Pfarrer Hendrik Wenning über Gemeindeleben und Seelsorge in Corona-Zeiten
„Unser Weg trifft auf großes Verständnis“

Gescher. Die Corona-Pandemie prägt auch das Leben in der katholischen Kirchengemeinde St. Pankratius und St. Marien. Pfarrer Hendrik Wenning äußert sich im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Jürgen Schroer über Seelsorge in ungewöhnlichen Zeiten.

Dienstag, 01.12.2020, 06:30 Uhr
Seit gut vier Jahren leitet Pfarrer Hendrik Wenning die Kirchengemeinde St. Pankratius und St. Marien. Er hofft, dass die Menschen nach der Coronazeit wiederkommen und sich in der Kirche beheimatet fühlen. Foto: az

Corona hat das Jahr 2020 allumfassend geprägt. Wie funktioniert Seelsorge in Zeiten der Pandemie?

Wenning: Vieles ist anders und schwieriger als gewohnt. Das betrifft die Gottesdienste, Fragen der Katechese und die Einschränkungen für unsere Gruppen und Verbände. Das gilt auch für die organisatorische Ebene und im Zwischenmenschlichen – die Befindlichkeiten der Leute im Umgang mit der Pandemie gehen weit auseinander, sodass sich die unterschiedlichen Einstellungen kaum unter einen Hut bringen lassen. Wir haben hier in Gescher eine moderate Herangehensweise gewählt und machen das, was man darf und was man muss. Dieser Weg trifft in der Gemeinde bislang auf großes Verständnis.

Was waren die bislang größten Herausforderungen für die Kirchengemeinde?

Wenning: Das ist sicherlich der Umgang mit Beerdigung und Trauerfamilien. Da kommt man in dieser zutiefst persönlichen Situation mit den Angehörigen zusammen und sitzt sich mit Maske gegenüber – das ist kaum machbar. Und im ersten Lockdown durften nur 20 Personen auf dem Friedhof dabei sein. Das war für viele Angehörige schwer erträglich und wird heute Gott sei Dank wieder anders gehandhabt. Im Blick haben müssen wir auch die, die am Coronavirus erkrankt sind. Wir sind als Kirche für diese Menschen da, sie können uns anrufen, wenn sie Hilfe brauchen. Eine weitere Herausforderung ist das Organisatorische, neue Vorgaben müssen immer sofort umgesetzt werden. Bislang haben wir das gut geschafft.

Wie empfinden Sie die Atmosphäre in den Gottesdiensten? Die sind ja anfangs in der leeren Kirche aufgezeichnet worden oder finden mit vergleichsweise wenigen Besuchern statt.

Wenning: Das war schon seltsam, als wir im ersten Lockdown zu viert oder fünft in der Kirche waren und die Gottesdienste aufgezeichnet haben. Das haben sich aber mehr Personen angeschaut als üblicherweise sonntags zur Kirche kommen. Mit den Lockerungen haben sich die Dinge eingespielt, wir bieten das an, was möglich ist. Das heißt, bis zu 120 Personen dürfen in der Kirche sein. Da hat sich ein Stück weit Normalität eingestellt. Aber mit dem zweiten Lockdown sind die Zahlen wieder zurückgegangen, die Leute sind vorsichtiger geworden.

Was hat sich für Sie persönlich im Alltag verändert?

Wenning: Na ja, man hat etwas mehr Zeit für Dinge, zu denen man sonst nicht kommt, und kann besondere Angebote wie zum Beispiel „Weihnachten to go“ in Ruhe ausarbeiten. Die persönlichen Begegnungen sind natürlich reduziert, Kranken- und Hauskommunion bieten wir nur in Ausnahmefällen an, Glückwünsche zu hohen Geburtstagen übermitteln wir telefonisch. Auch die Gremiensitzungen finden vorerst nicht statt oder laufen als Videokonferenz. Man tut sich damit hin.

Krisen haben in der Vergangenheit oft zu einer verstärkten Hinwendung der Menschen zu Gott, Kirche und Glauben geführt. Beobachten Sie das jetzt auch?

Wenning: Das ist schwierig, weil Gottesdienstbesuche in der medialen Darstellung eher kritisch gesehen werden und die Vorgabe gilt, Menschenansammlungen generell zu vermeiden. Das hemmt den Reflex, in der Krise in die Kirche zu gehen. Andererseits gibt es immer noch viele, die Kerzen anzünden und ins Fürbittenbuch schreiben – das ist nicht weniger geworden. Und der Wunsch nach Einzelgesprächen in Glaubensfragen hat im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten durchaus zugenommen.

Warum dürfen sich die Gemeindemitglieder trotz Corona auf Weihnachten freuen?

Wenning: Weil Weihnachten nach wie vor ein fester Anker im Leben der Kirche und der Menschen ist. Es ist das Fest der Zuwendung Gottes zu uns Menschen. Und wer in diesen Tagen allein ist oder Sorgen hat, für den gibt es einen Ort, wo er hingehen kann, nämlich die Krippe in unserer Pankratiuskirche. Das bleibt, Corona hin, Corona her.

Welche Lehren lassen sich aus dem Corona-Jahr ziehen? Was wird nach Pandemie-Ende anders sein?

Wenning: Ich wünsche mir, dass alle, die der Kirche verbunden sind, nach der Pandemie wiederkommen und weiter mitmachen. Das gilt für die Gottesdienste, aber besonders auch für die Gruppen und Verbände in unserer Gemeinde. Das ist meine Sorge, dass sich viele nach der langen Pause verabschieden. Wir versuchen, Kontakt zu halten, aber es ist einfach nicht dasselbe.

Das Bistum hat für die nächsten Jahre einen strengen Sparkurs angekündigt. Wie wirkt sich das in der hiesigen Pfarrgemeinde aus? Drohen Einschnitte?

Wenning: Das ist keine Corona-Frage, sondern hat mit den demografischen Entwicklungen zu tun. Das Bistum Münster rechnet mit Mindereinnahmen von zehn bis zwölf Prozent in den nächsten Jahren. Die Höhe der Schlüsselzuweisungen an die Gemeinde steht bis 2022 fest. Aber danach werden sicherlich Sparmaßnahmen greifen. Das ist eine heikle Geschichte; der Finanzausschuss des Kirchenvorstandes wird sich ab dem kommenden Jahr mit dieser Frage befassen müssen.

Beten Sie für ein Ende der Corona-Krise? Und ein gutes Jahr 2021?

Wenning: Ich bete vor allem für ein gutes Jahr 2021. Wir hoffen alle, dass sich die Dinge durch die angekündigten Impfungen und weitere Maßnahmen in die richtige Richtung entwickeln. Darüber hinaus geht es darum, wie wir es schaffen, dass sich die Menschen in der Kirche beheimatet fühlen. Das ist eine Frage für das ganze nächste Jahrzehnt – und ich bete darum, dass das gelingt.

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