Was den amtierenden Bürgermeister wenige Monate vor seinem Abschied beschäftigt
„Es gibt noch jede Menge zu tun“

Coesfeld. Die heiße Wahlkampfphase um den Bürgermeisterposten läuft, Plakate und Infostände dominieren das Stadtbild. Doch was macht in diesen Tagen eigentlich der amtierende Inhaber des Chefsessels im Rathaus? Bis Ende Oktober hat Heinz Öhmann noch die Fäden in der Hand, zum 1. November muss er sie loslassen. Räumt er schon Aktenberge zur Seite, die sich in seinen 17 Dienstjahren angehäuft haben oder passiert das erst auf den letzten Drücker? Was hat er sich noch vorgenommen für seine letzten Monate als Bürgermeister? Überwiegt Vorfreude oder doch eher Wehmut?

Mittwoch, 02.09.2020, 17:15 Uhr aktualisiert: 02.09.2020, 17:18 Uhr
Noch herrscht das geordnete Chaos auf dem Schreibtisch von Heinz Öhmann, aufgeräumt wird erst ganz zum Schluss vor der Übergabe an seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin. Foto: Jessica Demmer

Herr Öhmann, wenn zwei sich streiten, lehnt sich der Dritte entspannt zurück?

Öhmann: Nein, ganz im Gegenteil. Den Wahlkampf verfolge ich natürlich mit großem Interesse und auch ganz entspannt. Allerdings: Ich habe noch jede Menge zu tun. Ich fühle eine besondere Verpflichtung gegenüber dieser Stadt – bis zum letzten Tag. Auch wenn meine Arbeitswoche zurzeit ganz anders aussieht als früher.

Inwiefern?

Öhmann: Coronabedingt habe ich kaum noch Termine am Abend oder an den Wochenenden. Das heißt, dass sich ein Großteil meiner Arbeit aktuell auf die Verwaltung konzentriert. Doch auch die ist anders. Man gibt sich nicht mehr die Hand, was ich immer noch komisch finde, und statt persönlicher Treffen habe ich sehr viele Videokonferenzen, egal ob auf kommunaler Ebene oder mit der Bezirks- oder Landesregierung. Das gilt auch für die Vielzahl von Gremien, in denen ich die Stadt vertreten darf. Wirtschaftlich bzw. finanziell ist die Entwicklung der Stadt stark durch Corona gezeichnet, auch wenn sie immer noch günstig verläuft. Daher wird der Jahresabschluss 2019 noch einmal interessant. Den will ich auf jeden Fall noch in die Beratung bringen, dazu ist auch der Rechnungsprüfungsausschuss notwendig. Auch habe ich zuletzt in der Coronazeit viele Gespräche mit Unternehmen und Unternehmern geführt und zum Beispiel Frau Borgmann als neue Wirtschaftsförderin vorgestellt.

Was sind denn weitere Projekte, die Sie aktuell beschäftigen?

Öhmann: Die Strategieentwicklung der Emergy, dem Zusammenschluss der beiden Unternehmen Stadtwerke Borken und Wirtschaftsbetriebe der Stadt Coesfeld, zum Beispiel. Es finden aktuell viele Gespräche statt und ich hoffe, dass wir in den nächsten Wochen das Parkleitsystem vollenden können für die Stadt. Auch ist mir der Ausbau der digitalen Infrastruktur weiter ein Anliegen, sowohl im Innen- als auch im Außenbereich. Im letzteren haben wir schon rund 80 Prozent abgedeckt. Das freut mich. Auch am Glasfaserausbau in den Gewerbegebieten sind wir dran, gefördert durch Bundesmittel. Die Ausschreibung läuft aktuell. Die Markterkundung zur Glasfaserverkabelung in den Siedlungsbereichen läuft außerordentlich gut. Coesfeld steht heute schon deutlich besser da als die Stadt Münster.

Sie sind ja auch noch Wahlleiter für die Kommunalwahl. Nimmt das viel Zeit in Anspruch?

Öhmann: Nein, das hält sich aktuell für mich in Grenzen, weil ich ein tolles Team im Fachbereich 10 habe, das sich engagiert. Auch hier hat Corona mehr Arbeit gebracht. Wir mussten zum Beispiel Wahllokale verlegen. Ich lasse mir regelmäßig berichten, damit das ganze organisatorisch gut abgewickelt wird.

Sie haben 1999 zum ersten Mal selbst um das Bürgermeisteramt gekämpft. 2003 auch in Coesfeld. Lief das anders als heutzutage?

Öhmann: Der Kontakt zu den Menschen ist schon immer enorm wichtig gewesen. Die digitalen Medien spielen natürlich heute eine viel größere Rolle. 1999 war ich einer der wenigen, die überhaupt eine eigene Homepage hatten und ich muss sagen, die Zugriffszahlen waren gar nicht mal so schlecht (lacht). Heute reden wir rein technisch natürlich schon über ganz andere Geschwindigkeiten.

Tja, die neuen Technologien...

Öhmann: Da stecken unglaublich viele Chancen drin. Ich freue mich zum Beispiel, dass wir den Digitalen Einkaufsgutschein weiter voran gebracht haben und so die Einkaufslandschaft vor Ort fördern können. „Smart City“ ist generell ein wichtiges Stichwort. Man muss die neuen Technologien nutzbar machen. So hoffe ich, dass der Bahnhofsneubau schnell fortschreitet, damit wir die Mietfietsen, also die E-Bikes, verstärkt in den Fokus rücken können. Aber nicht nur die E-Mobilität ist ein Thema für die Stadt Coesfeld, spannend ist auch die Wasserstofftechnologie. Ich hatte vor wenigen Tagen interessante Gespräche zur Umnutzung der Gasleitung, die von Lingen (Ems) ins Ruhrgebiet über Coesfelder Gebiet läuft, als Wasserstoffleitung. Dies eröffnet spannende Perspektiven auch für die Wirtschaft in Coesfeld.
Wenn Sie von dieser Zukunft und ihren Chancen sprechen, fällt es Ihnen doch schwer den Stuhl Ende Oktober zu räumen?

Öhmann: Die Aufgabe hat mir immer viel Freude bereitet – trotz allen Ärgers, den man auch mal hatte. Eine Kommunalverwaltung ist immer auch eine Ordnungsverwaltung. Wir haben immer klare Entscheidungen im rechtlichen Rahmen getroffen. Was den einen damit glücklich gemacht hat, hat den anderen vielleicht auch mal verärgert. Dennoch hat es mir immer Spaß gemacht mitzuwirken, auch mit den anderen Beteiligten im Rathaus. Es gibt kaum eine Straße oder ein Gebiet, eine Einrichtung oder einen Verein in Coesfeld und Lette, zu dem ich keine besondere Erinnerung hätte, mit dem Veränderungen, Verbesserungen oder besondere Entwicklungen erarbeitet werden konnte.

Müssen Sie noch viel Aufräumen bis zur Übergabe?

Öhmann (lacht): Na ja, das wird schon etwas Zeit in Anspruch nehmen. Beim ersten Durchstöbern in den Schränken habe ich viele alte Akten gefunden. Herr Damberg vom Stadtarchiv hat schon Interesse angemeldet (lacht). Viel interessanter ist aber das digitale Archiv, in dem man ja viel schneller Dinge ablegt als in Papierform. Gerade in Zeiten von Corona und jeder Menge digitaler Papiere ist viel hinzugekommen.

Wenn Sie an den Ruhestand denken, was geht Ihnen durch den Kopf?

Öhmann: Ich werde mit aller Ruhe und großem Interesse weiterhin die Entwicklungen in der Stadt verfolgen. Wenn gewünscht, stehe ich meinem Nachfolger oder meiner Nachfolgerin gerne auch noch für Fragen oder beratend zur Verfügung. Das Rathaus zu verlassen, fällt mir nicht so schwer. Auch wenn ich hier viel Zeit verbracht habe, war es doch nur ein „Arbeitsraum“. Mir waren und sind die Menschen hier wichtiger. Dezernenten, Fachbereichsleiter, Sachbearbeiter und vor allem auch meine Kolleginnen im Vorzimmer.

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