Katholikentag Themen in Münster: Flucht, Vertreibung, rechtes Denken

Münster -

Flucht und Vertreibung auf der einen Seite, die Proteste gegen die Teilnahme des AfD-Politikers Volker Münz auf der anderen – und dazwischen muntere Debatte über die Themen „Guter Nationalismus und schlechter Patriotismus“ und „Europa“: Beim 101. Katholikentag spielte die Politik eine große Rolle.

Von Elmar Ries
Auch wenn die Halle Münsterland ein bisschen außerhalb lag: Die Menschen kamen in Scharen, um auch dort die politischen Veranstaltungen zu besuchen.
Auch wenn die Halle Münsterland ein bisschen außerhalb lag: Die Menschen kamen in Scharen, um auch dort die politischen Veranstaltungen zu besuchen. Foto: Matthias Ahlke

Inhaltlich fügte sich vieles, auch wenn zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten un­ter verschiedenen Titeln diskutiert wurde. Erhellend: Ein Panel zum Thema Fluchtursachen. „Kein Mensch möchte seine Heimat verlassen. Wer flieht, muss in der Regel gehen.“ Die Sätze sagt Erzbischof Ignatius Ayau Kaigama aus Nigeria. Hunderte hören ihm zu. Der Geistliche weiß, wovon er spricht. Sein Land wird seit Jahren von der islamistischen Terror-Organisation Boko Haram tyrannisiert.

Knapp 65 Millionen Menschen sind gegenwärtig weltweit auf der Flucht. „So viele wie noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs“, erzählt Dr. Imme Scholz, Vize-Direktorin des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik. Lediglich drei Prozent von ihnen bewerben sich irgendwo auf der Welt um Asyl. Krieg, bewaffnete Konflikte und schwache Staaten ohne Gewaltmonopol sind die zentralen Fluchtursachen.

Batou Ebesch kann ein Lied davon singen. In Damaskus hatte sie einst große Träume. Sie zerplatzten allesamt im Krieg. Warum genau sie nach Deutschland geflohen sei, will Moderatorin Isabel Schayani wissen. Ebesh lächelt verhalten und weiß nicht recht, was sie sagen soll. Im Wort Krieg stecken schließlich schon alle Antworten.

Indirekt auch die für die Rückkehr des Nationalen in vielen europäischen Ländern, auch in Deutschland. Viele Flüchtlinge und die Angst vor einer Überfremdung treibt viele in die Arme rechter Bauernfänger. In die gleiche Richtung geht oft, wer die Globalisierung und Digitalisierung als Bedrohung empfindet. Natürlich brauchen Menschen Anker und Identitätspunkte, sagt Politikwissenschaftlerin Prof. Tine Stein aus Göttingen. Wo aber verläuft die Grenze zwischen gutem Nationalismus und schlechtem Patriotismus?

„Wir erreichen die extrem rechts Denkenden oft nicht mehr“, bedauert die rheinland-pfälzische Mi nisterpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Weil sie das Vertrauen in den Staat als Problemlöser verloren haben. Elmar Brok, CDU-Urgestein im Europaparlament, schlägt darum den Bogen nach Europa. „Wir müssen den Menschen deutlich machen, dass wir nur gemeinsam die Kraft haben, Probleme zu lösen“, sagt er. Kritisch äußert er sich zum wiedererstarkten Nationalismus in Ländern wie Polen, Bulgarien, Rumänien oder Ungarn. Die dortige Führung hätte eine Vorstellung von Freiheit, „die erschreckend ist“. Enttäuscht zeigt sich der CDU-Politiker besonders in Polen von der katholischen Kirche, „die all das in Teilen mitträgt“.

Europa als Werte-Fixpunkt und Bollwerk gegen den Ungeist. Für den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, steht Europa für fünf Werte: Menschenrechte, Frieden, Rechtsstaatlichkeit, Einssein in der Vielfalt und ganz allgemein: der Einsatz für eine bessere Zukunft. Dafür einzustehen, das zu erhalten, „bedeutet täglich Arbeit“, sagt er. Aber Europa sei all diese Mühen wert.

Wenn es endlich neu gedacht werde. Wie, ließ der Kardinal offen. „Jedenfalls nicht in den überkommenen Ost-West-Kategorien“.

Leserkommentare
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5736452?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947630%2F947682%2F5704143%2F