Amber-Chiara Eul hat kurz vor der Pandemie ihren Master in Musical abgeschlossen
„Ich falle durch alle Raster“

Billerbeck. Zwei Tage vor dem ersten Lockdown hatte Amber-Chiara Eul ihren Masterabschluss „Musical“ in der Tasche. „Ich dachte, dieses Jahr wird richtig aufregend, was meine Engagements angeht“, sagt die 25-Jährige. Durchstarten wollte sie, jetzt richtig loslegen. Und Engagements hatte die gebürtige Billerbeckerin auch. In Darmstadt. In Ingolstadt. In Kaiserslautern. Doch durch die Corona-Pandemie ist alles ganz anders gekommen. „Alles wurde verschoben“, erzählt sie. In Darmstadt wurde die Produktion ersatzlos gestrichen. Und es kam durch das coronabedingte Berufsverbot noch viel schlimmer. „Es sind nur ein paar Wochen an Arbeit, die mir fehlen, damit ich Anspruch auf Arbeitslosengeld habe. Ich hab so wenig verdient, dass man es mir nicht als hauptberufliche Tätigkeit anrechnet. Also erhalte ich auch keine Soforthilfe. Als Berufsanfängerin falle ich durch alle Raster“, erzählt Amber-Chiara Eul. „Doch ich versuche mich nicht unterkriegen zu lassen.“ Mit einem Aushilfsjob als Verkäuferin in einem Modegeschäft hält sich die junge Frau über Wasser.

Samstag, 28.11.2020, 08:56 Uhr
Amber-Chiara Eul hat Musical studiert. Zwei Tage vor dem ersten Lockdown hatte die 25-Jährige ihren Masterabschluss in der Tasche. Foto: Tim Hüning

Auch wenn sie für die Maßnahmen von Bund und Länder Verständnis hat, sei es aber unfassbar frustrierend, wenn man keine finanzielle Unterstützung bekomme. Es sei schwer, sich mal eben ein zweites Standbein aufzubauen. Amber-Chiara Eul hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. „Das war kein leichter Weg. Ich bin ihn trotzdem gegangen“, berichtet sie. „Das waren vier Jahre lang harte Arbeit.“ Bereits die Aufnahmeprüfung an der Theaterakademie in München sei hart gewesen, habe einiges abverlangt. Sie hat es geschafft und Musical studiert. Sieben Tage pro Woche Training. Singen, Tanzen, Schauspiel, Fitness. Anstrengend, aber: „Das war eine unfassbar schöne Zeit“, sagt die 25-Jährige.

Musik begleitet sie schon das ganze Leben lang. „Mein Papa hat schon immer Musik gemacht. So habe ich das dann wohl auch mitbekommen. Er hat mich auch immer sehr motiviert“, erzählt Amber-Chiara Eul. Ihren ersten größeren Auftritt hatte sie 2007 auf der Pfingstwoche beim Song Contest „Stars Feeling“. Regelmäßig sang sie auf diversen Hochzeiten und trat auch beim Billerbecker Stadtfest auf. Auszeichnungen hat sie beim Wettbewerb „Jugend musiziert“, das renommierteste Musikförderprojekt Deutschlands, erhalten. Zweimal auf Bundesebene. In den Kategorien Duo-Gesang und Musical. Nach dem Abitur ist die gebürtige Domstädterin für zwei Jahre nach Berlin gegangen, um sich dort bei einer Musikschule auf die Aufnahmeprüfung für die Theaterakademie vorzubereiten. Mit Erfolg. Vier Jahre lang hat sie studiert und erste Engagements gehabt.

Ihr allererstes hatte sie in Nürnberg am Staatstheater in dem Stück „Catch me if you can“. Sie war die Zweitbesetzung der Brenda, eine der Hauptfiguren. In München hat sie in „Peter Pan“ den Peter Pan gespielt. „Das hat Spaß gemacht. Das war zusammen mit dem bayrischen Rundfunkorchester“, erzählt die 25-Jährige. Es folgten unter anderem Besetzungen in den Produktionen von „John und Jen“ sowie „American Idiot“. Im vergangenen Juli ist sie wieder nach Berlin gezogen. „Ich fühle mich hier sehr wohl. Meine besten Freunde sind hier. Berlin hat auch eine große Künstlerszene und ich komme von hier schnell überall hin.“

Die jetzige Zeit sei eine echte Herausforderung, in der es viele Zukunftsängste gebe. „Es gibt Tage, da hat man neue Motivation, Mut und Kreativität und es gibt Tage, an denen das nächste Engagement abgesagt wird und man nicht weiß, wie es überhaupt weitergehen soll“, sagt Amber-Chiara Eul, die auch an einer Demonstration der Kampagne „Alarmstufe Rot“ teilgenommen hat. „Natürlich mit Schutzmaske und Abstand“, betont sie. Dabei handelt es sich um eine Kampagne der Veranstaltungsbranche, in der auf die schwierige Situation hingewiesen wird und die unter anderem auch von Campino von den Toten Hosen oder Dieter Hallervorden unterstützt wird. „Es wurden der Politik Vorschläge unterbreitet, aber leider passiert nicht so viel“, sagt Amber-Chiara Eul. „Für die Autoindustrie und Fußballer aber schon.“ Dafür habe sie nicht so viel Verständnis.

Sie hat die Zeit genutzt, um eigene Projekte anzugehen, hat im Tonstudio selbstgeschriebene Songs aufgenommen und versucht sich, weiterhin fit zu halten. „Ich überlege auch, zum nächsten Semester ein Fernstudium zu beginnen“, erzählt sie. Ein Lichtblick: Seit dieser Woche ist sie zehn Tage lang für Proben am Theater in Ingolstadt. Für das bekannte Musical „Der kleine Horrorladen“, in dem sie mitspielt. Es ist ihr erste Arbeitsstelle seit Februar. Sobald die Theater wieder öffnen dürfen, soll es auch die Aufführungen geben. Das gibt der 25-Jährigen Mut.

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