Familienpartei weist „U-Boot“-Vorwürfe gegen Kandidaten zurück
„Null rechte Tendenzen in den Köpfen“

Coesfeld. „Nach außen geben sie sich einen jungen, bürgerlichen Anstrich“, empört sich ein Leser unserer Zeitung. Aber zwei der drei Spitzenkandidaten der Familienpartei für die Stadtratswahl in Coesfeld seien „offenbar rechte U-Boote“. Wie kommt er darauf? René Klaas, Listenplatz 3, habe auf seiner Facebookseite zahlreiche prominente AfD-Politiker und auch den Verein Pax Europa des islamfeindlichen, mehrfach vorbestraften und vom Verfassungsschutz beobachteten Extremisten Michael Stürzenberger geliked. Immer wieder sei er auch in einer Coesfelder Facebookgruppe mit „rechten Postings“ aufgefallen. Außerdem habe er Verschwörungstheoretiker und Corona-Leugner mit „Gefällt mir“ markiert. Nicole Laffer, Listenplatz 2, sieht der Leser, dessen Namen der Redaktion bekannt ist, ebenfalls kritisch. Sie soll Stürzenberger, der im November 2018 in Coesfeld zur Kundgebung angerückt war, um einen Moschee-Bau zu verhindern, in einer Facebook-Debatte „ganz naiv“ als Redner vorgestellt haben, der „gerne mit allen Interessierten in eine sachliche Diskussion zum Thema“ gehen möchte. „Wie passt das alles zur Familienpartei, die sich laut Programm als Partei der politischen Mitte versteht und doch auch für Religionsfreiheit einsetzt?“ fragt der Leser. Und seinerzeit, erinnert er sich, habe sie sich doch sogar auch für den Moschee-Bau stark gemacht.

Freitag, 07.08.2020, 20:28 Uhr
Screenshot eines Ausschnitts der Facebook-Seite von Rene Klaas vom 5. 8. 2020, der auf Platz 3 für die Familienpartei in Coesfeld kandidiert. Er hat vier AfD-Seiten und zahlreiche prominente Politiker der Partei mit „Gefällt mir“ markiert, außerdem Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker geliked. Das ist einem Leser unserer Zeitung aufgefallen. Foto: az

„Extremistische Positionen passen nicht zu unseren Werten“, stellt Helmut Geuking, Bundesvorsitzender und Europa-Parlamentarier der Familienpartei, auf AZ-Anfrage unmissverständlich klar. Er stellt sich aber auch hinter die beiden kritisierten Kandidaten: „Da spuken Null rechte Tendenzen in den Köpfen rum.“ Klaas habe das zwar „irgendwann mal gelikt und einige Aussagen seinerzeit sicher auch gut gefunden“, relativiert er die Postings – „über uns hat er aber den Weg zurück gefunden.“ Er sei froh über jeden jungen Menschen, bei dem das gelinge. Und Laffer habe die extremistischen Hintergründe bei Stürzenberger offenbar seinerzeit nicht gekannt. Sie sei „sehr diskussionsfreudig“ und alles andere als rechts. „Mein Vertrauen haben alle 15 Kandidaten auf der Reserveliste“, betont er.

Marcel Stratmann (31), Stadtverbandsvorsitzender und Spitzenkandidat in Coesfeld, bekennt sich auch klar zu den beiden kritisierten Mitstreitern. Er kenne sie als Mitglieder schon lange und habe „niemals rechte Tendenzen“ festgestellt – „sonst hätte ich schon lange die Reißleine gezogen“. „Und sonst würde ich mich auch nicht davor stellen“, sagt er.

Und wie stehen die beiden Kandidaten selbst zu den kritisierten Facebook-Postings? „Ich finde: Jeder Bürger darf sich jede Meinung anhören“, sagt Laffer (29) zu ihrem Gespräch mit Stürzenberger. Sie habe ihn bei dem ersten Auftritt auf dem Marktplatz als „freundlichen Mann“ kennen gelernt, der mit ihr „sehr sachlich diskutiert“ habe. Viele seiner Positionen teile sie nicht. Zu den Hintergründen habe sie nichts gewusst: „Ich habe mich da für Politik noch nicht so interessiert.“ Gegen den Islam habe sie nichts: „Natürlich darf jede Religion ihr Gebetshaus haben.“ Klaas (34) erklärte, dass er die „Gefällt mir“-Angaben „irgendwann einmal gemacht“ habe, „um Informationen zu bekommen“. Er sehe insbesondere die deutsche Flüchtlingspolitik kritisch. Er sei aber nicht rechts, sondern „sozial und hilfsbereit“. „Ich habe auch viele Freunde mit Migrationshintergrund“, erklärt er. Die gelikten Seiten spielten heute überhaupt keine Rolle mehr – „die habe ich nur noch nicht gelöscht“.

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