Hans-Karl Seeger über Sexualmoral, Transzendenzerfahrungen und ein Leben nach dem Tod
„Zukunft der Kirche liegt in der Mystik“

COESFELD. Hans-Karl Seeger sieht gewisse Dinge etwas anders als andere Kleriker in der katholischen Kirche. Vor allem die Verbote, die mit der Sexualmoral in Verbindung stehen, betrachtet der 81-Jährige kritisch. In der Familienbildungsstätte in Coesfeld hält der Geistliche aus Billerbeck am 13. Februar einen Vortrag mit dem Titel „Liebe und Sexualität – Was die Kirche heute lernen und lehren könnte.“ Unser Redakteur Florian Schütte hat mit Seeger über „Transzendenzerfahrungen“ gesprochen, die Liebe und Sexualität bieten, über die Haltung der Kirche gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe und darüber, wie er zum Zölibat steht.

Dienstag, 05.02.2019, 17:34 Uhr aktualisiert: 06.02.2019, 10:11 Uhr
„Die westlichen und östlichen Religionen könnten sich gut ergänzen“, sagt Hans-Karl Seeger. Nicht von ungefähr kommt es, dass sein Symbol das buddhistische Yin-und-Yang-Zeichen für Ausgeglichenheit im christlichen Kreuz ist, in dem „alle Gegensätze zusammenfallen“. Foto: Florian Schütte

Herr Seeger, woher kommt es, dass seit jeher im Katholizismus die Sexualmoral immer mit Sünde in Verbindung gebracht wurde?

Hans-Karl Seeger: Es wird in der katholischen Kirche unterschieden zwischen lässlichen und schweren Sünden. Gerade das sechste Gebot „Du sollst nicht die Ehe brechen“ ist das Gebot, bei dem man nur schwere Sünden begehen kann. Dadurch ist gerade dieser Bereich extrem mit der Moraltheologie verbunden. Man kann sehr viele Sünden begehen, weil schon ein unkeuscher Gedanke, wie zum Beispiel sich ein nacktes Mädchen vorzustellen, eine Sünde ist. Das Problem ist auch die Sichtweise, dass die Sexualität nur in der Ehe gelebt werden darf und auch nur zur Zeugung von Kindern. Wenn Papst Franziskus jetzt sagt, dass Sexualität etwas sehr Schönes sei, bezieht er das auf die Beziehung von Mann und Frau in der Ehe. Von meinem ersten Pastor habe ich als Kaplan gelernt: Was der Liebe und dem Leben dient, ist erlaubt.

Was ist denn mit gleichgeschlechtlichen Paaren? Wie sollte sich die katholische Kirche ihnen gegenüber verhalten?

Seeger: Da weiß ich auch noch keine Lösung, aber ich hoffe, dass sie gefunden wird. Die Schöpfung ist polar: trocken und nass, oben und unten etc. und bei Gott fallen all diese Gegensätze zusammen. In dieser Polarität hat jeder seinen Platz – von asexuell, heterosexuell, homosexuell (schwul/lesbisch), transsexuell, intersexuell bis bisexuell. Die Polarität stimmt auch bei Homosexuellen. Wenn man beispielsweise ein lesbisches Paar sieht, ist oft die eine etwas männlicher gekleidet als die andere. Auch die Kinder dieser Paare erleben diese Polarität.

In welchen – eventuell überholten – Normen liegt im Katholizismus genau das Problem?

Seeger: Die katholische Kirche denkt in Jahrtausenden. Dass dieses Problem mit dem sechsten Gebot überhaupt so groß ist, hat nicht die Predigt Jesu verursacht, sondern die Philosophie der Griechen, die sich die Seele wie einen Vogel im Käfig vorstellten. Dadurch ist im christlichen Glauben die Trennung von Leib und Seele zustande gekommen. Das Problem ist, dass die Kirche Leib, Geist und Seele nicht als Einheit sieht, sondern nur die geistige Dimension anspricht. Ich persönlich aber bin Menschensorger und nicht nur Seelsorger. Deswegen musste ich für mich als Spiritual – Spiritus ist der Geist – erst lernen, dass es eine Ganzheit gibt aus Geist, Leib und Seele.

Was hat der Missbrauchsskandal in der Kirche mit Blick auf die Sexualmoral bewirkt?

Seeger: Der Missbrauchsskandal veranlasst eine ganze Reihe von Theologen zu sagen, dass grundsätzlich über die Sexualmoral nachgedacht werden müsse. Man darf dabei nicht vergessen, dass es nicht nur in der Kirche Missbrauch gibt. Die meisten Fälle passieren in der Familie. Trotzdem müssen Priester besonders darauf achten, ihren Trieb, der wie der Macht- und Besitztrieb unersättlich ist, zu domestizieren.

Gehört der Zölibat Ihrer Meinung nach abgeschafft?

Seeger: Abschaffen wäre nicht sinnvoll, weil es in allen Religionen eine Form der Enthaltsamkeit gibt, die dann vorwiegend in klösterlichen Gemeinschaften gelebt wird. Aber man sollte es den Priestern freistellen. Warum sollte man gestandene Männer, die Frau und Kinder haben, nicht auch in der katholischen Kirche zu Priestern weihen?

Sollte das auch für Frauen gelten?

Seeger: Das wird eines Tages kommen und zwar nicht wegen des Mangels an männlichen Bewerbern. Das darf kein Grund sein. Ein erster Schritt wäre es schon, Frauen zu Diakoninnen zu weihen.

Welchen Trend beobachten Sie bei den Menschen mit Blick auf die Sexualität?

Seeger: Vor allem die Reize ziehen heute nicht mehr. Früher hätten Männer schon Gefühle bekommen, wenn sie den nackten Knöchel einer Frau gesehen hätten. Heute muss es immer mehr sein, damit es reizvoll ist. Wir fallen von einem Extrem ins andere. Oft haben Männer dabei keinen Blick mehr für die Bedürfnisse der Frau. Denn nicht selten verhält es sich wie folgt: Der Mann will Sex und nimmt die Zärtlichkeit in Kauf und die Frau will Zärtlichkeit und nimmt den Sex in Kauf.

Verzeihen Sie die provokante Frage, aber woher nehmen Sie als Priester, der den Großteil seines Lebens im Zölibat verbracht hat, die Erfahrung, um Menschen zur Sexualität zu beraten?

Seeger: Ich bin objektiv und durch das Hören von verschiedensten Begebenheiten und Situationen habe ich mir ein Wissen angeeignet, das kaum ein Ehemann hat. Damit versuche ich dann, den Menschen Empfehlungen zu geben. Ich habe nur zwei Bedingungen, wenn ich mit Menschen „arbeite“. Erstens: dass sie sich aussöhnen mit ihrer Herkunftsfamilie und zweitens: niemanden mehr dafür verantwortlich machen, wie es ihnen geht.

Was nehmen Sie aus diesen Gesprächen mit?

Seeger: Ich führe gerne Gespräche, bei denen etwas Neues entsteht. Ein Beispiel dafür ist der Satz: Als ich deine Antwort gehört habe, habe ich meine Frage überhaupt erst richtig verstanden. Dadurch habe ich eine gute Vorstellung von der Ehe. Ob ich diese auch genauso gelebt hätte, weiß ich nicht. Aber ich hätte mir zumindest Mühe gegeben.

Als Geistlicher sind Sie auch häufig bei Krankensalbungen dabei. Was passiert im Moment des Todes Ihrer Ansicht nach?

Seeger: Dann steht die Welt still. Man sagt, wir gehen durch ein Tor. Das ist eigentlich ein schönes Bild. Aber nein: Die Schleier fallen. Wir sehen das im Moment nur noch nicht. Aber Gott ist auch jetzt schon da. Denn das, was unsere Persönlichkeit ausmacht, nennen wir Seele. Und diese existiert seit ewigen Zeiten in Gott. Vor der Geburt existieren wir schon in den Köpfen unserer Eltern und nach dem Tod leben wir weiter zunächst in der Trauer, später aber in der Erinnerung unserer Angehörigen. Die Verstorbenen sind dann wieder GANZ bei Gott. Ein Vater sagte mir mal: Bei der Geburt meiner Tochter und beim Tod meines Vaters war es die gleiche Erfahrung. Es ist in diesen Momenten alles da und wir sind Teil des großen Ganzen.

Ist das mit den Transzendenzerfahrungen gemeint, von denen Sie auch in Ihrem Vortrag in der FBS sprechen werden?

Seeger: Ja, genau das! Da ist etwas, das können wir nicht formulieren. Wir machen aus Gott einen Mann. Der hat Pech gehabt, weil die monotheistischen Religionen im Patriarchat entstanden sind (lacht).

Wie stellen Sie sich Gott denn vor?

Seeger: Gott ist kein Mann, er ist auch kein Mensch. Er ist unbegreiflich. Wir müssen ihn in Worte fassen, weil er unsere Vorstellung übersteigt. Aber wir können ihn erfahren. Das Ganze ist Gott und wir sind Teil von ihm.

Wie muss die katholische Kirche sich aufstellen, um bei der steigenden Zahl von Kirchenaustritten eine Zukunft zu haben?

Seeger: Die Kirche hat eine Zukunft, aber nicht in Europa – es sei denn sie bekehrt sich. Ich glaube, die Zukunft der Religion liegt in der Mystik. Ich unterscheide zwischen Inhalt und Form. Der Inhalt ist der Bezug zur Transzendenz, die wir Gott nennen. Die Form ist: Messe feiern, Rosenkranz beten, Wallfahrten machen etc. Diese Form ist in Europa verhärtet. Sie muss sich reformieren und lebendig werden. Aber ich lasse mir meinen Inhalt nicht verderben. Hier kann das Christentum auch vom Buddhismus viel lernen, zum Beispiel dass die Vergangenheit uns nicht mehr gehört und die Zukunft auch noch nicht. Was zählt ist der Augenblick. Ganz in ihm zu leben, habe ich im Zen gelernt. Die Welt möge begreifen, dass Polarität nicht polarisieren bedeutet, sondern aus Feinden ein Gegenüber zu machen. Meine Hoffnung ist, dass das ganz klein wieder anfängt.

Am kommenden Mittwoch (13. 2.) um 19 Uhr hält Hans-Karl Seeger seinen Vortrag zum Thema Liebe und Sexualität in der Familienbildungsstätte. Anmeldungen dazu sind möglich unter Tel. 02541/94920 oder online: www.fbs-coesfeld.de

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