„Eine hochspannende Region“
Neue Sparkassenpräsidentin Liane Buchholz will über die Grenzen von Westfalen-Lippe hinaus gestalten

Münster -

Zwar steht noch der ein oder andere Umzugskarton in ihrem Büro, doch für Prof. Dr. Liane Buchholz ist die Einarbeitungsphase schon fast beendet. „Im vollen Lauf“, so sagt sie, hat sie das Präsidentenamt beim Sparkassenverband Westfalen-Lippe (SVWL) übernommen. Unsere Redaktionsmitglieder Wolfgang Kleideiter und Jürgen Stilling sprachen mit Buchholz, die nun die Interessen von 65 Sparkassen in Westfalen-Lippe mit rund 26 000 Beschäftigten und sechs Millionen Kunden vertritt, über Aufgaben und Herausforderungen.

Donnerstag, 13.04.2017, 21:53 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 13.04.2017, 21:34 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Donnerstag, 13.04.2017, 21:53 Uhr
Mit Zahlen und Fakten vertraut: Seit dem 1. April führt Prof. Dr. Liane Buchholz den Sparkassenverband. Foto: Gunnar A. Pier

Einer Sparkassengröße wie Dr. Gerlach zu folgen, dürfte nicht einfach sein. Wie werden Sie den Verband mit seiner komplexen Struktur und seinen Be­teiligungen führen?

Prof. Dr. Liane Buchholz: Der Verband ist bestens aufgestellt und funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk. Die Sparkassen in Westfalen-Lippe sind groß und ertragsstark. Bislang habe ich auf meinem Berufsweg zumeist Mandate übernommen, bei denen ich erst Strukturen ändern oder Aufbauarbeit leisten musste. Hier kann ich im vollen Lauf dort starten, wo Rolf Gerlach am 31. März aufgehört hat.

Womit war die erste Woche ausgefüllt?

Buchholz: Viel Aktenstudium – von der Satzung bis zum Jahresabschluss, Gespräche mit Mitarbeitern, Blick aufs Monitoring. Ich bin von Haus aus Finanz-Mathematikerin. Zahlen und Fakten brennen sich bei mir sehr schnell ein. Gleichzeitig habe ich mich schon mit den Tochter- und Verbundgesellschaften befasst, bei denen ich entsprechende Mandate ausübe. In Westfalen-Lippe ist ein Achtel der Sparkassen-Finanzgruppe beheimatet. Deshalb habe ich über die Grenzen von Westfalen-Lippe hinaus einen hohen Gestaltungsanspruch. Denn meine wichtigste Aufgabe besteht darin, für die Sparkassen Rahmenbedingungen schaffen, mit denen sie weiter erfolgreich sein können.

Sie sprechen von starken Sparkassen. Die Stimmungslage draußen ist aktuell anders. Kunden er­leben, wie ihre Sparkasse neuerdings Gebühren für das Abheben am Geld­automaten erhebt.

Buchholz: Die Rahmen­bedingungen sind schwieriger geworden. Wir können die von der EZB verordnete Niedrigzinsphase nicht beeinflussen und zahlen, wie Bundesbankpräsident Weidmann es formuliert, hier den Preis für die Europäische Union. Deshalb suchen alle Finanzinstitute, auch die Sparkassen, nach Wegen, um Kosten abzudecken. Dass dies zu einer Diskussion führt, halte für normal. Kunden waren Gebühren am Automaten nicht gewohnt, weil die Institute die Kosten quersubventioniert haben. Diese Zeiten sind mittelfristig vorbei. Positiv ist, dass die Institute damit dem Megatrend zu höherer Transparenz folgen und sagen, welchen Preis eine Leistung tatsächlich hat. Es fallen übrigens keine zu hohen Gebühren an. Und der Kunde kann zudem mit Blick auf sein eigenes Bank-Verhalten zwischen verschiedenen Kontomodellen wählen. Diese Entwicklung wird sich aber fortsetzen.

Laufen die Sparkassen in Westfalen-Lippe hier im Gleichschritt?

Buchholz: Die Sparkassen entscheiden über ihre Geschäfts- und damit auch ihre Preispolitik eigenständig und unabhängig. Sie entscheiden auf Basis ihrer langen Erfahrung selbst. Als Verband halten wir uns da komplett heraus.

Treiben die Sparkassen aber nicht auf diesem Weg der Online-Konkurrenz die Kunden zu?

Buchholz: Nein, denn diese Konkurrenz haben wir schon seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre. Die Sparkassen in Westfalen-Lippe haben heute sechs Millionen Kunden. Die Marktanteile der Direktbanken haben sich längst eingepegelt. Die Stärke der Sparkassen ist, dass sie bei den wichtigsten Lebensentscheidungen der Kunden da sind. Basis ist die lange Bindung. Uns muss die Frage beschäftigen, wie wir unsere jüngeren Kunden dauerhaft halten können.

In Westfalen-Lippe gibt es aktuell 65 Sparkassen. Stehen weitere Fusionen an?

Buchholz: Es gibt Gespräche. Aber ich kann keine Prognose abgeben, in welche Richtung sich diese jeweils entwickeln. Und: Größe allein ist kein Wert. Für mich ist der wichtigste Wert die Ertragskraft des Instituts.

Aber die bürokratischen und regulatorischen Lasten für jedes Haus nehmen doch zu?

Buchholz: Regulatorik ist ein Treiber, aber nur über sie zu schimpfen, ist aus meiner Sicht zu eindimensional. Mit ihr wurde zum Beispiel auch die von mir stets geforderte Trennmauer zwischen Groß und Klein gezogen, denn bis dahin galten zum Beispiel für die Deutsche Bank und unsere kleinste Verbandssparkasse Geseke gleiche Regeln. Eine meiner wichtigsten Aufgaben der nächsten Monate ist aber tatsächlich die Frage, wie wir unsere Institute bei der Regulatorik über schon in anderen Ländern erfolgreich praktizierte Standards entlasten können. Neben Niedrigzins und Demografie ist Regulatorik also ein wichtiges Thema. Aber noch wichtiger ist die Ertragskraft der Regionalwirtschaft. Und da, muss ich sagen, fühle ich mich hier in Westfalen richtig wohl. Es ist eine hochspannende Region.

Erwarten Sie absehbar Zinsänderungen?

Buchholz: Nein, die EZB wird ihr Anleihe-Aufkaufprogramm mit allen auch kritisch zu sehenden Konsequenzen bis zum Frühjahr 2018 umsetzen. Die Inflation ist noch lange nicht an dem Punkt angekommen, an dem EZB-Präsident Drahgi seine Geldpolitik ändern wird. Zudem fordert niemand in Europa eine schlagartige Veränderung. So ein Prozess muss so langsam wie möglich ablaufen, damit die Institute mit ihrer Feinsteuerung diesen Weg mitgehen können.

Eine Zinswende würde die Lage also nicht über Nacht verbessern.

Buchholz: Das wissen auch die Sparkassen in Westfalen-Lippe, die sich schon heute stärker auf das Provisionsgeschäft konzen­trieren und gleichzeitig den Verwaltungsaufwand mit Blick auf Prozesse und Strukturen senken. Aus aktuellen Umfragen zur Widerstandskraft bei Zinsänderungen wissen wir, dass die Institute gut unterwegs sind. Sie haben längst damit begonnen, sich zinsunabhängiger zu machen.

Wie beurteilen Sie die Zukunft von Provinzial Nord West und LBS West?

Buchholz: Aus unserer Trägersicht sind keine hektischen Aktivitäten erforderlich. Wir werden aber die Konsolidierungsmöglichkeiten weiter intensiv prüfen und schauen, dass wir im Interesse unserer Institute größere Einheiten schaffen. Im Vergleich zu unserem Wettbewerber haben wir hier deutliche Nachteile.

Was können Sie eigentlich einem Kunden raten, der heute Geld anlegen will?

Buchholz: Gut beraten ins Aktiengeschäft gehen, aber dort das Risiko so breit wie möglich streuen und nicht alles auf eine Karte setzen.

Aber gerade die Deutschen, die so gerne sparen, scheuen diesen Weg.

Buchholz: Bedauerlicherweise ja. Es ist auch ein Ausdruck dafür, dass wir ins­gesamt in der Bevölkerung ein stärkeres Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge benötigen. Da haben wir Nachholbedarf.

Die Digitalisierung schreitet voran. Können Sie hier Kundenwünschen gerecht werden?

Buchholz: Die Sparkassen-Organisation ist stark genug, um diesen Trends zu folgen, und hat das Thema strategisch natürlich auf der Agenda. Wir wissen, dass Daten der Rohstoff des 21. Jahrhunderts sind, und legen aber auch allerhöchsten Wert darauf, dass die Daten von unseren 50 Millionen Kunden bei uns sicher sind.

Prof. Dr. Liane Buchholz

Prof. Dr. Liane Buchholz (52) trat am 1. April ihr Amt als Präsidentin des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe an und folgte auf Dr. Rolf Gerlach. Buchholz kommt vom Bundesverband Öffentlicher Banken Deutschlands (VÖB), wo sie seit Januar 2014 Hauptgeschäftsführerin war. Sie hat an der Hochschule für Ökonomie in Berlin promoviert und kennt die Sparkassenorganisation sehr gut. Vor ihrer Tätigkeit beim VÖB leitete sie unter anderem die Managementakademie der Sparkassen-Finanzgruppe und war damit bundesweit für die Aus- und Weiterbildung der Sparkassenmitarbeiter zuständig.

Als neue Präsidentin vertritt Buchholz den Sparkassenverband Westfalen-Lippe auch in wichtigen Verbundunternehmen und wird u.a. in folgende Aufsichtsgremien einziehen:

- Finanz-Informatik (Stv. Vorsitzende des Aufsichtsrates)

- LBS West (Mitglied des Verwaltungsrats und der Trägerversammlung)

- Provinzial NordWest Holding AG (Mitglied des Aufsichtsrats)

- Westfälische Provinzial Versicherung AG (Vorsitzende des Aufsichtsrats)

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