Ehemaliger Fußballprofi Uli Borowka zu Gast beim Couchgespräch
Volle Pulle zurück ins Leben

Coesfeld. An den Höhepunkt seiner fußballerischen Karriere kann sich Uli Borowka noch sehr gut erinnern. „Der Sieg des Europapokals 1992 mit Werder Bremen in Lissabon“, verrät er. Doch plötzlich Szenenwechsel – vom schillernden Lissabon auf die dreckige Matratze in Borowkas Wohnung. Bei Werder Bremen rausgeschmissen, die Frau wegen häuslicher Gewalt mit den Kindern weg, findet sich der ehemalige Fußballprofi vollkommen alleine wieder. „Sturzbetrunken wollte ich mir mit einem Cocktail voller Tabletten das Leben nehmen“, erzählt Borowka. Seinem Stoffwechsel habe er es zu verdanken, noch am Leben zu sein. Mittlerweile ist Borowka nach erfolgreicher Therapie im Jahr 2000 trockener Alkoholiker und hat den Verein „Uli Borowka Suchtprävention und Suchthilfe“ ins Leben gerufen.

Donnerstag, 05.12.2019, 10:54 Uhr aktualisiert: 05.12.2019, 11:02 Uhr
In einem offenen Gespräch mit Birgit Feldkamp, Leiterin der Suchtberatung und Suchtprävention im Caritasverband, sprach Uli Borowka über seine Alkoholkrankheit, sein Leben als Fußballprofi und die Probleme in der heutigen Gesellschaft. Foto: Leon Eggemann

Im Rahmen des Projektes „Sucht besprechbar“, einer Veranstaltung des Kreisbildungswerkes in Kooperation mit dem Caritasverband Kreis Coesfeld und dem Kreuzbund Coesfeld, war der sechsfache Nationalspieler nun zu Gast beim Couchgespräch im Pfarrheim Anna Katharina. Dort sprach Borowka über seine Alkoholkrankheit und las aus seiner Biografie „Volle Pulle. Mein Leben als Fußballprofi und Alkoholiker“ vor.

„Es ist nichts Schlimmes, wenn jemand etwas gegen seine Krankheit tut“, stellte er zu Beginn klar und kritisierte den Umgang der Gesellschaft mit Süchtigen. „Es wird nur daran gedacht, was passieren könnte, wenn der Betroffene rückfällig wird.“ Der Mensch werde einfach abgelehnt. So habe sich auch Borowka selbst nach erfolgreicher Therapie bei Fußballvereinen als Co- und Jugendtrainer beworben. „Ich habe 20 Anfragen geschickt und 22 Absagen bekommen“, so Borowka. „Zwei Vereine haben schon vorher abgesagt, für den Fall, dass ich mich melde.“

Gerade im Bezug auf seine eigene Vergangenheit zeigte sich der damals als harter Hund bekannte Borowka offen und ehrlich, ohne Beschönigungen. „Ich war 16 Jahre lang Profi und 16 Jahre lang alkoholkrank“, machte er deutlich. „Bereits 1982 habe ich während der Arbeit überlegt, wie ich später noch an Alkohol komme.“ Schon mit diesem Gedanken beginne die psychische Abhängigkeit – ein erster Schritt Richtung Sucht. Dementsprechend schätze Borowka die Zahl an Alkoholkranken auch deutlich höher. „Wir haben nicht 1,5 Millionen Alkoholkranke, sondern eher acht Millionen“, vermutete er. Dazu komme, dass ein Alkoholkranker weitere Menschen aus seinem Umfeld mit nach unten ziehe. „Co-Abhängigkeit ist genauso schlimm wie die Sucht selbst“, erklärte Borowka. „Familien von Kranken sind genauso betroffen, gerade die Kinder.“

Ebenso sprach er darüber, wie er es trotz Alkoholsucht schaffte, weiter Leistung zu bringen. „Mein Körper war wie ein Schwamm, ich habe den Alkohol wegtrainiert“, sagte Borowka. „Ich konnte komplett besoffen zum Training kommen. Der Trainer hat mich trotzdem aufgestellt, weil er wusste, dass ich am Wochenende bereit bin.“ Als ein Bekannter aus dem Fußballgeschäft sein Alkoholproblem erkannte, fuhr er ihn zur Therapie. Dort besiegte Borowka seine Sucht: Gewiss ein noch größerer Sieg als 1992 in Lissabon.

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