Letteraner Christian Reiling überlebte Flughafenbrand vor 25 Jahren
„Es war dunkel, die Lichter waren aus – alles war verraucht“

Lette/Düsseldorf. Hätte er sich nicht intuitiv ein nasses Tuch vor Nase und Mund gehalten, würde Christian Reiling heute vermutlich nicht mehr leben. Das sagt er selbst heute, fast auf den Tag genau 25 Jahre nach dem verheerenden Brand am Flughafen in Düsseldorf. Der Letteraner war zu dem Zeitpunkt vor Ort und wartete in einer Lounge auf den Abflug, als das Feuer nach Schweißarbeiten im Deckenbereich des Terminals ausbrach. 45 Minuten war er in dem beißenden Rauch gefangen. „Irgendwann wurde mir klar, dass mir nur noch die Hand einer anderen Person helfen kann“, sagt er. Christian Reiling wurde in letzter Minute gerettet und überlebte das schwere Unglück.

Samstag, 10.04.2021, 14:00 Uhr
Zahlreiche Kabel hängen aus der völlig verschmorten Zwischendecke des Ankunftsbereiches A im Düsseldorfer Flughafen. Am 11. April 1996 brach dort ein verheerendes Feuer aus, bei dem 17 Menschen starben und 88 verletzt wurden – unter ihnen der Letteraner Christian Reiling, der während des Brandes in der Lounge der Lufthansa gefangen war und in letzter Minute gerettet wurde. Fünf Jahre später nach Wiederaufbau zweier komplett zerstörter Flugsteige waren alle Spuren der Brandkatastrophe beseitigt. Foto: dpa

Dabei begann der Tag – der 11. April 1996 – zunächst ganz normal. „Es war schönes Wetter, die Sonne schien“, erinnert sich Reiling. Zu dem Zeitpunkt arbeitete er für eine Firma mit Sitz in Dresden, er war für verschiedene Geschäftsbereiche in der Stahlindustrie zuständig. Auch international war er viel unterwegs. Am Tag des Unglücks ist Reiling, der damals noch in Freiburg wohnte, früh morgens mit dem Flugzeug von Dresden nach Düsseldorf gereist, um Verhandlungen zu finalisieren – ein Millionenvertrag sei es gewesen. Im Anschluss machte er sich für seine Rückreise wieder auf den Weg zum Flughafen, wo er zu früh eintraf. Nicht so wie sonst. „Meist komme ich auf den letzten Drücker an.“ Nachdem er sich erkundigt hatte, ob bereits eine Maschine früher nach Dresden startet und dies von der Auskunft verneint wurde, hat sich der damals 35-Jährige am frühen Nachmittag in die Lounge der Lufthansa begeben. „Dort waren nur wenige Leute, vielleicht fünf oder sechs, und eine Stewardess“, hat Reiling noch heute vor Augen. Große Fenster erlaubten tolle Blicke auf die Startbahn. In einer abgelegenen Ecke der Lounge wollte der heutige Letteraner einen Schreibtisch besetzen, um an weiteren Verträgen zu arbeiten. Zuvor suchte er jedoch die Toilette auf, „und meinen Koffer nahm ich aus Sicherheitsgründen mit“, so Reiling. Genau das und der scheinbar unbesetzte Tisch könnten ihm zum Verhängnis geworden sein.
Noch in den Toilettenräumen nahm Reiling den Geruch eines verschmorten Kabels wahr. Kurz darauf ertönte durch die Lautsprecher eine Stimme, dass das Gebäude sofort verlassen werden müsse. „Das kam mir aber sehr unangestrengt vor.“ Als er dann die Tür zur Lounge öffnete, sah Reiling das Ausmaß: „Es war dunkel, die Lichter waren aus. Alles war verraucht.“ Die Schnelligkeit, mit der das Feuer ausbrach und sich der Qualm über die Lounge legte, sei „unfassbar“ gewesen. Reiling ist an seinem Schreibtisch vorbei gerannt, hin zur Tür der Lounge. „Ich war ganz alleine dort“, berichtet Reiling. Der Rauch sei intensiv gewesen, die Decke bröckelte. „Es war ekelig.“ An der Eingangstür dann der Schock: Die Tür war fest geschlossen. Und Christian Reiling in der Lounge gefangen.

Mir wurde klar, dass mir nur noch die Hand einer anderen Person helfen kann.

Christian Reiling

„Sofort habe ich mir eine Tischdecke oder ein Handtuch genommen, es befeuchtet und mir vor das Gesicht gehalten“, schildert Reiling seine unmittelbare Reaktion. Der Rauch, der ihn umgab, war hochgiftig, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat. Reiling holte sein Handy hervor und versuchte seiner Sekretärin in Dresden klarzumachen, dass es für ihn gerade um Leben und Tod geht. Immer wieder habe auch das Telefon der Stewardess geklingelt, „mit dem konnte ich aber nicht nach draußen telefonieren.“ Aufgefallen war ihm die Jacke der Stewardess, die noch über dem Stuhl hing. „In einer Tasche war ein Schlüsselbund. Nach und nach habe ich jeden im Türschloss ausprobiert“, erinnert sich Reiling. Auch mit einem Stuhl versuchte er die Tür einzuschlagen. Vergebens.

„Es ging mir schlecht. Der Rauch wurde immer mehr“, schildert der Betroffene die dramatische Situation. Regelmäßig suchte er eine kleine Küche auf und legte sich auf den Boden, „dort war die Luft etwas besser. Aber der Sauerstoff ging langsam aus.“ Nochmals rief er seine Sekretärin an, die den Ernst der Lage erkannte und versuchte, die Feuerwehr in Düsseldorf zu informieren. Diese war allerdings längst mit einem Großaufgebot auf dem Weg zu Flughafen, weshalb sie sich an die Feuerwehr in Dresden wandte. Die dortige Wache informierte über Spezialleitungen ihre Kameraden am Flughafen. „Die wussten zu dem Zeitpunkt nicht, dass ich in der Lounge eingesperrt war. Ich dachte, ich muss sterben.“

Nach unendlich langen 45 Minuten hörte Reiling, am Boden liegend in der Küche, Schritte. Er eilte zur Tür, um sich bemerkbar zu machen. „Es wurde immer dunkler, man konnte die Hand vor Augen nicht mehr sehen.“ Die Feuerwehrleute brachen die Tür auf, packten ihn und brachten ihn nach draußen auf das Rollfeld. „Ich habe noch einen Feuerwehrmann umarmt, danach wurde ich bewusstlos.“ Erst im Krankenwagen kam Reiling wieder zu sich.
Einige Tage verblieb er im Krankenhaus, der Aufenthalt war geprägt von unzähligen Medienanfragen. All diese wimmelte Christian Reiling ab. „Ich habe aus dem Fenster geschaut und mich meines Lebens gefreut.“ Dann erfuhr er, dass in der Lounge der Air France – direkt neben der der Lufthansa – acht Passagiere im Rauch erstickten.

Folgen des Erlebten wirken noch immer

Fliegen – das war und ist auch heute für Christian Reiling kein Problem. Es sind Gebäude, in denen das Erlebte noch immer nachwirkt. „Früher war ich gern bei Dienstreisen in großen Hotels, weit oben“, sagt er. Das ist heute anders. Reiling checkt lieber in kleinen Hotels und in ebenerdigen Zimmern ein. Besonders schaut er sich die Fluchtwege an. „Das hat mich früher nie interessiert.“ Er habe zudem einen ausgeprägten Sinn für den Geruch nach Rauch, „und dann gehe ich auch gerne laufen.“    -lsy-

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