„Verschwundene“ Evangelisten sind wieder aufgetaucht
Vor aller Augen und doch versteckt

Coesfeld. Na, da fiel Ludger Wachsmann doch beinahe der Kitt aus der Brille. Nach dem Anruf seines alten Schulfreunds Heinz Lange machte sich der pensionierte Lehrer des Nepomucenums zusammen mit Stadtarchivar Norbert Damberg noch am selben Abend auf den Weg in die St.-Lamberti-Kirche. Und tatsächlich! Dort im Scheinwerferlicht der Taschenlampe erkannte Wachsmann sie an der Kanzel wieder: die verschwunden geglaubten Barockfiguren der vier Evangelisten (wir berichteten). Doch irgendwas stimmte nicht. „Sie sind farblich völlig verändert und haben ihren früheren Anstrich verloren“, bedauert Wachsmann und erklärt damit die Tatsache, dass ihnen über Jahrzehnte hinweg kaum Beachtung geschenkt wurde. Sie waren zwar da – vor aller Augen, aber doch irgendwie versteckt.

Samstag, 23.01.2021, 11:30 Uhr
Die Barockstatuen der vier Evangelisten sind an der Kanzel in der St.-Lamberti-Kirche wieder „aufgetaucht“. Foto: Günter Seggebäing

„Als ich die Bilder sah, machte es direkt Klick“, berichtet Heinz Lange, der gegenüber der AZ als erster den Hinweis auf die vermeintlich verschwundenen Heiligenstatuen gab. Von Kindesbeinen an Lambertiner und im Kirchenchor aktiv, durchforstete Heinz Lange seine Erinnerungen. „Nach dem Krieg ist die Kanzel komplett restauriert worden und ich weiß noch, dass die Figuren auf einmal weg waren“, berichtet Lange. „Und als sie wieder auftauchten, war ich enttäuscht, dass sie so verändert aussahen“, blickt Lange zurück. „Mich wundert es aber, dass da sonst niemand drauf gekommen ist“, meint der ehemalige Sport- und Biologielehrer vom Nepomucenum. Stimmt nicht so ganz, denn einen weiteren Hinweis gab es: Auch Günter Seggebäing und Christian Hartwig hatten das Rätsel gelöst und beantworten die AZ-Frage „Wer hat diese Heiligenfiguren gesehen?“ eindeutig mit: „So ziemlich jeder, der mal in St. Lamberti war!“ Doch es blieben die einzigen beiden Hinweise.

Inzwischen hatte Stadtarchivar Norbert Damberg noch mehr zur Geschichte der Barockfiguren geforscht. Wie auch jeder im zweiten Band der Coesfelder Stadtgeschichte auf den Seiten 771/772 nachlesen kann, stammen Kanzel und Evangelisten aus der Zeit des Hochbarocks um 1700 und werden „dem Coesfelder Bildhauer Johann Rendeles zugeschrieben, der auch bei der Einrichtung der Jesuitenkirche maßgeblich beteiligt war“, heißt es in dem Band. Daher und wegen ihres Stils lag die Vermutung nahe, die Figuren könnten auch aus der heutigen Evangelischen Kirche am Markt stammen – ein Trugschluss, wie sich herausgestellt hat. „Wir haben mittlerweile auch herausgefunden, dass die Figuren 1953/54 bei Foto Walterbusch abgelichtet und dann von einem Coesfelder Restaurator in den barocken Farben neu gestrichen wurden“, sagt Damberg. Doch nicht nur das. Wer die Fotos – die beinahe einem Zehn-Fehler-Suchbild gleichkommen – nebeneinanderlegt, stellt fest, dass sie an einigen Stellen auch neu modelliert worden sind. So hat Lukas’ Stier wieder beide Hörner und Ohren und Johannes’ Adler gleicht nicht mehr einem angefahrenen Fasan, sondern sieht tatsächlich aus wie der König der Lüfte. Matthäus’ Schreibfeder fehlt hingegen in der heutigen Fassung.

Ludger Wachsmann fragt sich trotzdem, ob man die Figuren nicht in ihre alte Form zurückbringen sollte. „Sie sind ja so völlig unauffällig geworden“, moniert der ehemalige Nepo-Lehrer. Vielleicht nimmt sich dieser Aufgabe ja noch jemand im Zuge der Sanierung der St.-Lamberti-Kirche an. Doch bis dahin, sollte man sich die Figuren noch mal live und in Farbe anschauen – bevor sie womöglich eines Tages wieder „verschwunden“ sind...

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