Trotz Kritik Talkshows halten am Konzept fest

Anne Will hat sich mit einem ausführlichen Interview mit der Bundeskanzlerin in die Sommerpause verabschiedet. Mancher hatte den Talkformaten zuletzt eine längere Pause empfohlen. Aber sie kommen alle bald wieder.

Von dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel war zu gast in der ARD-Sendung «Anne Will».
Bundeskanzlerin Angela Merkel war zu gast in der ARD-Sendung «Anne Will». Foto: Wolfgang Borrs

Berlin (dpa) - Zum Abschied in die Sommerpause hatte Anne Will am Sonntagabend einen Gast, der nicht oft kommt: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellte sich eine Stunde lang ihren Fragen. Im Schnitt 3,94 Millionen sahen zu. Der Marktanteil für das Erste lag bei 15 Prozent, ein Rekordwert war das nicht gerade.

Dabei kam Will auf eine Reihe von aktuellen Themen zu sprechen vom Fall der getöteten Susanna bis zu US-Präsident Donald Trump, der wenige Stunden zuvor seine Zustimmung zur gemeinsamen Abschlusserklärung des G7-Gipfels in Kanada auf Twitter nachträglich zurückgenommen hatte. «Die Sache ist nicht schön. Ich hab' ja von Ernüchterung gesprochen, was bei mir schon viel ist», sagte Merkel - und bekam dafür vom Studiopublikum einigen Beifall.

Bundespolitik kann bei Talkformaten durchaus ein Quotenbringer sein: 2017 hatte «Anne Will» mit 7,46 Millionen die höchsten Zuschauerzahlen überhaupt mit ihrer Sendung direkt nach dem Kanzlerkandidaten-Duell zwischen Merkel und ihrem damaligen SPD-Herausforderer Martin Schulz Anfang September. Auch die «Anne Will»-Sendung am Tag nach der Bundestagswahl am 24. September hatte mit rund 6,39 Millionen Zuschauer deutlich mehr Zuschauer als das Interview mit der Kanzlerin am Sonntag.

In diesem Jahr hatte die Talksendung bisher im Schnitt 3,51 Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von 12,6 Prozent Marktanteil. Im Jahr der Bundestagswahl waren es durchschnittlich 4,17 Millionen (14,7 Prozent). «Anne Will» macht nun bis einschließlich 5. August Sommerpause. Eine Änderung des Konzepts ist nach Angaben des verantwortlichen Norddeutschen Rundfunks (NDR) danach nicht geplant.

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, hatte in der vergangenen Woche ein Nachdenken darüber gefordert, ob sich das Erste und das ZDF nicht ein Jahr Talkpause leisten sollten, um in Ruhe über die Formate nachzudenken. «Mehr als 100 Talkshows im Ersten und im ZDF haben uns seit 2015 über die Themen Flüchtlinge und Islam informiert und dabei geholfen, die AfD bundestagsfähig zu machen. Die Spaltung der Gesellschaft hat seit 2015 deutlich zugenommen», kritisierte Zimmermann.

Der NDR teilte am Montag mit: «"Anne Will" möchte dem Trend einer immer enthemmteren und auf Eskalation ausgerichteten Diskussionskultur in den sozialen Netzwerken eine sachliche, inhaltliche Diskussion von Themen entgegensetzen.»

ARD-Chefredakteur Rainald Becker wies die Kritik an den Talkshows von ARD und ZDF in einem Interview mit der «Welt» (Montag) zurück. «Ich halte den Großteil der Kritik an unseren Talksendungen für Quatsch», sagte er. «Das ist alles vollkommen übertrieben. Da wird auch manchmal ein Sündenbock gesucht.» Den Vorschlag des Kulturrates hält er für keine gute Idee: «Uns ein Jahr Talkpause zu verordnen, das wäre so, als würden wir dem Kulturrat sagen, er solle sich ein Jahr lang nicht um Kultur kümmern. Wir finden, dass unsere Talksendungen ein bereichernder Bestandteil unseres Programmes sind.»

Die ARD-Talksendungen «hart aber fair» und «Maischberger» sind noch bis zum 18. Juni beziehungsweise 4. Juli zu sehen. Frank Plasberg kommt nach jetziger Planung am 27. August, Sandra Maischberger zwei Tage später aus der Sommerpause zurück. Auch der für beide Formate zuständige WDR sieht keinen Bedarf für grundsätzliche Überarbeitungen: «Natürlich entwickeln wir die Sendungen laufend weiter, größere konzeptionelle Änderungen sind aktuell aber nicht geplant.» Beim ZDF ist die letzte Ausgabe von «Maybrit Illner» vor der Sommerpause am 12. Juli zu sehen, die erste Ausgabe danach am 23. August.

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