Coesfeld
„Verfassungen fallen nicht vom Himmel“

Coesfeld. Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr reiht sich in die Schlange der Besucher ein, die ein Buch von Ex-Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert signiert haben möchten. „Er hat genau das zum Ausdruck gebracht, was damals meine eigene Motivation war, um politisch aktiv zu werden“, sagt Schulze Pellengahr. „Ich wollte etwas verändern.“

Donnerstag, 17.05.2018, 17:08 Uhr

Stellten sich zu einem Bild: v.l. Berthold te Vrügt und Dr. Wolfgang Baecker sowie Matthias Entrup (r.) von der VR-Bank Westmünsterland mit Dr. Norbert Lammert (3.v.r.) und Moderator Dr. Norbert Tiemann (2.v.r.). Fotos: vth Foto: az

Politisches Engagement war eine Kernbotschaft am Mittwochabend bei „BankLive“, zu der die VR-Bank Westmünsterland rund 600 Gäste eingeladen hatte. „Wie steht es um die Demokratie in Deutschland? Wer vertritt das Volk: Parlament, Plebiszit oder Populist?“ lautete das Thema. Lammert hielt ein Plädoyer für die Demokratie: „Demokratie steht und fällt mit dem Engagement der Bürger“, sagte er. Autoritäre Regime würden kein bürgerschaftliches Engagement brauchen. „Sie wollen es nicht und sie mögen es nicht.“

Lammert ist vor allem eins: ein brillanter Redner. Dafür ist der 1948 in Bochum geborene CDU-Politiker bekannt, der von 2005 bis 2017 Bundestagspräsident war. Einer, der sich gerne querstellte und kein Blatt vor den Mund nahm.

VR-Bank-Vorstandsvorsitzender Dr. Wolfgang Baecker freute sich, den bekannten Politiker zu begrüßen, der nach Prominenten wie Reiner Calmund, Klaus Töpfer oder Joschka Fischer Gast der BankLive-Veranstaltung war.

Lammert – er hatte eigentlich all die Eigenschaften, die ein Bundespräsident haben muss und viele sahen ihn in diesem Amt. Moderator und WN-Chefredakteur Dr. Norbert Tiemann brannte im Coesfelder Konzert Theater die Frage denn auch unter den Nägeln, warum er es nicht gemacht hat – so „von Norbert zu Norbert“. Erstaunlich ehrliche und persönliche Antworten entlockte er ihm: „Ich wollte es nicht“, sagte Lammert. Zu lange sei er Parlamentarier mit Leib und Seele gewesen. Und seine berühmten Reden, die seien auch nur solange gut, „bis jemand die Impulse aufgreift“. Er habe sich in keine Abhängigkeit bringen wollen. „Jedenfalls vermisse ich die Gelegenheit nicht, mich mit dem amerikanischen Staatsoberhaupt treffen zu müssen“, sagte er und hatte die Lacher auf seiner Seite.

Im Konzert Theater spann Lammert den Bogen von der Antike bis zum aktuellen Stand, analysierte, stellte Fragen zur Demokratie, zog die Fäden zusammen. Machte betroffen – auch das. Denn Demokratie sei auch ein labiles System. Demokratie sei nicht selbstverständlich. „Es gibt viele Länder, die für sich das Wort Demokratie reklamieren, ohne dass sie tatsächlich eine haben“, sagte er. Es seien keine 30 Staaten zu finden, die die Mindestkriterien für eine Demokratie erfüllten. „Wir gehören zu dem kleinen Teil der Menschheit, die tatsächlich eine haben.“

Die schnelllebige Zeit mit Digitalisierung und wenig Anker zum Festhalten ist auch die Zeit von Populisten. Warum sie so viel Gehör finden? „Sie geben für komplizierte Sachverhalte einfache Antworten“, analysierte Lammert. Eine einfache Antwort auf komplizierte Sachverhalte sei aber regelmäßig falsch, zitierte er George Bernhard Shaw. Weder verniedlicht noch dramatisiert werden dürfe die AfD, meinte er zum Einzug der umstrittenen Partei in den Bundestag. „Wir müssen sie argumentativ nehmen und deutlich machen, dass sie entweder keine oder eine allzu schlechte Antwort bieten.“

Lammert machte sich für parlamentarische Mehrheitsentscheidungen stark, für Mitwirkung an Politik, aber trotzdem gegen Volksentscheidungen. Denn mit dem Gegenstand von Volksentscheiden befasse sich nur ein geringer Teil der Befragten. „Die Leute überlassen ihre ureigensten Dinge anderen“, holte Lammert aus: Die Verhandlung über die eigenen Löhne übernähmen Gewerkschaften, Streitigkeiten Anwälte – „aber wenn es darum geht, ob der Bahnhof unterirdisch oder überirdisch gebaut werden soll, meint auf einmal jeder, davon Ahnung zu haben“.

Zwischendurch und am Ende gab es spektakuläre Feuershows mit Akrobatik und Tanz von den „Firedancern“. Moderator Tiemann: „Es wird heiß in der ersten Reihe.“

ZITATE:

„Verfassungen fallen nicht vom Himmel. Sie sind Ausdruck von Erfahrungen, die wir selber mit uns und unserer Geschichte gemacht haben. Ausdruck unserer Kultur.“

„Separatisten in Katalonien, Schottland und demnächst vielleicht Bayern.“

„1,2 Millionen Menschen sind Mitglieder einer Partei und 19 Millionen im ADAC. Da könnte man meinen, den Leuten sei das Auto wichtiger als Politik.“

Anzeige
Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5746989?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947601%2F
Suche nach vermisstem Teenager in Lotte-Halen geht gut aus
Auch die Freiwilligen Feuerwehren von Lotte-Wersen und Westerkappeln waren bei der Suchaktion im Einsatz. 
Nachrichten-Ticker