Billerbeck
„Pflege ist vollkommen unterbewertet“

Billerbeck. Er ist noch lange nicht in aller Munde, und genau deshalb bedarf es seiner. In der Landwirtschaftsschule wurde der „Welt-Alzheimertag“ mit interessanten Impulsreferaten gefüllt. Dafür hatte sich das „Demenznetzwerk Billerbeck“ stark gemacht.

Montag, 23.09.2019, 08:02 Uhr
Nachdem Wilma Losemann (r.) die Gäste begrüßt hatte, führte Jeanette Kuhn durchs Programm. Foto: az

Etwa 40 Gäste hatten die Einladung dazu angenommen. Wilma Losemann, Sprecherin des Organisatorenteams, machte keinen Hehl daraus, dass „es gerne ein paar mehr Teilnehmer hätten sein dürfen. Wahrscheinlich hängt das mit dem sonnigen Wetter zusammen“. Vielleicht ja, sicherlich aber auch mit der Tatsache, dass das Thema irgendwie auch noch ein Schattendasein fristet. „Ich habe im Radio dazu heute Morgen auch nichts gehört“, machte die Journalistin und Moderatorin Jeanette Kuhn deutlich.

Demenz ist ein Syndrom, das viele verschiedene Symptome und Facetten mit sich bringt. Alzheimer ist beispielsweise eine davon. „Wenn der Angehörige von Tag zu Tag gereizter wird, mehr und mehr vergisst, abnimmt, sich bestohlen fühlt und bestimmte soziale Regeln nicht mehr einhalten kann, sind das deutliche Hinweise auf eine Erkrankung“, erklärte Dr. Stefanie Oberfeld, Demenzbeauftragte der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Derzeit sind in der Bundesrepublik 1,7 Millionen Menschen an Demenz erkrankt. Schätzungen für 2050 belaufen sich auf drei Millionen. „Der größte Risikofaktor ist das Alter“, erklärte Dr. Stefanie Oberfeld. „Bei 80-Jährigen ist es jeder Fünfte, bei 85-Jährigen jeder Vierte und bei 90-Jährigen jeder Dritte.“ Sie betonte ebenso die Dringlichkeit von psycho-sozialer Begleitung, unter anderem in Form von Pflegekursen, die Angehörige und Pflegende schulen, im sinnvollen Umgang mit Erkrankten.

Drei wichtige Faktoren braucht es in der medizinisch-pflegerischen Versorgung der Menschen mit Demenz. „Zeit, Hinwendung und fachliche und soziale Kompetenz“, erklärte Markus Wixmerten, Geschäftsführer St.-Ludgerus-Stift Billerbeck. Er forderte mehr Zeit für Fort- und Weiterbildung. Zudem müssten Diagnostik und Therapie unter den Akteuren mehr miteinander verknüpft werden. Es sei Aufgabe der Kranken- und Pflegekassen, dafür die Rahmenbedingungen zu schaffen. „Die Pflege ist vollkommen unterbewertet. Sie muss dringend eine Aufwertung erfahren“, betonte Maria Klein-Schmeink, MdB Bündnis90/ Die Grünen. Sie sprach sich dafür aus, Leistungen und Ansprüche zu bündeln, denn „Antragsteller und auch Leistungserbringer sind mit den verschiedenen Zuständigkeiten oft überfordert.“

Eben dafür brauche es Netzwerke wie das in Billerbeck, weil eben die mit den Themen und ihren Problemstellungen tagtäglich umgehen und die Politik von deren Erfahrungen partizipieren und entsprechend handeln könne.

Fakt ist leider noch, dass „die Lohnkostensteigerungen in den privaten ambulanten Diensten unterdurchschnittlich refinanziert werden“, so Frank Rothkirch, Inhaber der Rothkirch-Senioren-Dienstleistungen, der versicherte, dass „ohne gesicherte Refinanzierung viele ambulante Pflegedienste vom Markt verschwinden“. Aktuell müsse er bis zu 60 Prozent der Patientenanfragen ablehnen, weil ihm die Mitarbeiter dafür fehlen. Andere Unternehmen ginge es dabei nicht anders.

Derzeit sind 50 000 Fachkräftestellen im Pflegebereich nicht besetzt. Dr. Alfred Knierim stellte heraus, dass die pflegerische Versorgung in Deutschland künftig nicht ohne qualifizierte Kräfte aus Drittstaaten auf dem heutigen Niveau aufrechterhalten werden könne. Wilma Losemann erklärte, warum geringfügige Beschäftigungsmöglichkeiten den Personalmangel fördern: „Die Abschaffung des Minijobs wäre sinnvoll. Das hätte den Vorteil, dass jede berufstätige Frau in die Rentenversicherung einzahlt und damit der Altersarmut vorbeugt.“

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