Comedian Martin Fromme nimmt das Thema Behinderung aufs Korn
Tabubrüche am laufenden Band

Billerbeck. „Ja, ich bin behindert.“ Kurzes Schweigen. Dann: „Ich bin Brillenträger.“ Martin Fromme lacht, sein Publikum auch. Der linke Arm des Comedy-Künstlers, verkürzt und ohne Hand, rückt für einen kurzen Moment aus dem Fokus. Aber dann voll hinein: „Mein Arm ist ‘ne Schnitzarbeit aus dem Erzgebirge. Zu Weihnachten kann ich ‘ne Kerze drunterstellen, dann dreht der sich.“ Fromme kreist mit dem kurzen Arm, lacht und zieht das Publikum in Billerbecks Bahnhof mit. Das hat spätestens jetzt eine blasse Ahnung von dem, was da noch so kommen mag.

Sonntag, 06.09.2020, 19:16 Uhr
Perspektivwechsel: Martin Fromme singt auch schon mal im Liegen und verballhornt den Song „Mrs. Robinson“ zu „Hallo, ich hab Parkinson“. Foto: az

Eigentlich sollte Fromme schon im März auftreten. Corona verhinderte das. Am Freitagabend war das Publikum überschaubar, da durch den gebotenen Abstand erheblich weniger Zuschauer kommen konnten. Dennoch war die Veranstaltung ausverkauft, wie Ulrike Feldkötter-Muschner vom IBP wusste. Darüber freute sich auch der Vertreter der Bürgerstiftung Billerbeck, Günter Idelmann, denn die Bürgerstiftung hatte mit ihrer „Zehn mal Tausend Euro“-Aktion den Auftritt unterstützt.

Mit Fromme hatten sie einen Vollblut-Comedian der etwas anderen Art geholt. Einer, der aus der Not, pardon der Behinderung, eine Tugend gemacht hat. „Wir Behinderte werden ständig angeguckt. Bei mir müssen die Leute dafür bezahlen.“ Und das tun sie augenscheinlich gern. Fromme macht Späße über Behinderte, und es darf gelacht werden. Denn: Er lacht herzlich mit und damit auch über sich selbst und sagt dazu: „Mein Konzept ist nicht, zu schocken, sondern miteinander zu lachen.“

Das geht in Billerbeck voll auf. So erklärt er dem Publikum zum Beispiel die Behindertenausweise. „Fünfzig Prozent gibt’s bei Teilverlust des Penis.“ Wie „Mann“ den verliert? „Der Eichelprozessionsspinner ist schuld.“ Auch das Marketing für Behinderte sei ausbaufähig, erklärt er. So wie es für außergewöhnlich schöne Frauen Miss-Wahlen gäbe, so könnten sich auch Behinderte für Außergewöhnlichkeit feiern: „Miss-gestalt, Miss-geburt, Miss-bildung.“

Dass Angela Merkel gegen „Arm im Alter ist“ empfindet der Comedian indes als einen „Schlag ins Gesicht aller einarmigen in Deutschland.“ Hatte er sich doch auf einen Arm gefreut. „Hätte gern den von Brad Pitt gehabt.“

Martin Fromme ist nicht nur wort-, sondern auch stimmgewaltig. Das beweist er mit seinen Songs. So wird aus Simon & Garfunkels „Mrs. Robinson“ „Hallo, hallo, ich hab Parkinson. Mag meine Drinks geschüttelt, nicht gerührt.“ Oder Hildegard Knefs regnende Rosen werden zu „Für mich soll’s multiple Sklerosen regnen.“ Er singt locker-flockig, lässt dadurch bei seinem Publikum erst gar keine Scham aufkommen.

Das 75-minütige Programm mit Tabubrüchen am laufenden Band verfliegt nur so. Der Abend ist ausgefüllt von der Vielseitigkeit des Bühnenkünstlers, der nicht nur singen und reden kann, sondern auch vor der „Versteckten Kamera“ der Aktion Mensch Leute reinlegt oder im weltweiten Netz kuriose Fotos von und über Behinderungen findet.

„Das war ein schöner Abend und wirklich kurzweilig,“ freut sich eine Zuschauerin am Ende. Recht hat sie.

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