Kreis Coesfeld Zentrum bremste Arbeiter-Räte aus

Dülmen. Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg und mit ihm das deutsche Kaiserreich. Doch was passierte jenseits der großen Weltpolitik 1918 und 1919 im damaligen Kreis Coesfeld? Dieser Frage ging der Kreisheimatverein Coesfeld mit seiner eintägigen Geschichtstagung „1918 – eine neue Epoche?“ im Bendix-Forum in Dülmen nach. Sechs Historiker gaben ihre neuesten Forschungen rund 100 Besuchern dazu preis. Dr. Peter Ilisch, Beisitzer des Kreisheimatvereins, und Norbert Damberg, Stadtarchivar in Coesfeld, moderierten die Veranstaltung.

Von Elvira Meisel-Kemper
Kreis Coesfeld: Zentrum bremste Arbeiter-Räte aus
Die Referenten und Veranstalter der Fachtagung: (v.l.) Dr. Dieter Potente, Dülmens Bürgermeisterin Lisa Stremlau, Dörthe Gruttmann, Dülmens Stadtarchivar Dr. Stefan Sudmann, Prof. Dr. Wilfried Reininghaus, Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr, Borkens Stadtarchivar Dr. Norbert Fasse, Dr. Tanja Bessler-Worbs und Kreisheimatvereins-Vorsitzender Hans-Peter Boer. Foto: emk Foto: az

Bereits in den Grußworten war das Jahr 1918 präsent. Hans-Peter Boer, erster Vorsitzender des Kreisheimatvereins, hatte 1965 auf einem Kriegsgräberfriedhof in Frankreich gearbeitet. „Ganz genau haben wir auf die Namensschilder geschaut.“ Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr berichtete von einem Erlebnis, dass sein Großvater als Kind in Münster hatte: „Als er mit seiner Mutter in einem Geschäft war, kamen Soldaten hereingestürmt und schossen um sich.“ Er erinnerte aber auch an die Einführung des Frauenwahlrechts 1918: „Anna Boll und Ottilie Schmäing waren die ersten Frauen im Kreistag.“ Auch die Dülmener Bürgermeisterin Lisa Stremlau erwähnte das Frauenwahlrecht als bleibende Errungenschaft des Jahres 1918.

Prof. Dr. Wilfried Reininghaus führte zum Kernthema hin. Um den Friedensschluss am 9. November 1918 wurden im damaligen Kreis Coesfeld 16 Arbeiter- und Soldatenräte, 48 Bauernräte und fünf Bürgerräte gegründet. „Das lag unter dem landesweiten Durchschnitt“, so Reininghaus. Die Übermacht der Zentrumspartei bremste vielfach die Gründung solcher Räte aus oder verkürzte ihre Existenz. Durch die Übermacht der Zentrumspartei lösten sich die meisten Räte auf, ohne bleibende Spuren im Kreis Coesfeld hinterlassen zu haben.

Auch in Coesfeld dominierte die Zentrumspartei, markierte Dr. Norbert Fasse in seinem Beitrag. Die Landbevölkerung wählte im März 1919 bei den ersten Kommunalwahlen zu 96 % die Zentrumspartei, in der Stadt Coesfeld zu 70 %. Die aussichtslose Lage der Deutschen gegen Ende des Krieges wurde der Bevölkerung gegenüber verschwiegen. Die rückkehrenden Soldaten wurden sogar wie Sieger gefeiert.

Die Verdrängung der Niederlage spiegelte sich auch im Erstarken der Kriegervereine wieder, die gerade in den 1920er Jahren mit großem Aufwand zahlreiche Kriegerehrenmäler errichteten trotz wirtschaftlicher Flaute. Auch die sogenannten „Kriegerfeste“ dieser Jahre manifestierten den Unglauben an die Niederlage des Ersten Weltkriegs, betonte Dr. Dieter Potente in seinem Vortrag.

Dörthe Gruttmann konnte für ihren Vortrag über Arbeiter- und Bauernräte in Billerbeck 1918 nur auf Lokalzeitungen zurückgreifen, ebenso Dr. Stefan Sudmann für die Situation in Dülmen und Dr. Tanja Bessler-Worbs zur Gründung der Bauernräte in Ascheberg und Herbern. Bleibt zu hoffen, dass die erkenntnisreichen Vorträge in Buchform erscheinen.

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