Freilichtbühnen-Schneiderei hat Kostüme für Theater Marl genäht
Mit Melone und Schlafanzug zum Mond

Billerbeck. Für Steffi Bäumer-Enzen, Dagmar Nauschütte und Brigitte Schumacher von der Freilichtbühnen-Schneiderei war es eine ganz besondere Aufgabe. Denn sie haben nicht wie sonst üblich Kostüme für die eigenen Produktionen fleißig genäht, sondern sich für das Theater Marl an die Nähmaschinen gesetzt und die Schauspieler für die Inszenierung des Wintermärchens „Peterchens Mondfahrt“ textilmäßig ausgestattet. „In dieser Coronazeit war das ein Highlight“, sagt Brigitte Schumacher. „Das hat richtig Spaß gemacht.“ Schließlich hat die Freilichtbühne ihre Saison coronabedingt abgesagt, das Nähen der Kostüme für das eigene Wintermärchen wurde ad acta gelegt. Für die Kostüme in Marl hätten sie viel mit Fotos der Schauspieler gearbeitet, da eine Anprobe wie sonst üblich nicht möglich war. Die Größen hätten zwar vorgelegen, „aber eine Größe 38 ist nicht eine Größe 38“, so Dagmar Nauschütte. „Wir haben quasi Blind auf Papier gearbeitet.“ Also seien sie auch mal selbst in die Kostüme geschlüpft, um sie anzuprobieren. Steffi Bäumer-Enzen, die selbst auch als Regisseurin aktiv ist, hat auch schon „Peterchens Mondfahrt“ vor vielen Jahren inszeniert. „Da hatte der Maikäfer verkehrte Fühler“, erinnert sie sich und muss dabei lachen. „Mich hat der Ehrgeiz gepackt, dass es nun die richtigen werden.“ Die Fühler hat sie aus Moosgummi gestaltet und an einer Melone befestigt. Es sei ein modernes Maikäferkostüm, das aber die besonderen Merkmale dieses Insekts habe – eben die Fühler und das weiße Zackenband am Körper.

Montag, 22.02.2021, 06:22 Uhr
Die Nachtfee mit dunkelblauem Kleid und Umhang wird von Pia Alena Wagner gespielt. Foto: az

Der Maikäfer spielt in „Peterchens Mondfahrt“ eine zentrale Rolle. Es ist die Abenteuergeschichte, geschrieben von Gerdt von Bassewitz, des Maikäfers Herr Sumsemann, der mit den Menschenkindern Peter und Anneliese zum Mond fliegt, um von dort sein verlorengegangenes sechstes Beinchen zu holen. Auf ihrem Weg begegnen sie unter anderem dem Sandmännchen, der Nachtfee, den Naturgeistern, dem großen Bären und dem Mondmann. Die Regie für die Inszenierung im Theater Mal hat Cornelius Demming übernommen. Seit fünf Jahren leitet der Billerbecker das Theater Marl. „Ich hatte von vornherein die Idee, dort auch selber Stücke zu produzieren“, sagt der Regisseur und Dramaturg. Denn eigentlich ist das Theater Marl ein reines Gastspiel-Theater. „Es kommen Ensembles zu uns und führen ihre Stücke auf“, erklärt er. Wie im Konzert Theater Coesfeld. Das Theater Marl ist auch Schauplatz der Grimme-Preis-Verleihung und Veranstaltungsort bei den Ruhrfestspielen. Namhafte Künstler und Ensembles sind in dem renommierten Haus, das es seit den 50er-Jahren gibt, zu sehen.

Für die erste eigene Produktion hat Demming sich mit „Peterchens Mondfahrt“ einen Klassiker ausgesucht. Allerdings hat das Theater Marl keinen eigenen Kulissenbau und keine eigene Kostümschneiderei. Das Bühnenbild hat kurzerhand ein Handwerkerteam der Marler Stadtverwaltung gebaut. Für die Kostüme hat sich Demming in den Fundussen anderer Theater umgeschaut, aber nicht das Passende gefunden. Als er gehört hat, dass die Freilichtbühne Billerbeck ihr Winterstück absagt, hat er dort angefragt, ob die Schneiderei Kostüme anfertigen könne. „Ich kenne den Kostümfundus der Freilichtbühne sehr gut“, so Demming. Schließlich ist er dort selbst seit über 30 Jahren aktiv – vor und hinter der Bühne, als Schauspieler und Regisseur. „Die Schneiderei ist richtig gut, richtig talentiert.“ Das Team sei Feuer und Flamme gewesen. „Es gab kein Halten mehr, sie haben sich sofort an die Nähmaschinen gesetzt und losgelegt.“ Für die Nachtfee haben sie einen dunkelblaues Kleid und einen langen, blauen Samtumhang genäht – mit hohem Stehkragen und Sternen. Für die Figuren von Peter und Anneliese haben sie besondere Schlafanzüge mit Weltraummotiven gefertigt. Der Donnermann ist unter anderem mit einem Bauhelm ausgestattet, der mit weißen Schneebällen besetzt ist. Für das Sandmännchen gab es einen blauen Bademantel, dessen Aufschläge in Gold sind, sowie eine goldene Hose. Die Blitzhexe hat eine Mütze mit Lametta verpasst bekommen.

Eine Freilichtbühne, die durch das Engagement vieler Ehrenamtler betrieben wird, arbeitet für ein großes Theaterhaus. Für beide Seiten hat das Synergieeffekte. Die Freilichtbühne, die derzeit keine Einnahmen habe, hat für das Engagement der Nähdamen eine finanzielle Belohnung erhalten. Das Theater Marl hat für die eigene Produktion Kostüme genäht bekommen und konnte sich weitere aus dem Fundus leihen. Bislang konnten die Kostüme einem Publikum in Marl noch nicht präsentiert werden. Coronabedingt musste die Premiere im Dezember auf den nächsten Winter verschoben werden. Das Theater ist wie alle anderen Kultureinrichtungen geschlossen. Es hatte aber eine Videoaufnahme vom Stück sowie eine Hörfilmfassung, die im Radio gesendet wurde, veröffentlicht. „So konnten wir wenigstens ein bisschen was machen. Für Schauspieler und Regisseure ist es schlimm, wenn sie an einem Stück arbeiten, proben, es fertig ist und es nicht aufgeführt werden kann. Das ist ein ganz fruchtbares Gefühl“, so Demming. Zur Premiere nächsten Dezember sollen auch die Nähdamen eingeladen werden. Demming kann sich vorstellen, auch künftig mit der Freilichtbühne zusammenzuarbeiten. „Wenn es die Bühne neben ihren eigenen Produktionen leisten kann“, sagt er. „Sie wäre mein erster Ansprechpartner.“

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