und voller Wehmut ausdrucksvoll interpretiert.

Schade, dass man die italienischen, spanischen oder englischen Texte nicht versteht. Um den Genuss authentischer zu erleben, könnten deutsche Obertitel wie in der Oper helfen. Großen Anteil an dem Genuss haben die Musiker mit ihrer einfühlsamen Begleitung, bei der sie leidenschaftlich aufeinander abgestimmt temperamentvolle Dramatik untermalen, oder sich in den zart-romantischen Liedern zurücknehmen und die Stimme auf einen dezenten Klangteppich betten.

Wunderschön auch Vivaldis „La Follia“, mit dem das Orchester allein den zweiten Teil eröffnet. Übermütig-ausgelassen und romantisch-verträumt bringen sie virtuos Emotionen zu Gehör. Und so tauchen Kermes, ihre Musiker und Tänzer das Publikum in ein Bad barocken Sinnesrausches, das immer wieder für jubelnden Applaus sorgt, der sich am Ende in stehenden Ovationen entlädt. Kermes dankt ihrem Publikum mit drei Zugaben, von denen vor allem die letzte Händels berühmte Arie „Lascia ch’io pianga“ (Lass mich mit Tränen mein Los beklagen) Gänsehaut auslöst. Sanft und zart streichelt ihre Stimme und im Saal ist es so still, dass man eine Feder fallen hören könnte.

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