Der Traum vom Neuanfang
31-jähriger Mann aus Münster will Haftstrafe für Abitur nutzen

Werl -

Gut vier Jahre sitzt der Münsteraner schon im Gefängnis. Zu sieben Jahren ist er verurteilt worden. Was Achim A. ausreichend hat, ist Zeit – Zeit zum Nachdenken. Und diese Zeit hat er genutzt. Jetzt will er sein Abitur nachholen.

Samstag, 15.04.2017, 09:01 Uhr

Büffeln für das Abitur: Zu sieben Jahren Gefängnis ist Achim A. verurteilt worden. Die Zeit nutzt der junge Mann, um seinen Schulabschluss nachzuholen – als Chance für den Beginn für ein straffreies Leben nach der Haft. Foto: Wilfried Gerharz

Ein Bett, einen Schreibtisch und an der Wand eine Fahne vom FC Bayern München – viel mehr hat das Zimmer von Achim A. (Name von der Redaktion geändert) nicht. Der 31-jährige Mann lebt auf zwölf Quadratmetern hinter vergitterten Fenstern in einer Zelle der Justizvollzugsanstalt (JVA) Werl. Und zwölf Qua­dratmeter sind schon viel, die meisten Hafträume sind nur acht Quadratmeter groß.

Es ist nicht das erste Mal, dass Achim A. hinter Gittern leben muss. Immer wieder hatte er gegen Bewährungsauflagen verstoßen, und so summierte sich seine Strafe. Mehrere Ausbildungen hat er abgebrochen – jeden Tag früh aufstehen war nicht sein Ding. Drogen und Diebstähle bestimmten seinen Alltag. Sein Leben hat er einfach nicht auf die Reihe bekommen. Doch dieses Mal will er sich wirklich ändern.

Ich brauchte diesen Denkzettel, um zu erkennen, dass das nächste Leben anders werden muss.

Häftling Achim A.

Traum von einem normalen Leben

Er träumt von einem ganz normalen Leben mit Familie und einem „ordentlichen“ Beruf. Der junge Mann weiß, dass er mit seiner Vergangenheit keinen einfachen Start haben wird. Um überhaupt eine Chance zu bekommen, macht er seine Schulabschlüsse nach. „Ich habe draußen genug getrödelt, die Zeit ist weg“, sagt er.

Den Realschulabschluss hat der Häftling schon mit einem Notendurchschnitt von 2,5 gemacht. Jetzt büffelt er für sein Abitur. Im Abschlusszeugnis soll ebenfalls eine Zwei vor dem Komma stehen.

Letzte Chance für einen Neuanfang

„Herr A. ist ein guter und fleißiger Schüler“, sagt die Leiterin des Pädagogischen Zentrums in der JVA Werl, Annemarie Monkau. Sie ist zuversichtlich, dass Achim A. sein Ziel erreicht. Die lange Strafe sieht Achim A. als letzte Chance für einen Neuanfang. „Die früheren Strafen, wie Bewährung oder Sozialstunden, habe ich nicht genutzt. Ich brauchte diesen Denkzettel, um zu erkennen, dass das nächste Leben anders werden muss.“

Im Gefängnis hat Achim A. gelernt, wie wichtig es ist, sich an Regeln zu halten. Regeln, die ihm früher mehr oder weniger egal waren. „Wer hier morgens nicht pünktlich aufsteht, verpasst das Frühstück. Wer nicht rechtzeitig beim Unterricht ist und nicht lernt, wird irgendwann aus der Schule fliegen. Dann ist es vorbei mit den Privilegien, die ein angehender Abiturient in der Haft hat“, erklärt der junge Mann. „So wie sich ein Häftling hier benimmt, so wird er auch behandelt“, hat Achim A. erfahren.

Das Ziel: Studieren

Künftig will er strenger mit sich selbst sein. Nach dem Abitur will der Münsteraner studieren. Für Informatik oder Betriebswirtschaft schlägt sein Herz. Auch hofft der Mann, dass er in den offenen Vollzug wechseln kann, damit er sein Studium aufnehmen kann.

Ich habe draußen genug getrödelt, die Zeit ist weg.

Häftling Achim A.

„Noch sind das Träume, erst einmal heißt es: Lernen für das Abitur.“ In der JVA werden die zentralen Abiturprüfungen abgelegt. Nach den gleichen Maßstäben, die auch an allen anderen Schulen gelten.

Nicht ganz wie andere Schulen

Doch alles ist nicht gleich wie bei anderen Schülern. Die Leistungskurse können Häftlinge nicht nach persönlichem Interesse auswählen. Das hängt davon ab, welche Lehrer vom Abendgymnasium Münster, mit dem die Schule in der JVA kooperiert, verfügbar sind. Derzeit werden nur Deutsch und Biologie angeboten. „Das ist aber in Ordnung“, erklärt Achim A. Weitere Prüfungsfächer sind Mathematik und Geschichte.

In anderen Schulen fanden vor den Ferien die Mottowochen statt. „Die fallen bei uns aus“, sagt Achim A. mit einem Schmunzeln. „Verkleidet zum Unterricht zu kommen, ist in der JVA nicht angesagt.“ Eine große Abi-Party wird es auch nicht geben, allerdings werden die Zeugnisse in feierlichem Rahmen überreicht, versichert Annemarie Monkau.

Für Achim A. soll das ein Tag sein, an dem wirklich sein neues Leben beginnt. Auch wenn die Haftstrafe damit nicht beendet ist: Den Grundstein für einen Neuanfang ohne kriminellen Hintergrund will er damit legen.

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Schule in der JVA

Das Pädagogische Zentrum wurde 1971 in der JVA Münster gegründet und befindet sich seit der Räumung des münsterischen Gefängnisses in Werl. Dort wird zentral für das Land NRW Vollzeitunterricht für erwachsene männliche Strafgefangene zur Vor­bereitung auf einen Schulabschluss angeboten. Gefangene erhalten die Möglichkeit, in bis zu dreijährigen Kursen den Hauptschulabschluss, die Fachoberschulreife, die Fachhochschulreife oder das Abitur zu erlangen. Ins­gesamt stehen im Pädagogischen Zentrum 53 Plätze zur Verfügung; die Schüler sind in Wohngruppen untergebracht und werden durch acht Bedienstete des Allgemeinen Vollzugsdienstes, acht hauptamt­liche Lehrer sowie vom Psychologischen Dienst und  Sozialdienst betreut.

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