Kinderliedermacher Klaus Foitzik über die Bedeutung einer Branche
„Kultur ist ein Spiegel der Identität“

Billerbeck. „Für nächstes Jahr sieht es absolut mau aus“, sagt Klaus Foitzik. Zwei Konzerte stehen für den Kinderliedermacher bislang in 2021 an. „Sonst stehen zu dieser Zeit schon um die 20 Veranstaltungen fest“, erzählt er. Bis vergangenen März hat der Billerbecker noch zwischen 20 bis 25 Auftritte, war auf Tour. Dann kam es zur Pandemie – inklusive Lockdown im Frühjahr. „Von März bis Juli hatte ich überhaupt keine Konzerte. Das ist eigentlich eine Zeit, in der 30 bis 40 anstehen“, so Foitzik. Seit Juli kann er die mit ihm gebuchten Veranstaltungen an einer Hand abzählen. Und nun ist die Kulturbranche auch vom zweiten Lockdown betroffen. Vier Wochen lang, den kompletten November über, sind bundesweit alle Kultureinrichtungen geschlossen, finden keine kulturellen Veranstaltungen statt. Die Stadt Billerbeck geht noch einen Schritt weiter und hat bis Jahresende alle Veranstaltungen abgesagt, die nicht zwingend notwendig sind. Davon betroffen sind auch alle städtischen Kulturveranstaltungen.

Mittwoch, 04.11.2020, 14:38 Uhr
„In this world of trouble my music pulls me through“ heißt übersetzt „Durch diese schwierige Zeit wird mich meine Musik bringen“. Es sind Zeilen aus dem Lied von John Miles. Gerade in diesen Zeiten sei Kultur für die Menschen wichtig, so Klaus Foitzik. Foto: privat

Klaus Foitzik ist als Kinderliedermacher bundesweit unterwegs. „Ich hätte jetzt im November sieben oder acht Konzerte gehabt, die natürlich alle nicht stattfinden. Ich denke, dass vielleicht noch im Dezember was möglich ist – wenn es beim Lockdown im November bleibt“, sagt der Musiker. „Aber ich denke nicht, dass ich in Schulen und Kitas auftreten kann.“ Dort findet ein Großteil seiner Konzerte statt. „Die haben jetzt andere Sorgen“, so der Domstädter, der sich bereits über seine Zukunft viele Gedanken gemacht hat. Er hat mit einer Weiterbildung zum Tontechniker begonnen. „Ich brauche ein zweites Standbein“, sagt er. Neben seinen Auftritten mit eigenen Programmen möchte er künftig Musik selbst produzieren. Seine eigenen Songs und auch die anderer Künstler. Foitzik: „In diesem Bereich habe ich ja schon Vorkenntnisse.“ Zudem sei er mit anderen Künstlern, vor allem in der Kinderliedermacher-Szene, gut vernetzt. „Es ist zu befürchten, dass es künftig nicht mehr so viele Konzerte wie sonst gibt. Da muss ich Vorsorge treffen“, erklärt der Billerbecker, der mit vielen anderen Künstlerin im regen Austausch ist. Die Existenzängste sind groß. „Die habe ich selber auch. Für mich ist das aber eine andere Situation“, sagt er. Er habe keine Geschäftsräume, keine Angestellten, keine Fixkosten. Zur Not könne er auch eine Weile unterrichten. Schließlich hat er eine Ausbildung in der musikalischen Früherziehung gemacht. „Ich bin da sehr viel flexibler als andere. Das sind viele Kollegen von mir nicht. Ein befreundeter Künstler weiß nicht mehr, wie er sein Haus abbezahlen soll. Seine Frau ist auch Künstlerin. Die sind völlig in Not geraten. So geht es vielen Künstlern. Das ist dramatisch“, sagt Foitzik. Dem Billerbecker gehe es gut – zwar nicht himmelhochjauchzend, aber irgendwie reiche es noch. „Toi, Toi, toi“, betont er. Noch viel schwieriger finde er eine andere Situation. Zwar arbeite er an einem neuen Programm, aber das falle ihm alles andere als leicht. „Ich weiß nicht, wofür ich die Lieder schreiben soll. Mir fehlt der Ausblick“, erklärt der Musiker. „Künstler machen nichts für sich, sondern für andere.“ Man wolle auftreten, zeigen, was man geschaffen habe. Kinder würden sich bei Konzerten richtig einmischen, voller Inbrunst mitmachen. „Das fehlt mir richtig“, so Foitzik. „Das geht mir auch bei allen Diskussionen unter, weil es nicht zu den Aufgaben von Politik gehört. Aber ich finde, wenn man es aus Sicht des Publikums sieht, dann ist es etwas Politisches.“ Kunst und Kultur seien für die Menschen ein Spiegel der Identität. „Egal, ob ich Schlager mag oder Heavy-Metal-Fan bin. Das ist ein Stück Lebensgefühl, mit dem ich mich identifiziere. Das bin ich. Das ist mein Ding. Und das wird alles nun komplett gestrichen. Die Menschen werden unzufrieden. In Deutschland gibt es politische Kräfte, die die Unzufriedenheit für sich ausnutzen. Da halte ich für gefährlich. Ich wäre sehr dafür, die Kultur aufrecht zu erhalten, damit die Menschen im Gleichgewicht bleiben können“, so der Kinderliedermacher. „Wenn man einem Vogel sagt: Fliegen ist toll, aber jetzt gehst du zu Fuß, dann wird dem Vogel das Entscheidende genommen und desto schlimmer geht es ihm.“ Besonders für Kinder, die ihre eigenen Gedanken und Gefühle nicht so ausdrücken könnten wie Erwachsene, seien Kulturveranstaltungen in dieser Zeit wichtig. Denn auch sie seien verunsichert, hätten Ängste und Sorgen. Und das Bedürfnis nach Kultur sei da. „Mein Stadtfest-Auftritt war einer der wenigen Konzerte in der letzten Zeit. Und es war proppenvoll. Das Publikum war richtig dankbar“, erzählt er. Bei einem Konzert-Experiment mit dem Sänger Tim Bendzko hätten Forscher und Mediziner herausgefunden, wie Veranstaltungen sicher stattfinden könnten. „Das fand ich einen tollen Ansatz“, so der Billerbecker. „Das Ergebnis des Konzert-Experiments ist, dass ein pauschales Verbot von Großveranstaltungen möglicherweise nicht sinnvoll ist.“ Trotz allem hat Foitzik aber auch Verständnis für die politischen Entscheidungen. Foitzik: „Natürlich geht die Gesundheit vor.“

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