Corona: Keine heilige Mission für Manfred und Johanna Stehr
Dem Nikolaus ist langweilig

Coesfeld. Eigentlich müssten sich auf dem Schreibtisch vom Nikolaus jetzt meterhohe Zettelberge türmen, der Terminkalender müsste überquellen, das weiße Gewand frisch gestärkt, der Bischofsstab poliert und die Mitra aufbereitet sein, doch stattdessen: nichts. Ungewohnte Stille. Bedauern. Die Corona-Pandemie macht auch ihm einen Strich durch die Rechnung.

Sonntag, 06.12.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 06.12.2020, 06:02 Uhr
Es gibt viele schöne Geschichten und Anekdoten, die Manfred Stehr als Nikolaus und seine Frau Johanna als Knecht Ruprecht erzählen können. So mussten sie zum Beispiel früher, wenn sie zusammen das Haus verlassen haben, um ihre Touren zu starten, immer den Nachbarn Bescheid geben, damit die Kinder nicht zufällig auf der Straße sind. Fotos: Privat Foto: az

Seit seinem 18. Lebensjahr ist Manfred Stehr als Nikolaus unterwegs und jetzt, wo er in Rente gegangen ist und endlich noch mehr Zeit hätte, müssen er und Knecht Ruprecht, übrigens seine Frau Johanna, zuhause bleiben. „Wir wollen das Virus natürlich weder jemandem mitbringen, noch es selbst bekommen. Deshalb sind wir in diesem Jahr nicht unterwegs“, berichtet er wehmütig. Dabei ist er mit Leib und Seele Nikolaus. „Das ist eine Berufung. Ich wäre auch ein Vollzeit-Nikolaus geworden, wenn das möglich gewesen wäre. Schon als Kind wollte ich das werden und dann alles anders machen als der Nikolaus, den ich kannte.“ Früher sei dieser noch sehr streng gewesen. „Aber ich muss die Kinder nicht erziehen und schimpfen, ich lobe sie“, so Manfred Stehr.

Angefangen hat alles 1975 als er in seiner Nachbarschaft als Nikolaus einspringen musste. Weitere Nachbarschaften folgten, schließlich die Kita seiner Kinder. „Es ging so weit, dass sich die Künstleragentur des Arbeitsamtes meldete, die damals dringend auf der Suche nach einem Nikolaus war für zum Beispiel Betriebsfeier-Anfragen.“ Er habe sich das locker vorgestellt und sich sehr gefreut. „Im ersten Jahr waren es noch 30 Termine, doch im Jahr 2000 waren es schon 70 bis 80 Termine in der Saison.“ Planung sei da alles, um von nachmittags bis spät abends immer pünktlich zu sein. Im ganzen Kreis Coesfeld sind der 63-Jährige und seine Frau unterwegs, ihre Wege haben sie sogar mal bis nach Frankfurt und Köln geführt.

Schon im November geht es meist mit den ersten Seniorenfeierlichkeiten los. „Ich denke mir in jedem Jahr schon im Sommer ein neues Programm aus. Zum Beispiel etwas zu Engeln, Wolken oder Heiligen. Ich lese Geschichten vor oder verteile Geschenke.“ Das Programm fällt immer etwas anders aus, je nach Zielgruppe. „Außer bei Damen-Kegelclubs. Das ist eine besondere Herausforderung, da muss ich keine Richtung vorgeben, das wird ohnehin nichts“, plaudert er mit einem Lachen aus dem Nikolaus-Geschichten-Nähkästchen. Improvisation sei gefragt.

Seiner Berufung folgt Manfred Stehr mit ganzer Kraft, hat sogar jedes Jahr Urlaub für diese Zeit genommen. „Schon in meinem zweiten Jahr habe ich mir damals von einer Schneiderin mein Gewand und die Mitra nähen lassen, der Stab kommt von einem Schreiner. Jedes zweite Jahr gibt es einen neuen Bart.“ Es stapeln sich Ordner mit Terminen und Hinweisen zu den Menschen, die er besucht. „Ich führe Vorgespräche und wir fahren vorher die Routen ab, damit wir genau wissen, wo die Eingänge der Häuser sind.“ Denn es bleibt nicht viel Zeit zwischen den Terminen. Und da kommt Knecht Ruprecht ins Spiel. „Der Nikolaus achtet nie auf die Zeit, aber Ruprecht muss sie im Blick behalten, denn wenn wir einmal in Verzug geraten, ist das schwer wieder aufzuholen. Das ist also der wichtigste Job überhaupt“, sagt Manfred Stehr, der übrigens auch heute noch nervös ist vor seinen Einsätzen. Generell sei Knecht Ruprecht unverzichtbar. Denn der fährt schließlich auch das Auto.

Nur einmal hätten sie einen Termin vergessen, sind abends um 21.30 Uhr noch einmal im strömenden Regen los. Auch Blitzeis habe ihnen einmal ein Strich durch die Rechnung gemacht. Und jetzt eben die Corona-Pandemie. Was machen denn jetzt der Nikolaus und Knecht Ruprecht mit der freien Zeit? „Wir laufen einfach mal durch die Stadt und schauen uns die weihnachtliche Beleuchtung an, dafür hatten wir ja sonst nie die Zeit.“

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