Kirsti Heep-Szumigala referiert am Mittwoch (18.1.) zum Themenkreis demenzieller Erkrankungen
„Gemeinsam Strategien entwickeln“

COESFELD. In einer alternden Gesellschaft sind demenzielle Erkrankungen auf dem Vormarsch. Und viele Menschen fragen sich: Wird es mich auch treffen? Und woran merke ich, ob ich betroffen bin? Und wie reagieren meine Mitmenschen auf eine solche Erkrankung? Gibt es Vorbeugung oder gar Heilung? Am Mittwoch (18.1.) referiert ab 19 Uhr im Rahmen des Gesundheitsforums in der Familienbildungsstätte am Marienring 27 Frau Kirsti Heep-Szumigala, Oberärztin der Gerontopsychiatrie der Klinik am Schlossgarten am Standort Nottuln zum Thema „Demenz ist nicht gleich Demenz“. Frau Heep-Szumigala beleuchtet in diesem Vortrag verschiedene Formen der demenzieller Erkrankungen. Zudem werden Aufgaben und Therapieoptionen und der Alltag in der Gerontopsychiatrie dargestellt. AZ-Redaktionsmitglied Thomas Lanfer führte zu diesem Themenkreis mit Frau Heep-Szumigala folgendes Interview.

Freitag, 13.01.2017, 10:54 Uhr

Foto: az

Frau Heep-Szumigala , Demenz ist kein neues Krankheitsbild. Rückt diese Erkrankung nur aufgrund der wachsenden Anzahl älterer Menschen verstärkt in unser Bewusstsein oder gibt es empirische Anhaltspunkte für eine allgemein steigende Häufigkeit?

Kirsti Heep-Szumigala: Die Deutsche Alzheimergesellschaft stellt uns die aus verschiedenen Studien gesammelten und ausgewerteten Daten zur Verfügung. Hieraus geht hervor, dass die Anzahl der an Demenz erkrankten auf der Basis von europäischen Daten und Schätzungen Ende 2014 knapp 1,6 Millionen Demenzerkrankte ergab. Die Rate der Demenzerkrankungen steigt steil mit dem Alter an. Die Zahlen vervielfachen sich von 1 Prozent Erkrankte in der Gruppe der 65 bis 69-Jährigen bis auf 40 Prozent unter den 90-Jährigen. Die jährliche Neuerkrankungswahrscheinlichkeit liegt bei 12,24 Prozent bei den 90-Jährigen und älteren. Bei den 65 bis 69-Jährigen liegt sie lediglich bei 0,53 Prozent. Ins Bewusstsein tritt die Erkrankung seitdem die Berichterstattung die Demenz zum Thema macht und damit auch in vielen Familien enttabuisiert wird. Aufklärung und Auseinandersetzung in Politik und Gesellschaft hatte dies zufolge.

Welche Erscheinungsformen werden unter dem Sammelbegriff Demenz zusammengefasst?

Kirsti Heep-Szumigala: Demenz ist ein Sammelbegriff für das Vorliegen von bestimmten Symptomen, die einen gewissen Zeitraum über Bestand haben müssen. So kann sich eine Demenz zum Beispiel nach einem Schlaganfall, nach einem Schädel-Hirn-Trauma oder durch langjährig nicht behandelte Schlafapnoe aber auch durch Medikamente oder schlecht eingestellten Diabetes mellitus oder arterieller Hypertonie entwickeln. Aber es gibt auch die Demenz, bei der eine Ursache nicht eruierbar ist, zum Beispiel bei der sogenannten Alzheimerdemenz.

Gibt es physiologische, neurologische oder genetische Dispositionen für eine demenzielle Erkrankung?

Kirsti Heep-Szumigala: Ja, es gibt durchaus Dispositionen, so erkranken zum Beispiel mehr Frauen als Männer, was in der längeren Lebenserwartung der Frauen begründet ist. Dann zeichnet sich ab, dass Menschen mit einer hohen Bildung, gesünderer Ernährung, höherer sportlicher Aktivität und erfolgreicherer Behandlung von kardiovaskulären (d.h. das Herz und die Gefäße betreffend, Anm, d.Verf.) Risikofaktoren eine geringere Disposition aufweisen. Neurologische Erkrankungen wie Parkinsonerkrankung, multiple Sklerose und andere, zeigen überproportional erhöhte Demenzerkrankungen. Genetische Disposition tritt seltener auf, hier kommt es meist in jungen Jahren vor 65 Jahren zu einer Demenz durch eine genetische familiäre Belastung.

Wo hört altersbedingte Vergesslichkeit auf und wo beginnt Demenz? Oder anders gefragt: wann sollte eine neurologisch-fachärztliche Abklärung erfolgen?

Kirsti Heep-Szumigala: Die Unterscheidung zwischen altersbedingter Vergesslichkeit und Demenz ergibt sich durch bestimmte neuropsychologische Untersuchungen. Hier kann eine klare Abgrenzung in den Stadien festgehalten werden. Eine neurologisch-fachärztliche Abklärung sollte immer dann erfolgen, wenn zunehmende Symptome in Form von Vergesslichkeit, Sprachstörungen wie Wortfindungsstörungen, Zunahme von Gedächtnisstörungen beobachtet werden oder selbst bemerkt werden. In späten Phasen wird man sicherlich auch eine eingeschränkte Alterskompetenz beobachten können oder eine Veränderung des Sozialverhaltens.

Gibt es vorbeugende Maßnahmen oder Möglichkeiten, Krankheitsverläufe aufzuhalten oder zu verzögern?

Kirsti Heep-Szumigala: An erster Stelle der vorbeugenden Maßnahmen ist sicherlich ein aktives Leben zu führen und sich geistig fit zu halten. Da sich die meisten Demenzerkrankungen auf dem Boden einer kardiovaskulären Erkrankung entwickeln, liegt hier das besondere Augenmerk der Geriater und Gerontopsychiater. Krankheitsverläufe lassen sich nur bedingt aufhalten, hier sind sicherlich die Antidementiva die am besten untersuchtesten Medikamente, die den Verlauf zeitlich verschieben können. Eine Demenzerkrankung zu stoppen, beziehungsweise zu heilen, gelingt nicht.

Häufig reagieren Partner, Verwandte oder Freunde mit Hilflosigkeit, Unverständnis oder Ablehnung auf dementielle Erkrankungen. Was raten Sie den Menschen im Umfeld solcher Krankheitsbilder?

Kirsti Heep-Szumigala: Durch die häufigen Berichterstattungen in TV und Zeitung, ist die Hemmnis über die Erkrankung zu sprechen, deutlich gesunken. Wir raten immer wieder dazu, offen das Thema anzusprechen, es Freunden und Familienangehörigen offen zu legen und gemeinsam Strategien zu entwickeln. Direkt betroffenen Angehörigen bieten wir eine Seminarreihe „Hilfe beim Helfen“ an, in der Angehörige Informationen und Hilfestellungen erlangen aber sich auch entlasten können. Weiterhin steht die Alzheimergesellschaft mit Geschäftsstelle in der Klinik am Schlossgarten in Nottuln den Familien beratend zur Seite.

Gibt es in der aktuellen medizinischen und pharmazeutischen Forschung neue Erkenntnisse zur Klärung von Ursachen oder therapeutischen Ansätzen?

Kirsti Heep-Szumigala: Es gibt zahlreiche experimentelle Ansätze zur Behandlung der Alzheimerdemenz, die verschiedene Ansätze verfolgen, hier gab es sicherlich vielversprechende aber zum Teil nicht zum Erfolg führende Studien, die abgebrochen werden mussten. Einer dieser Möglichkeiten war der Versuch einer aktiven Immunisierung also durch eine Impfung gegen die Demenz vorzugehen, beziehungsweise gegen die Veränderung im Gehirn vorzugehen, dies gelang an einer Alzheimermaus, am Menschen schlugen jedoch die Erprobungen schon im ersten Anlauf fehl, da sich aufgrund dieser Impfungen vermehrt Hirnhautentzündungen entwickelten. Perspektivisch kann man im Moment noch nicht auf einen radikalen Durchbruch in der Forschung hoffen. Glücklicherweise kann es zu Ergebnissen führen, die erst in 20 Jahren noch nicht Dementen helfen können. Ich denke, für unser Zeitalter ist es wichtig, sich auf die Demenzerkrankten zu konzentrieren und es Ihnen zu ermöglichen, auch mit einer Demenz ein gutes und zufriedenes Leben zu führen.

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