Die verborgene und wiederentdeckte Geschichte eines jungen Soldaten zum Kriegsende vor 75 Jahren
Soldatenschicksal nach 75 Jahren im Licht der Erinnerung

Rosendahl/Entrammes. Mehr als 75 Jahre nach seinem frühen Tod kam er aus dem Dunkel des Vergessens in das Licht der Erinnerung zurück: Ein deutscher Soldat, gefallen am 6. Juni 1944 – dem als „D-Day“ bekannten ersten Tag der alliierten Invasion in Frankreich – in Laval, der Nachbarstadt der Rosendahler Partnergemeinde Entrammes.

Sonntag, 10.05.2020, 08:30 Uhr
Die deutsche Kriegsgräberstätte Mont d’Huisnes liegt unweit von Rosendahls französischen Partnergemeinden gelegen. Foto: Fritz Braun/Nüsttal

Georg Meyering, früherer Rosendahler Bürgermeister, hat die Geschichte recherchiert und erzählt: „Bei unserem Besuch in Entrammes im Mai 2019 zeigten mir unserer langjährigen Gastgeber Catherine und Hubert Lardeux die Erkennungsmarke eines bei einem Flugzeugabschuss gefallenen deutschen Soldaten. Der Vater unserer Gastgeberin hatte sie ihm abgenommen, sie wurde bei der Familie aufbewahrt. Das hat mich sofort fasziniert, ja elektrisiert: Galt da ein deutscher Soldat immer noch als vermisst, war sein Schicksal möglicherweise seinen Angehörigen niemals bekannt geworden?“
Sofort nach der Rückkehr aus Frankreich begann Meyering mit der Spurensuche beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge – dessen Fördermitglied er seit Jahrzehnten ist –, bei der ehemaligen „Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht“, dem Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt und auch bei anderen Stellen. Monate gingen darüber ins Land.
Letztlich brachte ihn ein persönlicher Besuch im Berliner Bundesarchiv und Online-Recherchen beim Volksbund an sein Ziel: Die Erkennungsmarke gehörte zu dem Obergefreiten Erwin O., geboren 1923 in Frankfurt/Main, einberufen mit 19 Jahren im April 1942, gefallen knapp einen Monat vor seinem 21. Geburtstag.
Allerdings blieb der nun namentlich Bekannte immer noch im Halbdunklen: Es gibt zwar auch heute noch Träger seines Familiennamens in Frankfurt, aber Anrufe dort brachten Georg Meyering nicht weiter. Er berichtet von seinen Recherchen: „Sein Tod wurde zwar noch im Januar 1945 beim Standesamt Frankfurt/Main beurkundet, sein damals noch lebender Vater erhielt auch Nachricht. Aber nach 1945 hat sich niemand mehr nach ihm oder seiner Grablage erkundet. Ich war tatsächlich der erste an ihm interessierte Nachfragende seit 1945. Mein Ziel blieb es weiterhin, noch etwas mehr aus seinem kurzen Leben zu erfahren, vielleicht auch ein Bild und Briefe zu bekommen.“
Nach weiteren wochenlangen Recherchen, Telefonaten und einigem Schrift- und Mailverkehr meldete sich dann doch eine Familienangehörige bei Georg Meyering. Er erzählt: „Es war eine Nichte des Toten, ihre Mutter war die jüngste Schwester des Gefallenen, übrigens im gleichen Jahr geboren, in dem ihr Onkel fiel. Sie hatte von anderen Verwandten den Brief erhalten, den ich zu Weihnachten 2019 an vermutete Verwandte geschrieben hatte.“ Zugleich aber auch eine Enttäuschung: „Sie berichtete mir, dass beim Tod ihrer Großmutter, also der Mutter des Gefallenen, im Jahre 1965 alle Unterlagen vernichtet worden seien – für mich unfassbar und sehr schade“, erläutert Meyering.
Zunächst entmutigt angesichts dieser enttäuschenden Nachricht bat er diese Verwandte daraufhin, doch noch einmal in der Familie zu forschen, ob vielleicht noch irgendwo ein Foto des jungen Soldaten in einem vergessenen Fotoalbum schlummert. „Das hat sie dann getan, und zwar erfolgreich: Bei einem anderen Neffen des Gefallenen, ihrem Vetter also, fand sich noch ein Album mit Fotos des Gefallenen.“ Sehr zur Freude von Meyering. „Und eine Fußnote lieferte sie mir gleich mit: Als der Vater des Gefallenen vom Tode seines jüngsten Sohnes erfuhr, riss er das damals in jeder Wohnung obligatorische Hitler-Bild von der Wand und zertrat es.“
Ein Zeichen hat Meyering nach erfolgreichem Abschluss seiner Recherchen gesetzt: „Zu Weihnachten 2019 habe ich für Erwin O. auf seinem Grab durch den Volksbund einen Kranz niederlegen lassen. Die Kriegsgräberstätte ist nur etwa 150 Kilometer von unseren Partnergemeinden entfernt. Und deshalb werden wir das Grab bei unserem nächsten Besuch in Entrammes zusammen mit unseren Gastgebern besuchen“, schließt Georg Meyering seine Erzählung.
- Aus Gründen des Datenschutzes und mit Rücksicht auf noch lebende Verwandte ist der Familienname des Gefallenen in der Abkürzung dargestellt. Aus gleichem Grund ist auch die Nummer auf der Marke unkenntlich gemacht. Einer Nutzung des Portraitbildes wurde durch Familienangehörige zugestimmt.

Kriegsgräberstätte Mont d’Huisnes

Erwin O. ruht heute auf der deutschen Kriegsgräberstätte Mont d’Huisnes. Sie ist der einzige deutsche Gruftbau (Mausoleum) in Frankreich und wurde 1963 eingeweiht. Gelegen in Sichtweite der Baie du Mont-Saint-Michel in der Normandie, wurden hier 11 956 deutsche Gefallene des Zweiten Weltkriegs durch den Umbettungsdienst des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge dorthin überführt.

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Eine Frage an Georg Meyering

Warum haben Sie die langen Recherchen zur Klärung des Soldatenschicksals auf sich genommen?

Meyering: „Der Zweite Weltkrieg, dessen Ende jetzt 75 Jahre zurückliegt, forderte mehr als 60 Millionen Tote. Allein mehr als eine Million deutscher Schicksale ist immer noch ungeklärt. Für die Generation der „Soldatenkinder“, zu denen ich ja auch gehöre, und mehr noch für die der Enkel und Urenkel bleibt die Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Gefallenen und Vermissten ein wichtiger Bestandteil der Friedensarbeit. Ich bin dankbar, dass ich im Frieden groß geworden bin und weiter darin leben darf. Meine Recherche ist insofern auch ein Zeichen dieser Dankbarkeit.“

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