Naturnaher Klostergarten in Gerleve
Vom Zauberbaum und Zahnwehstrauch

Billerbeck. „Das ist ein Zauberbaum“, sagt Pater Kilian und pflückt ein Blatt ab. Er zerreißt es vorsichtig. Die beiden Blatthälften fallen aber nicht auseinander. Winzige, filigrane weiße Fäden halten sie zusammen. Nicht direkt auf den ersten Blick zu sehen, aber beim genaueren zweiten.

Montag, 03.08.2020, 06:03 Uhr
Diese Orange ist noch nicht reif. Essbar ist sie aber auch nicht. „Nur dekorativ“, so Pater Kilian. Foto: az

In den Blättern ist ein Stoff, „der an der Luft sofort zu einem elastischen Material erstarrt“, erklärt der Benediktiner. Er hegt und pflegt den Naturgarten, der sich auf dem hinteren Gelände des Klosters Gerleve befindet. „Es ist ein Sammlergarten“, so Pater Kilian, der die Gewächse sammelt und auch von Reisen und Ausflügen mitbringt. Mehrere Hundert Gehölze und Stauden finden sich dort. Raritäten, Spezialitäten, Kuriositäten und Seltenheiten. „Es gibt hier nicht nur Exoten, sondern auch heimische Arten“, erzählt der Mönch bei einem Rundgang.

Verwunschen wirkt der Garten. Schmetterlinge fliegen umher. Blumen ranken hier und dort über den schmalen, rund einen Meter breiten Weg. So wie die Kugeldistel. „Die macht sich hier auch schon wieder breit“, sagt Pater Kilian und lächelt. Bei Bienen ist das Gewächs besonders beliebt. „Manchmal sitzen auf einer Kugel zehn bis 15 Bienen. Alle stürzen sich drauf“, so der Pater, der vor seinem Eintritt ins Kloster Garten- und Landschaftsarchitektur studiert hat und für den auch der Umweltschutz eine Herzensangelegenheit ist. Kürzlich hat er ein Sandbeet angelegt, um solitär lebenden Bienen einen Unterschlupf zu bieten. Sie bauen ihr Nest in der Erde. Die Totholz-Burg bietet einen Rückzugsort für Zaunkönig, Singdrossel und Igel. Im Bau befindet sich noch eine Lindenlaube. In den Bienenbäumen summt und brummt es.

Die Natur hat in diesem Garten Vorrang. „Es ist kein Nagelscherengarten“, betont der Benediktiner. Die wilden Glockenblumen hat er zwar selbst auf dem Areal ausgesät, „aber seitdem dürfen sie machen, was sie wollen.“ Pater Kilian lässt der Natur freien Lauf. Dort, wo es zu viel wird, wird er tätig. Er mag es naturnah. Im kleinen Teich fühlen sich Kröten, Molche und auch Vögel pudelwohl. Auch viele Insekten sind vor Ort, löschen ihren Durst.

Gerade stolziert ein Flattermann auf den Steinen des kleinen Gewässers umher. Eine Amsel. Sie putzt ihr Gefieder. „Wie die baden und trinken, welchen Spaß sie haben – das ist einfach schön zu sehen“, findet der Benediktiner. Es ist eine kleine Oase für Mensch und Tier. Bänke laden dazu ein, sich zu setzen und zu genießen. Um einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Zwischen Titan- und Eidechsenwurz, Hagebutte, Zimtbaum, Schlangenhaut-Ahorn, Storchenschnabel, mazedonischer Knautia, Weinbergpfirsich, Märzenbechern, Dahlien, Brennnesseln, Flieder und Klappernuss. Von der Klappernuss beherbergt der Pater rund zehn verschiedene Sorten aus allen Teilen der Welt. Auch viele Rosen wachsen und gedeihen – darunter historische Sorten, die zum Teil seit Jahrhunderten bekannt seien. „Diese hier“, sagt der Mönch und zeigt auf eine der Rosen, „hat weiß-rosafarbene gestreifte Blüten. Man könnte meinen, dass es eine moderne Züchtung ist, dabei gibt es sie seit Jahrhunderten.“ Pater Kilian zerreibt ein Blatt der Süßdolde. Es riecht süßlich-würzig, leicht nach Anis. „Früher wurden die Blätter als stärkendes Mittel für ältere Leute in den Wein getan“, berichtet er. Unscheinbar sieht die Süßdolde aus. „Aber wenn sie weiß blüht, sieht die toll aus“, so der Mönch. Ein paar Schritte weiter steht eine Mispel. Sie trägt gut. Die Früchte sind essbar. Gelee kann unter anderem aus ihnen zubereitet werden. Auch ein Zahnwehstrauch wächst in dem Garten. „Indianer haben früher das Holz gekaut. Es betäubt“, informiert der Benediktiner.

„Der Garten hat zu allen Jahreszeiten seinen Reiz. Es blüht nicht alles auf einmal, vieles löst sich ab. Aber der Schwerpunkt liegt auf dem Frühjahr“, so Pater Kilian. Es soll ein grüner Rückzugsort sein – für Gäste und Besucher.

7 Nächster Serienteil: Schlosspark und Tiergarten Velen am Mittwoch (5. 8.) auf der Gescher-Seite.

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