Ahlener buchen Alternativen
Terror lenkt Touristen um

Ahlen -

Der weltweite Terror hat auch Einfluss auf das Buchungsverhalten vieler Ahlener. Muslimische Länder sind weitestgehend tabu, Städtereisen nach London und Paris ebenso. Aber es gibt Alternativen.

Freitag, 09.06.2017, 22:00 Uhr

London und Paris sind raus aus den Städtereisen, Spanien mit Mallorca ist mehr denn je das Top-Ziel der Ahlener. Alternative: die Nord- und Ostsee. Foto: dpa

Anruf aus Berlin, als der Lkw in den Weihnachtsmarkt rast. Ahlener stornieren ihr Hotel am Breitscheidplatz und packen. Ahlener Ängste auch nach dem Anschlag auf ein Popkonzert in Paris. In Tunesien nach dem Amoklauf am Strand von Sousse und anderswo. Der Tourismus und der Terror – zusammen ein Thema, das nicht mehr zu trennen ist, wenn gebucht wird. Auch nicht im Reisebüro Dr. Pieper. Dennoch: „Die, die zu uns reinkommen, wollen trotzdem in den Urlaub“, sagt Reiseverkehrskauffrau Susanne Fabian. Allerdings zu anderen Zielen. Korsika etwa, Formentera, die Azoren oder Sardinien sind wieder „in“. Fast in Vergessenheit geraten und plötzlich mit dem Gefühl von Sicherheit behaftet. Gar nicht mehr verreisen – keine Alternative. Schließlich sei doch Urlaub.

„Wohin würden Sie denn jetzt reisen?“ Carola Contrino hört die Frage allzu oft. Und auch die: „Wo ist es jetzt wohl am sichersten?“ Die Antwort so direkt wie ehrlich: „Zu Hause.“ Doch da wollen die Ahlener, die das Reisebüro angesteuert haben, den Sommer dann doch nicht verbringen. Auch nicht in muslimischen Ländern. Ägypten, Tunesien, Marokko – nur noch schwer zu vermitteln und mit bis zu 70 Prozent Rückgang regelrecht weggebrochen. Es sei denn, man ist Stammgast und weiß, was ihn in vertrauter Ferne erwartet. Kunden wie diese hat Susanne Fabian so einige in ihrer Kartei. Die hinterher noch einmal reinkommen und schwärmen, dass alles bestens gewesen sei. Wie zuletzt auch eine achtköpfige Reisegruppe. Türkei gebucht, durch Anschläge aufgeschreckt und dann doch geflogen. „Sie wollten erst gar nicht hin“, erinnert sich Susanne Fabian. „Und waren dann so begeistert.“ Das Hotel nur zu 50 Prozent ausgebucht, das Personal „sehr aufmerksam“.

Ansonsten ist die Türkei der ganz große Verlierer – aus zwei naheliegenden Gründen: „Einige haben nach den Anschlägen einfach nur Angst“, sagt Susanne Fabian. „Andere wollen das Regime nicht unterstützen. Sie haben Angst, bei einer falschen Äußerung gleich im Knast zu sitzen“, setzt Carola Contrino nach. Einst geliebt – und jetzt komplett raus: Istanbul. „Da will keiner mehr hin.“

Einige haben nach den Anschlägen einfach nur Angst.

Susanne Fabian

Städtereisen – ein ganz wunder Punkt. Pauschale Bustouren nach Paris oder London – bis zu 40 Prozent Rückgang. Dann doch lieber nach Berlin, München oder Rom, nach Wien oder Lissabon. Andere scheuen den Flieger, sehen die erste Gefahr schon am Flughafen und reisen erdgebunden mit dem Auto – wie zu guten alten Zeiten mit der Familie an den Gardasee.

Ansonsten: Spanien, Spanien, Spanien. Allen voran Mallorca, aber auch ausweichend die anderen Baleareninseln wie Ibiza oder Formentera. Sogar auf die Kanaren geht‘s in den Sommer(!)ferien. Das habe es früher so nicht gegeben, sagt Susanne Fabian. Darüber hinaus habe sich Griechenland zurückgemeldet, sei Italien beliebter denn je – und Bulgarien eine attraktive Alternative für die Türkei, um preiswert mit der Familie zu verreisen. Fabian: „Das Gleiche würde in Spanien das Doppelte kosten.“ Andere wollen abwarten, wollen ein Jahr mit Flugreisen aussetzen und je nach Wetter noch spontan rauf an die Nord- oder Ostsee fahren.

Apropos See: „Kreuzfahrten werden immer mehr gebucht“, schießt es zum guten Schluss aus Susanne Fabian. Mittelmeer und Nordland, im Winter die Karibik. Carola Contrino steigt demnächst selbst an Bord – westliches Mittelmeer. Ihre Kollegin freut sich auf Sardinien.

Fazit: Verreist wird weiter. Nur eben zu anderen Zielen. Viele Kunden setzen mehr denn je auf Beratung, hören mitunter auch kurz vor Reiseantritt noch einmal nach, ob wirklich alles in Ordnung ist. Und: Wer bezahlt hat, fliegt auch. Storniert wird erst dann, wenn offizielle Reisewarnungen die Kosten auffangen.

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4918337?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947630%2F
Mehran Moradi lebte neun Monate unter dem Schutz des Kirchenasyls im Haus Liudger
Kirchenasyl-Fall in Greven (von links): Kaplan Ralf Meyer, Flüchtling Mehran Moradi und Helfer Erich Döring.
Nachrichten-Ticker