Gescher
Wenn aus Freundschaft Familie wird

Gescher. Zu Gast bei „seiner Familie“ in Gescher ist Pierre Louis Debavelaere. Der 19-jährige Franzose betrachtet Familie Pollmann ganz selbstverständlich als seine Verwandten. Und diese Wahlverwandtschaft zwischen den Familien Pollmann und Debavelaere besteht nun schon in der fünften Generation.

Sonntag, 16.06.2019, 19:44 Uhr
Der Franzose Pierre Louis Debavelaere (19) genießt seinen viermonatigen Aufenthalt bei Familie Pollmann, mit der seine Familie bereits in der fünften Generation eng befreundet ist. Annette Sommer, Hermann und Martin Pollmann (r.) freuen sich sehr über ihren Gast. Foto: Manuela Reher

Pierre-Louis ist der jüngste Spross jener Familie, die dem Großvater von Martin Pollmann aus der französischen Kriegsgefangenschaft verholfen hat. Clemens Pollmann kam 1945 als Knecht bei der französischen Familie in Douai unter, wo er sich für das Melken der Kühe meldete. „Dabei hatten wir zu Hause in Gescher nur zwei Ziegen“, schmunzelt dessen Sohn Hermann Pollmann. Aber die Arbeit auf dem Hof sei für seinen Vater die einzige Möglichkeit gewesen, dem Lagerleben – der Hölle auf Erden – zu entkommen.

Für die Familie in Douai, das in Nordfrankreich 50 Kilometer südlich von Lille liegt, war Clemens Pollmann ein Glücksfall. Er fertigte zum Erstaunen des Hofbesitzers Besen aus Reisig selbst an und fegte damit den Hof. Den Kindern der Familie, dazu gehörte auch die damals zweijährige Großmutter von Pierre-Louis, brachte der Gescheraner deutsche Kinderlieder bei.

Aus der Kriegsgefangenschaft entwickelte sich eine tiefe Freundschaft, die auch ohne gemeinsame Sprache funktionierte und von Generation zu Generation weiter gelebt worden ist. Durch Briefkontakte, gegenseitige Überraschungsbesuche bei Familienfesten und natürlich Telefonate wurden und werden immer wieder Neuigkeiten ausgetauscht.

Der 19-jährige Pierre Louis kennt seine besondere Familiengeschichte ganz genau und ist stolz auf seine „deutsche Verwandtschaft“. Im Reisegepäck hat der junge Mann eine deutsche Sprachlehre aus dem Jahre 1933, die er von seinen Vorfahren geschenkt bekommen hat. Aber diese muss Pierre Louis selten zur Hand nehmen, denn inzwischen spricht er ganz hervorragend Deutsch, obwohl er erst seit knapp drei Monaten bei Familie Pollmann in der Von-Galen-Straße zu Gast ist.

Seine Gastmutter, Annette Sommer, Ehefrau von Martin Pollmann, bezeichnet er als die „beste Deutschlehrerin“ überhaupt. Diese lacht und freut sich über den tollen Humor ihres Gastsohnes, der beim Sprachkurs in der Küche ein Frühstücksbrettchen schon mal als „Objekt vom Wald“ umschreibt.

Martin Pollmann ist der erste auf der deutschen Seite der Familienfreundschaft, der perfekt Französisch spricht, war er doch bereits als Jugendlicher in den siebziger Jahren mehrmals in den Sommerferien zu Gast in Frankreich und hat sich dort mit dem damals zwölfjährigen Marc Debavelaere, dem Vater von Pierre Louis, befreundet.

Martin Pollmann hat dafür gesorgt, dass Pierre Louis nicht nur das Alltagsleben in seiner deutschen Familie kennenlernt, sondern auch Berufspraktika absolvieren kann. Der Leiter der Polizeiwache Coesfeld hat dem jungen Mann ein spannendes Praktikum bei der Polizei vermittelt. Im Rathaus in Gescher durfte Pierre Louis entdecken, wie eine deutsche Kommunalverwaltung funktioniert.

„Hier dürfen die Kommunen viel mehr selbst entscheiden als bei uns in Frankreich, wo vieles zentral von Paris aus geregelt wird“, sagt der junge temperamentvolle und wissbegierige Mann, den auch bei Pollmanns alle nur liebevoll „Pi-Lou“ nennen. Auch auf dem Feierabendmarkt in Gescher hat Pierre Louis am Stand der Secco Weinhandel GmbH mitgeholfen, den Martin Pollmann gemeinsam mit Klaus Schnieder betreibt.

Auch vom Gescheraner Karnevals-Virus ist Pierre Louis bereits infiziert, versichert Martin Pollmann. Mit der Prinzengarde habe der junge Mann tüchtig gefeiert.

Martin Pollmann und seine Frau möchten Pierre Louis viele neue Erlebnisse ermöglichen. Der Gescheraner ist sich sicher, dass eine solche binationale Freundschaft das Leben aller Beteiligten enorm bereichert. „Ohne unsere Freundschaft wäre unser Leben anders verlaufen“, sagt Martin Pollmann. Sein Vater Hermann stimmt ihm zu: „Die Freundschaft hat unser aller Leben geprägt.“

Gern erinnert sich der 85-jährige Hermann Pollmann an seine erste Reise nach Frankreich, als er mit seinem Vater Clemens und zweien seiner drei Brüder 1972 die französische Familie besucht hat. Mit einem Opel Kadett B haben sich die vier Männer ganz spontan auf die 400 Kilometer lange Reise gemacht.

„Eine größere Freude hätten wir unserem Vater nicht machen können“, erinnert sich Hermann Pollmann. Alle hätten sich in den Armen gelegenen und Tränen in den Augen gehabt, so groß sei die Freude über das Wiedersehen gewesen. „Mein Opa Clemens muss auf dem Hof in Frankreich einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben“, zeigt sich Enkel Martin Pollmann überzeugt.

Immer wieder, wenn sich die Mitglieder der Familien Pollmann und Debavelaere an gemeinsame Erlebnisse erinnern und über diese sprechen, zeigen sie sich wieder gerührt.

Pierre Louis und Martin Pollmanns 27-jährige Tochter Maike sind sich ihrer Verantwortung wohl bewusst, die Freundschaft zwischen den beiden Familien weiter zu pflegen. Dabei spiele große Dankbarkeit auf beiden Seiten immer wieder eine entscheidende Rolle.

Anfang Juli wird Pierre Louis wieder nach Hause zurückkehren und im September sein Wirtschaftsstudium in Aix-en-Provence in Südfrankreich aufnehmen. Besuche in seinem „Zuhause“ in Gescher sind bereits geplant – ganz im Sinne seines Urgroßvaters.

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