Nach Streit vor der Disco: Berufungsverhandlung gegen Coesfelder wird zur unendlichen Geschichte
„Ein Strafprozess ist keine soziale Einrichtung“

Coesfeld (eml). Ein 31-jähriger Coesfelder hat seine zweite Chance, die ihm die 16. Strafkammer des Landgerichts Münster im Februar 2020 gewährt hatte (wir berichteten), nicht genutzt. Zum zweiten Mal hat er die Auflagen, aufgrund derer ein ursprüngliches Verfahren eingestellt wurde, nicht erfüllt. Im jüngsten Berufungstermin standen Kammer, Staatsanwaltschaft und Verteidigung vor dem sozialen und strafprozessualen Dilemma, wie mit dem jungen Mann, der an einer psychischen Erkrankung leidet, nun verfahren werden soll.

Donnerstag, 01.10.2020, 09:48 Uhr

Ende Mai 2016 war der Mann vor einer Diskothek in Coesfeld in einen Streit geraten, in dessen Verlauf er einen 30-jährigen Mann mit einer Hebelbewegung zu Boden warf und einem weiteren ins Gesicht schlug. Die erstinstanzliche Verurteilung zu einer Geldstrafe war jedoch aufgehoben worden und das Verfahren mit der Auflage eingestellt worden, dass der Angeklagte, der aufgrund seiner Erkrankung seine Impulsivität schlecht kontrollieren kann, eine sechsmonatige Aggressionstherapie durchläuft.

Weil diese angeblich nicht geholfen habe, erließ die Vorsitzende der 16. Strafkammer im Februar auf seinen Antrag einen zweiten Beschluss, in dem sie eine ambulante psychische Behandlung zur Auflage machte. Doch auch das klappte nicht. Zum einen erschwerte Corona die Bemühungen um einen Therapieplatz. Zum anderen wurde ihm von ärztlicher Seite mitgeteilt, dass die Therapie stationär durchgeführt werden müsse. Dies lehnte er jedoch ab. Jetzt müsste er eigentlich die Geldstrafe zahlen. Allerdings ist der Angeklagte finanziell nicht in der Lage dazu. Bliebet nur noch eine Haftstrafe, die aufgrund seiner psychischen Erkrankung aber überaus hart auf ihn einwirken würde. Dennoch merkte die Vorsitzende an: „Hier hat eine Verschiebung stattgefunden. Ein Strafprozess ist keine soziale Einrichtung. Es haben Körperverletzungsdelikte stattgefunden.“ Menschen seien zu Schaden gekommen. Dies dürfe nicht unbeachtet bleiben. Daraufhin erklärte der Angeklagte. er habe sich nur gewehrt, und sein Verteidiger bestätigte, dass die Berufung in erster Linie eingelegt worden war, da bei den Streitigkeiten 2016 tatsächlich eine Notwehrlage seines Mandanten vorgelegen habe.

Die Richterin setzte daher einen neuen Termin für Dezember an, um die Beweisaufnahme zu wiederholen und die Zeugen bezüglich des Notwehrvorbringens des Coesfelders zu befragen. Dabei ließ sie durchblicken, dass der Angeklagte immer noch die Möglichkeit habe, sich um eine stationäre Therapie zu bemühen.

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