Erste 20 Stolpersteine zur Erinnerung an jüdische Mitbürger verlegt
„Es war ein berührender Moment“

Billerbeck. Erst wenige Minuten sind sie verlegt und schon bleiben die ersten Passanten stehen. Schließlich sind sie nicht zu übersehen. Die Passanten halten inne und schauen sich die in Messing eingravierten Namen ganz genau an. Adele Albersheim, Josef Albersheim, Selma Albersheim, Herbert Albersheim, Walter Albersheim, Ruth Eichenwald, Otto Eichenwald, Rolf-Dieter Eichenwald und Eva Eichenwald, Anna Stein, Alfred Stein, Berthold Stein, Herta Stein, Julia Stein, Hannelore Stein, Rosa Albersheim, Heinrich Albersheim, Wilhelm Albersheim, Paul Albersheim und Anna Uhlmann. Sie alle sind ehemalige jüdische Mitbürger und Opfer des Holocausts. Sie sind vertrieben, deportiert oder ermordet worden. Stolpersteine, die gestern vor den Häusern Lange Straße 13 sowie Münsterstraße 2 und 3 verlegt worden sind, erinnern nun an sie.

Donnerstag, 04.03.2021, 07:34 Uhr
Mitarbeiter des Bauhofs verlegen Stolpersteine vor dem Haus mit der Adresse Münsterstraße 2: Dort hatten Anna Stein, Alfred Stein, Berthold Stein, Herta Stein, Julia Stein und Hannelore Stein ihren letzten freiwilligen Wohnsitz. Foto: Stephanie Sieme

„Das Sandsteindenkmal an der Kurzen Straße macht deutlich, dass unserer Stadt die jüdischen Menschen fehlen“, sagt Bürgermeisterin Marion Dirks. Durch die Stolpersteine erhalte jeder dieser Billerbecker ein eigenes kleines Denkmal vor dem letzten freiwillig gewählten Wohnsitz. Es müsse alles dafür getan werden, dass Menschenverachtung und Größenwahn niemals mehr auf fruchtbaren Boden fallen. Die Verlegung hat coronabedingt nur in einem kleinen Rahmen stattgefunden. Schüler der Geschwister-Eichenwald-Gemeinschaftsschule und der Anne-Frank-Gesamtschule, Vertreter der Bürgerstiftung, der Suwelack-Stiftung, des Rates, der Stadtverwaltung und die Stolpersteinpaten waren vor Ort. Künstler Gunter Demnig, der die Stolperstein-Aktion in den 90er-Jahren ins Leben gerufen hat, hatte sein Kommen pandemiebedingt abgesagt. Die Verlegung der 20 Stolpersteine haben Mitarbeiter des städtischen Bauhofs übernommen. Während sie vorsichtig Stein für Stein ins Trottoir einlassen, lesen Gemeinschaftsschüler des Kurses „Schule ohne Rassismus“ zu jedem der ehemaligen Bewohner die Biografie und Schicksale vor. Rosen werden niedergelegt.

„Es war ein berührender Moment“, sagt Wolfgang Suwelack, dessen gleichnamige Stiftung sich seit Jahren für die Erinnerungskultur in Billerbeck einsetzt und die Verlegung von Stolpersteinen forderte. „Ich bin glücklich, dass es endlich geschehen ist.“ Es sei eine ganz andere Form der Erinnerung, wenn man durch die Lange Straße oder die Münsterstraße gehe, inne halte und die Namen lese. Fast genau ein Jahr ist es her, dass Schüler der Gemeinschaftsschule einen Antrag zur Verlegung von Stolpersteinen an den Rat stellten und Unterschriften sammelten. Es folgte ein einstimmiger Ratsbeschluss für die Verlegung dieser Erinnerungsstücke. „Wir sind so glücklich und erleichtert“, sagt Schülerin Theresa Lütke Aldenhövel. Thomas Wischnewski, der die Leitung der Schule inne hat, ist stolz, dass die Schüler es durch ihre Initiative und ihr Engagement geschafft haben, dass die ersten Stolpersteine in Billerbeck verlegt werden. In der Schul-AG „Schule ohne Rassismus“ haben sie mit Lehrerin Ulrike Schulte-Vorwick über die Opfer nationalsozialistischer Gewalt in der Stadt geforscht und die Biografien geschrieben. Auch an die Namensgeber der Schule, Rolf Dieter und Eva Eichenwald, die im Alter von sieben und fünf Jahren in Auschwitz ermordet wurden, wird somit gestern erinnert. „Dies zeigt, dass unsere Schule die Erinnerungsarbeit lebt und wir uns als Schulgemeinde gegen Rassismus und Rechtsradikalismus engagieren“, so Wischnewski. Die Schule wird sich zusammen mit der Gesamtschule um die Pflege der Stolpersteine kümmern. „Anne Frank und die Geschwister Eichenwald – zwei Namen, die für uns einen Auftrag bedeuten, dem wir selbstverständlich folgen. Die Erinnerung ist uns wichtig und findet in der Pflege der Stolpersteine einen angemessenen Ausdruck“, hatte Dr. Torsten Habbel, Leiter der Gesamtschule, schon früher betont. „Wir stehen mit dem Namen für Anne Frank ein, die genauso ein Opfer des Holocausts ist“, so Gesamtschülerin Svenja Halsband, die mit Mitschülerin Leah Damberg vor Ort war. Die Taten dürften nicht in Vergessenheit geraten.

Wenn es die Pandemie zulasse, soll im Spätsommer/Herbst eine größere Gedenkfeier mit Interessierten, Nachfahren und Angehörigen erfolgen, so Marion Dirks. Weitere 20 Steine sollen Mitte/Ende 2022 verlegt werden. Von der gestrigen Verlegung sind Videoaufnahmen gefertigt worden, die die Stadt heute veröffentlicht (www.billerbeck.de).

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