Vier Wochen in der Wildnis Als gäbe es die heutige Welt nicht

Schöppingen/Schweden -

Nein, gesehen haben wir keinen der 240 schwedischen Wölfe. Das habe ich auch nicht erwartet. Wenn eine internationale Gruppe von acht Leuten mit 30 Kilo auf dem Buckel durchs Geäst poltert, hören und riechen uns die Raubtiere auf Distanzen. Die schwedischen Wölfe seien derart scheu, dass manche Rudel sogar das Geheule eingestellt hätten, sagten unsere Guides. Sie wurden, trotz der drohenden Ausrottung, in Schweden zuletzt bejagt.

Von Matthias Rieps

Einen Monat in der Wildnis Schwedens leben! Als ich die Annonce vom „Wolf Wild Moon“ lese, bin ich sogleich angemeldet. Die Südamerika-Radtour noch in den Knochen, bleibt eine Woche, um Wollkleidung zu organisieren, um für minus 20 Grad Celsius gewappnet zu sein.

Aber was ist ein „Moon“? Ein Moon sind gemäß der Mondlaufbahn 28 Tage. Ein Tag heißt „ Sun “ – Sonne. Zeitparameter nordamerikanischer indigener Völker. Unsere drei Leiter, Brum, Nanda und Diederik, haben jeweils bis zu zwei Jahren in der Wildnis Amerikas gelebt. In der Teaching Drum Outdoor School in Wisconsin, die ich im letzten Jahr besuchte, intensivierten sie ihre Verbindung zur Natur und lebten in Anlehnung an Lebensformen jener Urvölker.

28 Tage sollen wir von Kontakten zur Zivilisation abgeschnitten sein, ja, uns gar vor ihr verstecken. Niemand soll uns sehen. Wir simulieren den Fall, als gäbe es die heutige Welt nicht. Jedoch ist das etwas gemogelt. So erhalten wir Nahrungsmittel in unbekannten Abständen. Ganz ohne Kalorien geht es dauerhaft nicht.

Anfang Februar ziehen wir los. Vor Aufbruch wiegen wir noch unsere Leiber. 80 Kilo – hoffentlich nehm’ ich dürrer Laternenpfahl nicht so viel ab! Wir stapfen hinaus in eine unverbrauchte Landschaft. Seen glitzern, der Mischwald überzieht jeden Hügel. Das friedliche, stille Land liegt unter einer Schneedecke verborgen. Außer, dass ich in Südwestschweden bin und sich hier ein Wolfsreservat an das nächste reiht, hab ich keine Ahnung von der hiesigen Geografie.

Unser Fokus: Wolfsspuren finden, ihnen rückwärts folgen, um den Tieren nicht nachzusetzen. Über das sogenannte „Tracking“, die Kunst des Spurenlesens, zielen wir darauf, uns mit dem Wolf zu verbinden. Etwas über ihn zu lernen, sein Verhalten zu studieren.

Spuren finden wir viele. Und einen „Killsite“, ein von Wölfen gerissener Elch! Anhand jeglicher Spuren versuchen wir tagelang den Hergang zu rekonstruieren. Was war hier genau passiert? Die Überbleibsel des Elches nutzen schließlich wir: Die Knochen zertrümmern wir mit Steinen, um an das Knochenmark zu gelangen. Köstlich! Restfetzen des Fells werden enthaart und aus der Haut Schnüre für den Feuerbogen geschnitten. Steinzeitmethoden.

Die ersten Suns lernen wir Basiselemente unseres nomadischen Daseins: Lageraufbau, Wandern ohne Schwitzen, Hygiene per Schneebaden. Wir haben ein paar Luxusartikel dabei: Jeder ein Messer, Nähzeug und eine Kerze. Zwei Äxte, zwei Seile für alle. Und Regenplanen, welche als Dächer bestmöglich abzuspannen sind. Die Winterschlafsäcke halten uns warm, und als Unterlage nutze ich ein Rentierfell. Nur Unverzichtbares füllt den Rucksack. Was wir zum Beispiel nicht dabei haben: Lampe, Uhr, Elektronik, Zelte, Kochtopf, Teller, Besteck, Säge. Und es mutet an wie ein wissenschaftliches Feldexperiment, herauszufinden, was im Busch als Toilettenpapier verwendbar ist. Mit zunehmender Erfahrung kristallisieren sich drei Favoriten heraus: Bartflechten und eine weiche Moosart, aber schlichter Schnee ist der Brüller.

► Fortsetzung folgt.

 

Leserkommentare
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2329869?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947630%2F947632%2F947658%2F