In und um die Kolvenburg auf Zeitreise
„Geschichte zum Atmen“

Billerbeck. Eine leichte Brise bringt die Blätter der großen Kastanie zum Rauschen. Sie trägt gut. Viele grüne, stachelige Fruchthüllen baumeln an den Ästen. Noch verbergen sie in ihrem Inneren die runden, braunen Nussfrüchte. Links davon ragt die Kolvenburg in einen strahlend blauen Himmel. Bilderbuch-Wetter.

Samstag, 08.08.2020, 07:54 Uhr
Die Billerbeckerin Monika Stockmann engagiert sich als Gästeführerin und nimmt Interessierte mit auf eine Zeitreise in und um die Kolvenburg. Foto: Stephanie Sieme

Wer das Anwesen durch die Holzpforte betritt, geht auf eine kleine Zeitreise. Es sprüht vor Geschichte – auch wenn sie in der Außenanlage nicht gleich auf den ersten Blick erkennbar ist. „Der Ursprung lag in der Motte“, erzählt Monika Stockmann, die sich als Gästeführerin bei der Stadt Billerbeck engagiert und auch in Kooperation mit dem Kreis Coesfeld Führungen rund um die Kolvenburg übernimmt. Bei einer Motte handelt es sich um einen künstlich angelegten Erdhügel mit einem turmförmigen Gebäude. „Die Motte war von mehreren Trockengräben umgeben. Als Schutz vor Angreifern“, so die Billerbeckerin. Durch Zugbrücken konnten diese Gräben überwunden werden. Bei Gefahr wurden diese Brücken einfach hochgeklappt. „Angreifer hatten Mühe und Not in den Gräben hoch und runter zu klettern. Sie waren relativ steil“, erklärt die Gästeführerin. Die Motte existiert nicht mehr, aber ein Trockengraben ist heute noch zu sehen. Versteckt hinter Gebüschen und Bäumen. Ein, zwei kleine Trampelpfade laden zum Entdecken ein.

Das Areal rund um die Kolvenburg verfügt über eine riesige Rasenfläche, die auch für Kulturveranstaltungen wie Sommerkonzerte genutzt wird. Wer über das Gelände schlendert, hat immer einen direkten Blick auf die Kolvenburg, an deren Rückseite viele unterschiedliche Bauspuren entdeckt werden können. Denn die Kolvenburg, so wie sie heute im Bereich Schulzentrum steht, ist nicht das ursprüngliche Gebäude. Sie besteht aus verschiedenen Gebäudeteilen, die nach und nach gebaut wurden. Sie ist nicht aus einem Guss. Zehn nachgewiesene Bauabschnitte haben ihre Spuren hinterlassen: ausgemauerte Kamine, gefüllte Nischen, freigelegte Türrahmen, Stürze, ganz unterschiedliche Formen von Flickwerk, allerlei Versatzstücke, Brüche und Kanten im Mauerwerk. Schmale und breite Schießschaten für Armbrüste und Handbüxen, verschlossene und geöffnete Türen und Fenster. „Geschichte zum Atmen“, sagt Monika Stockmann. Mitten aus dem Mauerwerk ragt der kleine Teil einer Kugel hervor. Eine steinerne Kanonenkugel. Echt ist sie nicht. Sie diente früher zu Abschreckung. Um Feinden zu symbolisieren, dass es kein Durchkommen gibt.

Ein paar Schritte weiter ist lautes Geschnatter zu hören. Enten baden genüsslich im Wasser. Die Erbauer errichteten die Burg ganz bewusst an dieser Stelle. Denn neben den breiten Trockengräben, erstreckt sich in Richtung Stadt das sumpfige Berkelbett, in dem es sich heute die Enten gemütlich machen und früher ebenfalls als Schutz diente. Ein natürlicher Schutz. „Es ist schwer zu durchdringen – auch mit Booten“, so Monika Stockmann. Bäume und Sträucher stehen in diesem Teil dicht an dicht, spenden im Hochsommer Schatten. „Es sieht ein bisschen verwunschen aus. Ein Garten im Dornröschenschlaf“, findet die Gästeführerin. Holunder, eine große Eibe und Hortensien wachsen und gedeihen unter anderem auf dem Areal. Sechs Hortensiensorten aus drei verschiedenen Jahrhunderten sind 2006 mit zwei alten Delphinium Ritterspornarten an der Kolvenburg gepflanzt worden.

Sweder von Billerbeck soll die Kolvenburg vermutlich erbaut haben. Erstmals dokumentiert wurde sie im 13. Jahrhundert. Ob er wirklich der Erbauer ist, „kann man nicht genau sagen“, so die Gästeführerin. „Es ist eine Burg mit vielen Fragezeichen. Vieles wurde erst durch die Sanierung entdeckt.“ Durch die verschiedenen Bauabschnitte habe das Gebäude zahlreiche Veränderungen erfahren. Ende des 16. Jahrhunderts soll sie fertiggestellt worden sein. Ein Torhäuschen, eine Scheune und ein Wirtschaftsgebäude habe es gegeben. Legenden rangen sich um die Burg. So wie die zur Gründung. Karl der Große soll demnach die Burg erbaut haben, um ein Bollwerk des Christentums mitten in einer heidnischen Gegend zuschaffen. „Das stimmt nicht“, weiß Monika Stockmann. Und eher unwahrscheinlich sei auch die Existenz eines unterirdischen Gangs, der bis zum Archidiakonat führen soll. Der hätte nämlich tief unter dem Berkelbett herführen müssen.

Der Kreis Coesfeld, der die Kolvenburg von der Familie von Twickel gepachtet und seit 1976 als Kulturzentrum betreibt, veranstaltet Ausstellungen, Konzerte und Märkte. Auch Trauungen finden dort statt.

Führungen mit maximal zehn Personen, inklusive Gästeführerin, werden unter dem Motto „Kolvenburg bis unters Dach“ angeboten. Anmeldung sind per E-Mail an kolvenburg@kreis-coesfeld.de oder unter Tel. 02543/15 40 möglich.

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