Firma Setex beliefert Künstler Christo
Hier entsteht „Kunst“-Stoff

Greven -

Manchmal haben auch außergewöhnliche Verbindungen einen eher unspektakulären Anfang. Derart unspektakulär, dass man sich im Nachhinein darüber wundert, dass das überhaupt klappen konnte. Im Fall des Verhüllungskünstlers Christo und des Textilunternehmens Setex aus Greven ist das so.

Dienstag, 01.03.2016, 21:00 Uhr
Diana Göcke zeigt den „Floating“-Stoff. Foto: Jürgen Peperhowe

Als bekannt wurde, dass der New Yorker Künstler, der damals noch mit seiner inzwischen verstorbenen Frau Jeanne-Claude aktiv war, 1995 dem Berliner Reichstag ein Gewand aus silbern schimmerndem Stoff verpassen wollt e, schrieb der frühere Inhaber der 2013 von der Firma Setex übernommenen Weberei, Stefan Schilgen, Christo kurzerhand an und brachte so sich und seinen Betrieb ins Gespräch. Wenig später stand fest: Der Stoff, mit dem das Parlamentsgebäude eingekleidet wird, kommt aus dem Münsterland.

Was damals schon Erstaunen hervorrief und ein bisschen nach Sensation klang, ist inzwischen fast Routine: Christo und Setex sind vielleicht kein Team; die Verbindung ist aber so eng, dass der Künstler noch zwei weitere Male Gewöhnliches ungewöhnlich mit im Münsterland gewebten Stoff eingepackte: Bei „Wrapped Trees“ waren es 1998 Bäume in der Schweiz. Zwölf Jahre später verzierten bei „The Gates“ 7500 Tore mit safranfarbenen Vinyl-Segeln den Central-Park in New York.

In diesem Sommer wird der inzwischen 80 Jahre alte Christo erneut Stoff zu Kunst veredeln. Diesmal sollen die Bahnen auf dem norditalienischen Iseo-See wie ein Steg das Ufer mit zwei Inseln verbinden. „The Floating Piers“ heißt das Werk. Die diesmal dahliengelben Stücke Stoff wurden wieder bei Setex gewebt. „Aus Poly amid-Gewebe wegen der Farbbrillanz“, sagt Projektleiterin Di­ana Göcke.

Was aber macht die Zusammenarbeit so gedeihlich, dass sie über viele Tausend Kilometer und Jahre hinweg hält? „Erfahrung, Vertrauen und Kompetenz.“ Drei Wörter lang ist die erste Antwort von Setex-Geschäftsführer Heiko Wehner. Eigentlich ist damit alles gesagt.

Dann holt er jedoch noch mal aus, lobt die Mitarbeiter, ihre Fähigkeit, Probleme zu lösen – und: „mitzudenken“. Letzteres, sagt er, sei das das „entscheidende Quänt­chen, das es ausmacht“.

Auch wenn die Setex-Textil GmbH für Christo webt: „Wir produzieren Stoff“, sagt Wehner sachlich. Für „The Floating Piers“ waren es exakt 75 000 Quadratmeter in 4,60 Meter Webmaschinenbreite. Kunst werde daraus erst beim Aufbauen“, ergänzt Göcke.

Klar, ein solcher Auftrag „ist für uns immer spannend“, so der Geschäftsführer. Gleichwohl: Stoff ist Stoff – und den herzustellen ist Tagesgeschäft an den fünf Setex-Produktionsstandorten. „Wir haben 40 Webmaschinen und alleine 2015 rund 20 Millionen Quadratmeter Gewebe produziert“, erklärt Wehner. Eine sei zuletzt acht Wochen lang für Christos Auftrag in Betrieb gewesen.

Gleichwohl: Christo ist ein au­ßerge­wöhn­li­cher Kunde. Angesichts seines hohen Alters ist er für „The Floating Piers“ nicht nach Greven gekommen. Stattdessen reisen interessierte Setex-Mitarbeiter diesmal nach Italien, um zu sehen wie sich ihr Stoff auf dem Iseo-See macht – und sich das gelbe Gewebe – nun ja – in ei­ne ganz eigene Art „Kunst“-Stoff verwandelt hat.

Nach dem Projekt ist vor dem Projekt. Schon 1992 träumten Christo und Jeanne-Claude davon, 60 Kilometer des Arkansas River im US-Staat Colorado mit riesigen Stoffplanen zu überspannen. Jetzt, 24 Jahre später, scheint der Künstler seinem Ziel zumindest nahe gekommen zu sein. „Wenn es dazu kommt, möchten wir natürlich wieder dabei sein“, sagt Göcke.

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