CDU und SPD sterben die Mitglieder weg – viel zu wenig Junge kommen nach
Lieber bei Projekt dabei als in der Partei

Coesfeld. Immer weniger Coesfelderinnen und Coesfelder sind in Parteien oder Wählergemeinschaften organisiert. Das ergab eine erstmals von unserer Zeitung durchgeführte Analyse von Mitglieder-Daten. Hatten alle Parteien und Wählergemeinschaften zusammen Mitte der 80er Jahre noch rund 1000 Mitglieder, was über drei Prozent der Bevölkerung in der Stadt entsprach, sind es heute mit etwas über 700 nicht einmal mehr zwei Prozent. Vor allem die Volksparteien CDU und SPD mussten seither Federn lassen. Beide haben gerade noch halb so viel Mitglieder wie vor rund 40 Jahren. Das liegt weniger an Austritten aus politischen Gründen, sondern vor allem am demografischen Wandel. „Leichte Mitgliederverluste resultieren vor allem aus Sterbefällen“, verdeutlicht CDU-Stadtverbandschef Wilhelm Korth. „Die Neueintritte können die Abgänge (...) lediglich zum Teil kompensieren“, schlägt Daniel Suhren, Kassierer des SPD-Ortsvereins, in dieselbe Kerbe. Die Mitgliederverluste seien „durch Todesfälle und in einer immer mobiler werdenden Gesellschaft auch durch Wegzüge begründet“, erläutert er.

Montag, 08.03.2021, 05:58 Uhr
Foto: az

Die CDU ist nach wie vor die stärkste Mitgliederpartei in Coesfeld. Mit 389 Parteibüchern hat sie mehr Mitglieder als alle anderen zusammen (325). „Wir bilden die Mitte der Gesellschaft ab“, schlussfolgert Korth daraus.

Die CDU hat aber von allen auch das größte Überalterungsproblem. Der Altersdurchschnitt der Mitglieder liegt mit 65 Jahren deutlich vor Pro Coesfeld (57) und SPD (55) sowie Grünen und Aktiv für Coesfeld (jeweils 54 Prozent), die allesamt auch Nachwuchssorgen umtreiben. Fast jeder Vierte (22, 9 Prozent), der ein CDU-Parteibuch besitzt, ist über 80 Jahre alt. Mehr als 60 Prozent sind über 60. Nur die FDP sticht mit einem Altersdurchschnitt von 46 Jahren und einem Anteil von 42,1 Prozent bei den 21- bis 40-Jährigen als relativ junge Kraft heraus.

Auffällig ist, dass es vor allem die Wahljahre waren, die den Parteien und Wählergemeinschaften Zuwächse brachten. So konnte die CDU den Abwärtstrend 2020 mit einem Plus von 25 Mitgliedern im Vergleich zu 2015 stoppen, was aber nicht nur an der Kommunalwahl, sondern auch schon an der Landtagswahl 2017 lag, bei der Korth im Vorfeld zahlreiche Unterstützer gewinnen konnte.

Erklärtes Ziel der CDU ist es, „weiblicher und jünger zu werden“, wie es Pressesprecher Norbert Hagemann erläutert. Die neue Fraktion im Stadtrat habe sich mit einem Durchschnittsalter von 48 Jahren bereits deutlich verjüngt. „Eine weibliche und junge Perspektive einzubinden ist uns wichtig für unsere politische Arbeit“, betont Korth. Ideen und Projekte dazu sollen umgesetzt werden, sobald es Corona zulässt. Darüber hinaus setze die Partei „auch auf eine digitale Ansprache“.

„Neu an Politik Interessierte ziehen statt einer langfristigen Mitgliedschaft (...) heute zunehmend ein zeitlich begrenztes Engagement bei einem bestimmten Projekt vor“, hat Suhren für die SPD beobachtet. Dem wolle seine Partei – nach Corona – durch „politische Stammtische mit Ankündigung eines konkreten Themas, die allen Menschen offen stehen“, versuchen zu begegnen.

Hatten die Volksparteien die meisten Mitglieder in den 80er Jahren, scheinen die kleineren Parteien momentan Höhenflüge – allerdings auf sehr viel niedrigerem Niveau – zu erleben. So konnten die Grünen ihre Mitgliederzahlen von vor zehn Jahren fast verdoppeln. Das erklärt Norbert Vogelpohl, Sprecher des Ortsverbandes, damit, „dass mit dem Aufkommen der Klimaschutzbewegung um Fridays for Future unser urgrünes politisches Kernthema in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt ist.“ In der Folge verzeichneten die Grünen nicht nur steigende Umfragewerte, sondern auch Mitgliedszahlen. Sie versuchen, Interessierte regelmäßig durch Veranstaltungen mit aktuellen Themen anzusprechen. 2018 haben sie durch eine Kartenaktion gezielt Frauen mobilisiert. Erfolgreich: Die Grünen sind die Partei mit der höchsten Frauen-Quote (50 Prozent). Schlusslichter sind die FDP (11 %) und die SPD (24 %). | Kommentar

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