Viele Termine im Amtsgericht ausgebucht
„Die Nachfrage ist anhaltend hoch“

Coesfeld. Anhaltend hoch, und das schon seit mehreren Jahren, sei die Zahl der Kirchenaustritte im Bezirk des Amtsgerichts Coesfeld. Im Jahr 2018 waren es noch insgesamt 388 Austritte, ein Jahr später kehrten 652 Menschen der evangelischen oder katholischen Kirche den Rücken. „Das war der bislang größte Sprung“, sagt Rolf König, Direktor des Amtsgerichtes, mit Blick auf die Zahlen. 2020 traten insgesamt 525 Personen aus der Kirche aus, in diesem Jahr waren es mit Stichtag zum 30. April schon 262 Personen.

Mittwoch, 05.05.2021, 06:00 Uhr
Die Grafik zeigt die Kirchenaustritte im gesamten Bezirk des Amtsgerichts Coesfeld. Die höchste Zahl der Austritte verzeichnete das Gericht 2019. Foto: Archiv

Wer die Kirche verlassen möchte, muss das vor dem zuständigen Amtsgericht erklären. Die Einrichtung in Coesfeld ist neben der Kreisstadt auch für die umliegenden Kommunen Billerbeck, Havixbeck, Nottuln und Rosendahl zuständig, deren Austritte in den jeweiligen Kirchengemeinden vor Ort in den Zahlen berücksichtigt werden. „Pro Kirchenaustritt planen wir etwa zehn Minuten ein“, schildert König auf AZ-Nachfrage weiter. Dabei handele es sich um eine „rein formelle Sache.“ Zuvor muss dafür im Internet ein Termin vereinbart werden. „Innerhalb einer Woche ist es im Normalfall möglich, diesen zu bekommen“, so der Direktor.
An drei Wochentagen bietet das Amtsgericht insgesamt Termine für Kirchenaustritte an. Ein Blick auf den Online-Terminkalender zeigt, dass in den kommenden Wochen viele Tage komplett ausgebucht sind, an den noch verfügbaren Tagen sind noch einige wenige Termine buchbar. „Die Zahlen sind aktuell sehr hoch“, urteilt König, der die näheren Zahlen kennt.
Seit 2014 gingen die Kirchenaustritte zunächst zurück, in dem Jahr waren es insgesamt 405 (davon 105 in evangelischen Kirchengemeinden, 300 in katholischen). 2015 lag diese Zahl bei 373 (75; 298) und ein Jahr später ist sie weiter auf 334 Austritte (88; 246) gesunken. Noch weniger Kirchenaustritte (308 insgesamt, 66 evangelisch, 242 katholisch) verzeichnete das Amtsgericht im Jahr 2017, ehe die Zahlen konstant und teilweise stark anstiegen. 2020 sank die Anzahl der Austritte wieder.
Ob das mit der Corona-Pandemie zusammenhängt? Der Amtsgerichts-Direktor spricht in diesem Zuge von zwei Phänomenen. Zum einen gebe es Menschen, die während der Corona-Pandemie Zeit finden, um sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und anschließend auch den Schritt ins Amtsgericht machen würden. „Auf der anderen Seite gibt es aber auch diejenigen, die gerade wegen der Pandemie nicht ins Amtsgericht kommen“, so König.
Nur in wenigen Fällen würden bei der Erledigung der Formalien Gründe für den Austritt genannt, da diese Angabe keine Pflicht sei. „Oft kommt es bei der Häufigkeit der Austritte auch darauf an, was gerade in der Zeit in den Kirchengemeinden passiert“, sagt König. Wenn es mehr Anfragen gebe, stocke das Amtsgericht auch ihr Angebot auf.

Das sagen die Kirchengemeinden

Gespräche mit den betroffenen Personen würden nach einem Kirchenaustritt nicht geführt, sagt Stephan Wolf, Pfarrer in der Gemeinde St. Johannes Lette. Die meisten Kirchenaustritte – rund 90 Prozent, so vermutet er – würden von Personen stammen, die ihren Wohnsitz ohnehin nicht mehr in der Heimatgemeinde hätten. Seltener komme es durch „Entfremdung in einem schleichenden Prozess“ zu der Entscheidung, der Kirche den Rücken zu kehren. Er räumt ein, dass auch Skandale wie Missbräuche in der katholischen Kirche für Austritte sorgen, doch diese seien in seinen Augen „hochgespielt“. Die Kirche bestehe aus „den Werten von damals“, und Wolf stellt infrage, ob die heute gelebte Gesellschaft, „in der die Solidarität und der Zusammenhalt immer weiter schwindet“, eine bessere sei als die von damals. Das System Kirche könne „nicht von heute auf morgen“ verändert werden, so Wolf. Von einem „Reformationsstau“ spricht Johannes Hammans, Dechant der Anna-Katharina-Gemeinde, was unter anderem der Grund für die zunehmende Entfremdung von der Kirche sein könne. Damit sich etwas ändere, müsse Druck aufgebaut werden. Hammans habe aber beobachten können, dass dieser Druck auch von Bischöfen „nach oben weitergegeben“ werde. Zunehmend schwierig sei es für die Kirche, kommentiert Birgit Henke-Ostermann, Pfarrerin der evangelischen Gemeinde, besonders die jungen, berufstätigen Menschen von der Kirche zu überzeugen. „Die traditionelle Bindung fällt häufig weg“, so Henke-Ostermann. Auch sei die Haltung gegenüber der Kirche zunehmend kritischer geworden. Die Zahl der Kirchenaustritte müsse als „Alarmsignal“ gesehen werden, Aufgabe der Kirche sei es, in schönen Momenten wie Taufen oder Trauungen von sich zu überzeugen. Von der Lamberti-Gemeinde war gestern keine Stellungnahme zu bekommen.   -lsy-

...
Nachrichten-Ticker