Raimund Kramps vom Sehbehindertenverein zu Gast in der Osterwicker Grundschule
Lernen, mit den Ohren zu sehen

Osterwick. Woher wissen blinde Menschen, welchen Weg sie gehen müssen, um nicht fremde Menschen oder Gegenstände anzurempeln? „Ganz einfach“, erklärt Raimund Kramps. „Dafür habe ich meinen Blindenstock.“ Prompt steht er aus seinem Stuhl auf und läuft zwischen den Tischen und Schülern im Klassenraum. „Ich schwinge den Blindenstock leicht hin und her“, führt er vor, während er mit diesem ein Tischbein berührt. „Jetzt weiß ich, dass rechts von mir ein Tisch steht.“ Ein staunendes Raunen geht durch das Klassenzimmer der 2b in der Osterwicker Sebastian-Grundschule.

Montag, 28.09.2020, 06:02 Uhr
Zum Abschluss ihrer Unterrichtsreihe war Raimund Kramps vom Sehbehindertenverein zu Gast in der Osterwicker Grundschule und stellte sich ausführlich den Fragen der wissbegierigen Schüler. Fotos: Leon Eggemann Foto: az

„Im Rahmen einer Unterrichtsreihe beschäftigen wir uns aktuell mit den menschlichen Sinnen und speziell mit dem Auge“, berichtet Referendarin Annika Finger, die ihre Examensstunde nun erfolgreich zu diesem Thema abgeschlossen hat. „Dabei wollen wir das Wissen nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch vermitteln.“ Deshalb hat sie zum Abschluss der Unterrichtsreihe Raimund Kramps, Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins Coesfeld-Ahaus, eingeladen. Der 73-jährige Gescheraner stellte sich ausführlich den unterschiedlichsten Schülerfragen zu seiner Person und seiner Erkrankung.

„Bei mir hat es angefangen, als ich 50 Jahre alt war. Damals konnte ich nachts beim Autofahren nichts mehr sehen“, erzählt Kramps. „Mittlerweile sehe ich nur noch ganz wenig, beispielsweise Kontraste zwischen hell und dunkel.“ Mit dem zunehmenden Verlust seiner Seh-Fähigkeiten haben sich beim ihm allerdings andere Sinneswahrnehmungen geschärft. „Ich kann jetzt viel besser hören“, verrät er. „Ich habe gelernt, mit den Ohren zu sehen.“ Außerdem könne er sich noch an ihm vertrauten Orten gut orientieren. „Ich gehe bei mir zu Hause in Gescher auch allein zum Bäcker“, erzählt Kramps. Da er die Münzen allerdings nicht mehr erkennt, hilft ihm sein Tastsinn. „Die Ränder der Münzen haben alle verschiedene kleine Rillen“, sagt er.

„Wie kannst du denn Essen, wenn du den Teller gar nicht siehst“, möchte Jakob wissen. Um diesem Problem Abhilfe zu verschaffen, haben sich Raimund Kramps und seine Frau eine ganz besondere Methode ausgedacht. „Anhand der Uhr zeigt sie mir, was wo auf dem Teller liegt“, erläutert der Gescheraner. „Auf sechs Uhr sind die Erbsen, auf drei Uhr die Kartoffeln und auf zwölf Uhr das Schnitzel.“ Die Hilfe von Familie und Freunden ist für ihn besonders wichtig. „Sie sind für mich da, wenn ich Dinge nicht allein bewältigen kann.“ Doch nicht nur Menschen sind ihm eine große Hilfe, auch technische Geräte erleichtern Kramps den Alltag. „Beim Lesen habe ich ein Brillengestell mit einer kleinen Kamera auf“, lächelt er. „Ich muss nur auf das Buch schauen und schon wird mir vorgelesen.“ Dann greift er in seine Jackentasche und kramt sein Handy heraus. „Ich habe eine kleine Freundin, die heißt Siri“, lächelt er. Dank der Sprachfunktion im Telefon könne er so mühelos E-Mails, SMS oder WhatsApp-Nachrichten schreiben. „Kannst du Frau Finger mal eine Nachricht schicken?“, fragt Thilo. Gesagt, getan. Kaum hat Raimund Kramps in sein Telefon gesprochen, vibriert das Handy der Referendarin. „Ist angekommen“, freut sie sich. Erneut geht ein staunendes Raunen durch den Klassenraum.

Zum Ende der Unterrichtsstunde hat der 73-Jährige den Schülern noch etwas mitgebracht. Aus einer Tüte holt er mehrere Pappbrillen, die alle in den „Gläsern“ ein kleines Loch aufweisen. „So könnt ihr nachempfinden, wie mein Blickfeld aussieht“, erklärt er. Weil den Kindern noch Fragen auf den Nägeln brennen, bleibt er noch ein wenig länger. Für Annika Finger ein klares Indiz, dass die Unterrichtsreihe ein voller Erfolg war. „Im Vorfeld haben wir uns erhofft, dass die Kinder mehr Verständnis entwickeln und sensibler mit dem Thema Blindheit umgehen“, beschreibt sie. „Das ist uns gelungen.“

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