Stadtbrandinspektor Christian Nolte plädiert für Neubau eines Rettungszentrums
„Projekt Bahnhofstraße aufgeben“

Gescher. Nach der im Lenkungsausschuss vorgelegten Machbarkeitsstudie wird das neue Rettungszentrum viel teurer als erwartet. Der Umbau der angekauften Gewerbehalle an der Bahnhofstraße soll 10,7 Millionen Euro kosten, ein Neubau gar 13,7 Millionen Euro. Stadtbrandinspektor Christian Nolte, seit 1999 Leiter der Wehr, hält die Grundlagen dieser Studie für irreführend und fordert, das Projekt Bahnhofstraße aufzugeben. Im Gespräch mit Redakteur Jürgen Schroer äußert er sich zum Sachstand.

Dienstag, 19.01.2021, 06:34 Uhr
Christian Nolte (52), seit 1999 Leiter der Feuerwehr Gescher, drängt auf eine Neubaulösung für die Feuerwehr- und Rettungswache. Foto: az

Im Lenkungsausschuss sind Zahlen für ein neues Rettungszentrum auf den Tisch gekommen. Sowohl ein Umbau der Halle Bahnhofstraße als auch ein Neubau werden nach den vorgelegten Zahlen mehrere Millionen Euro teurer als erwartet. Wie erschrocken sind Sie?

Nolte: Ich bin nicht erschrocken, ich bin schlichtweg entsetzt!

Wie bewerten Sie die Qualität der vorgelegten Machbarkeitsstudie?

Nolte: Handwerklich sowie fachlich halte ich das Werk einfach für ungenügend. Wenn die Tragfähigkeit des Hallenboden als gut beurteilt wird, weil am Tag der Besichtigung dort ein Lkw stand, brauche ich keinen Ingenieur, das hätte auch ein Azubi aus dem Rathaus feststellen können. Für uns bleiben zu viele Fragen unbeantwortet. In der Planung sind die Wege für die Einsatzkräfte schlichtweg zu weit, was der Form und Größe der Halle geschuldet ist, zudem wird von einem Grundstückstausch mit dem benachbarten Autohaus berichtet, der kaum realisierbar ist. Die Alarmausfahrt des DRK liegt in der Zufahrt der Feuerwehrkräfte, die Anbindung der Alarmausfahrt an die Bahnhofstraße mit Ampel ist weder geplant noch in den Kosten enthalten. Eine sichere Zufahrt für Radfahrer von der Schildarpstraße ist weder möglich noch kostenmäßig geplant. So lässt sich die Negativliste auf 35 Punkte erweitern…

Wie groß ist der Platzbedarf für Feuerwehr und Rettungswache wirklich?

Nolte: In dem Plan hat man einfach großzügig in der vorhandenen 7000-Quadratmeter-Halle die Unterbringung reingemalt. Somit kommt das Planungsbüro auf 2800 Quadratmeter für die Feuerwehr. Dies aber auch bei den Kosten für einen Neubau zugrunde zu legen, ist schlichtweg falsch und vielleicht bewusst irreführend. Wir haben im Oktober 2018 mit der Verwaltung einen Platzbedarf für die Feuerwehr von 1900 Quadratmetern ermittelt, was noch weitgehend aktuell sein dürfte.

Die von der Stadt angekaufte Halle an der Bahnhofstraße ist also nicht das Wunsch-Objekt der Feuerwehr. Was spricht gegen diese Lösung?

Nolte: Wir haben immer darauf hingewiesen, dass insbesondere der Standort problematisch ist. Zudem versucht man hier, ein Rechteck in ein Quadrat zu packen (fast alle Feuerwachen in Deutschland und der Welt sind rechteckig). Wir hätten mit dem Kompromiss leben können, wenn die Planung gezeigt hätte, dass die Vorteile insbesondere in der Einsatzabwicklung (kurze Wege, optimale Logistik) Defizite ausgeglichen hätten. Stand jetzt ist das Gegenteil der Fall. Wenn ich dann noch die Kostenseite betrachte, dürfte ein geeigneter Neubau deutlich besser sein als ein Umbau mit ungewissem Ausgang.

Stichwort Rettungszeiten. Können diese vom Standort Bahnhofstraße eingehalten werden, auch unter Berücksichtigung des neuen Kreisverkehrs?

Nolte: Die Zeiten waren schon vorher grenzwertig, durch den Kreisverkehr werden sie sicher noch schlechter. Aber auch durch die langen Wege auf dem Gelände und im Gebäude sind die vorgegebenen Hilfefristen kaum einzuhalten.

Könnte der ehemalige Reiterhof Wissing ein geeigneter Standort für ein neues Rettungszentrum sein? Hier entwickelt die Stadt bekanntlich ein Gewerbegebiet.

Nolte: Das hatten wir auch schon mehrfach angeregt und trifft sicherlich zu. Mit allen Standorten, die im Dreieck nördlich der Schildarpstraße zwischen Bahnhofstraße und Zur Alten Vogelstange liegen, wären wir bestimmt im grünen Bereich.

Ist auch ein Abriss des Altgebäudes und ein Neubau am Venneweg denkbar? Reicht die Grundstücksgröße dafür aus?

Nolte: Ich denke, für alle drei Nutzer ist das nicht vorstellbar, für Feuerwehr und DRK könnte das reichen. Ideal wäre dann, das Gelände ehemals Baugeschäft EB mit zu erwerben. Allerdings befinden wir uns dann immer noch in einem Wohngebiet. Ich hielte eine Lösung am Rand des südlichen Industriegebietes für verträglicher.

Warum lässt sich das vorhandene Gebäude nicht ertüchtigen und erweitern?

Nolte: Schon in der ersten Studie wurde das untersucht. Leider sind die Gebäudehülle und die Technik in einem desolaten Zustand. Erforderlich wäre eine komplette Kernsanierung, und die wäre nach dem bisherigen Kenntnisstand unwirtschaftlich.

Im benachbarten Stadtlohn ist eine Feuer- und Rettungswache für rund 7,6 Millionen Euro errichtet worden. Könnte sich Gescher an dieser Lösung orientieren?

Nolte: Aus meiner Sicht steht dort annähernd die Ideallösung. In dem deutlich größeren Feuerwehrteil würden Feuerwehr und DRK Platz finden – Stadtlohn hat ja nur einen Standort, wie haben ja auch noch Hochmoor. Und die Rettungswache ist vergleichbar.

Wie geht es jetzt weiter? Welche Erwartungen haben Sie an Politik und Verwaltung?

Nolte: Das Projekt Bahnhofstraße muss aufgegeben werden. Wir dürfen uns nicht weiter von Studie zu Gutachten und noch mehr Blablabla hangeln. Die zwei sinnvollen Lösungen – Neubau an geeigneter Stelle oder Abbruch und Neubau am Venneweg – sollten jetzt belastbar geprüft und die bessere Planung dann beauftragt werden. In vielen Gemeinden in der Nachbarschaft gelingt das alles reibungslos und einvernehmlich, das müssen wir in Gescher auch hinbekommen. Die Feuerwehr ist dazu bereit, man muss nur mit uns sprechen und nicht über uns.

Ist nicht zu befürchten, dass sich das Projekt nochmals deutlich verzögert, wenn man mit der Standortsuche von vorne beginnt?

Nolte: Es wird halt noch seine Zeit dauern. Wenn wir damit aber dem Idealstandort zum Schutz der Gescheraner Bürger näher kommen, ist das besser, als weiter auf dem Holzweg zu bleiben. Wenn man das Projekt ernsthaft angeht, kann man das in drei Jahren schaffen. Billerbeck hat’s vorgemacht.

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