Wohnen am Zollamt: Idee für die alte Güterabfertigung am Bahnhof vorgestellt
Microwohnungen für Azubis denkbar

Coesfeld. Unter dem gewaltigen Dach pfeift der Wind. Durch die offenen Luken fliegen Vögel ein und aus und lassen sich auch mal auf den Stahlträgern nieder, die bereits Flugrost angesetzt haben. Große Graffiti prangen dahinter am Mauerwerk. Keine Frage: Eine Schönheit ist die alte Güterabfertigung an der Hansestraße nicht. Doch gerade das macht für Architekt Lars Thier und Ulrich Krechting vom Gleis B den Charme dieses Relikts aus vergangenen Eisenbahnerzeiten aus. „Ich finde das Gebäude spannend, und es wäre schade, wenn es für Coesfeld verloren gehen würde“, meint Lars Thier. Mit der Idee, Microwohnungen unter dem großen Dach zu schaffen, könnte der alten Industriebrache neues Leben eingehaucht und gleichzeitig dem angespannten Wohnungsmarkt in Coesfeld Rechnung getragen werden.

Dienstag, 06.10.2020, 05:47 Uhr
So könnte die alte Güterabfertigung aussehen, wenn unter ihrem Dach mehrere Microwohnungen in Modulbauweise entstehen. Grafik: Lars Thier Foto: az

Vor allem als Möglichkeit des „temporären Wohnens“ findet Ulrich Krechting die Idee mit dem Arbeitstitel „Wohnen am Zollamt“ interessant – „für Firmen, die sich in Coesfeld noch etablieren müssen, sowie deren Personal und auch für Auszubildende“, nennt der Geschäftsführer vom Gleis B ein paar Beispiele und sieht den Vorteil der direkten Bahnanbindung.

„Das Dach bleibt über allem erhalten“, erläutert Thier die Entwürfe. Allerdings müsste es komplett saniert werden. Darunter sollen dann die Wohneinheiten in Modulbauweise entstehen – mit Freiräumen dazwischen. An der Seite würde vom Dach ein grüner Schleier aus Pflanzen hängen, „um die Wohnungen von der Hansestraße abzugrenzen“, erklärt Thier, der auch das ökologische Potenzial von Gebäude und Standort ausschöpfen möchte. „Auf dem Dach könnte man eine Photovoltaik-Anlage installieren“, sagt der Diplom-Ingenieur. Auch die Möglichkeit, Ressourcen zu bündeln, zieht Thier in Betracht – zum Beispiel durch Carsharing oder E-Bikes.

Krechting, der schon das Gebäude vor Kopf gepachtet hat, wäre auch bereit, sich in die Umsetzung der Idee einzubringen. „Der Bedarf ist auf jeden Fall da“, verweist er auf die Christophorus-Kliniken, die unlängst erst das Hotel am Münstertor für ihr Personal angemietet haben. Ursprünglich hatte Krechting überlegt, ob auch Wohneinheiten für seine eigene Einrichtung dort entstehen könnten. „Von der Idee haben wir uns aber wieder getrennt, weil die dezentrale Unterbringung für die Jugendlichen von Gleis B doch besser ist“, sagt der Sozialarbeiter.

Die Liste der Ideen für die 1270 Quadratmeter große Immobilie, die sich jetzt in Privatbesitz befindet, ist lang. Als das Gebäude noch der Bahn gehörte, war dort laut Thier mal ein Kino angedacht. Später standen auch Überlegungen im Raum, an dem Standort Gastronomie zu realisieren. Nun also 15 kleine Wohneinheiten, die in den ersten Zeichnungen noch eine Größe von rund 50 Quadratmetern aufweisen. Als die Entwürfe kürzlich Landesbauministerin Ina Scharrenbach (CDU) bei ihrem Besuch in Coesfeld vorgestellt wurden, kam dann im Gespräch der Impuls zu den Microwohnungen – die Wohneinheiten also noch kleiner zu fassen, um damit nicht nur mehr Wohnungen zu schaffen, sondern auch die Aussicht auf eine staatliche Förderung zu erhöhen. Eine Mischung aus Micro- und Midi-Wohnungen fänden Krechting und Thier ideal. „Das Interesse der Politik ist groß, das Gebäude zum Positiven zu verändern“, nimmt Krechting aus den Gesprächen mit der Ministerin und den Kommunalpolitikern mit. Ein erster Schritt wäre nun, dass sich Krechting und Thier mit der Eigentümerin auf das weitere Vorgehen einigen und eine Kalkulation der finanziellen Mittel aufstellen. Dann könnte vielleicht in Zukunft wirklich aus der Industriebrache ein Musterbeispiel für nachhaltiges und bezahlbares Wohnen in der Kreisstadt entstehen.

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