Verkehrssicherheit
Kein Unfallschwerpunkt: Die B 54 ist besser als ihr Ruf

Münster/Steinfurt -

Auf der Bundesstraße 54 sind schon mindestens 60 Menschen gestorben – obwohl dort relativ wenig Unfälle passieren. Experten sagen, die B 54 gehöre zu den sichersten Straßen in der Region. Obwohl die Wahrnehmung eine völlig andere ist.

Dienstag, 13.06.2017, 07:06 Uhr

Haarsträubend: Überall da, wo der Verkehr auf eine Spur zu­sammengeführt wird, kommt es immer wieder zu gefährlichen ­Situationen. Foto: Wilfried Gerharz

Am 7. September 2016 rutschte ein Silo-Laster über die 90 Zentimeter hohe Mauer auf der B 54 zwischen Münster und Altenberge. Dabei starben drei Menschen. Ab Dienstag steht der 24-jährige Lastwagenfahrer wegen fahrlässiger Tötung vor dem Amtsgericht in Rheine. Er soll seine Ruhezeiten nicht eingehalten haben.

Bis zu dem Unfall und seit dem Bau der Mauer zwischen beide Fahrtrichtungen hatte es keine tödlichen Unfälle mehr in dem Abschnitt gegeben. Unter anderem deswegen sagen Experten, die B 54 gehöre zu den sichersten Straßen in der Region. Obwohl die Wahrnehmung eine völlig andere ist.

Der Erste Polizeihauptkommissar Ludwig Schmitt, Leiter der Direktion Verkehr bei der Kreispolizeibehörde Steinfurt, betont: „Die B 54 ist bezogen auf die Zahl der Unfälle und die Menge des Verkehrs nicht gefährlich. Das ist die sicherste Straße im Kreis Steinfurt, für die wir zuständig sind.“

Die „Unfallkostenrate“

Hubertus Ebbeskotte, Abteilungsleiter Betrieb und Verkehr in der Regionalniederlassung Münsterland von Straßen-NRW, erklärt: „Auch die sogenannten Unfallkostenrate zeigt: Die B 54 ist viel besser als ihr Ruf.“ Um zu prüfen, wie sicher eine Straße ist, werden die dort entstehenden Schäden in Kosten umgerechnet – auch Verletzungen oder sogar Menschenleben.

Diese „Unfallkostenrate“ lag 2015 auf NRW-Bundesstraßen bei 31,55 Euro pro 1000 gefahrenen Autokilometern, zwischen Altenberge und Gronau bei 10,25 Euro und zwischen Nienberge und Altenberge nur bei 6,98 Euro. Zum Vergleich: Auf der B 219 zwischen Ibbenbüren und A 43 lag die Rate bei 19,49 Euro, auf dem nordrhein-westfälischen Teil der B 64 von Telgte über Warendorf bis Höxter sogar bei 22,54 Euro.

Der Schrecken der B 54 stammt aus ihren Anfangszeiten: Sie war zunächst eine zweistreifige Straße mit Mehrzweckstreifen. Mit der Zeit erwarteten Autofahrer voneinander, dass die langsameren den Standstreifen nutzen, damit die ungeduldigen überholen konnten. Dabei gerieten Autos in den Gegenverkehr. Inzwischen wechseln sich Abschnitte mit ein oder zwei Spuren ab. Das ist heute Standard. „Wenn wir neue Straßen wie die B 67 bei Dülmen oder die B 64 bei Warendorf bauen, sind die nach denselben Richtlinien zu gestalten“, sagt Ebbes­kotte.

Rücksichtlose Drängler, riskantes Fahrverhalten

Ein zweiter Grund für den schlechten Ruf der Straße sind nach Schmitts Worten die Fahrer selbst: Die Straße ist frei von Kreuzungen, Fahrrädern und Häusern am Rand. Alle fahren in die gleiche Richtung. „Wenn da nicht der Bereich zwischen Lenkrad und Rückenlehne wäre“, sagt der Polizist.

Die B 54 in Zahlen

► Seit dem Bau der B 54 sind dort mindestens 60 Menschen ums Leben gekommen. Offiziell sind die Zahlen unbekannt. So ­bewahrt die Polizei die Daten über tödliche Un­fälle nur fünf Jahre auf. Zum Vergleich: im Zuständigkeitsbereich der Autobahnpolizei Münster sind von 2012 bis 2016 auf 335,67 Autobahnkilometern 35 Menschen ge­storben.

► Auf der Höhe von Münster-Nienberge sind 2015 im Schnitt jeden Tag 33.000 Fahrzeuge über die Bundesstraße gefahren. Am anderen Ende der Strecke waren es deutlich weniger: Bei Gronau wurden nur 18 000 Fahrzeuge gezählt.

► Zehn Jahre vorher ­lagen die Zahlen noch deutlich tiefer: Da waren es 28 000 in Nienberge und 14.000 in Gronau.

► Im Schnitt passieren auf NRW-Bundesstraßen 0,5 Unfälle pro Millionen gefahrener Kilometer. Auf der B 54 zwischen Altenberge und den Niederlanden sind es nur 0,11, zwischen Münster und Altenberge sogar nur 0,09.

► Vom Beginn des Autobahnzubringers in Münster bis zur niederländischen Grenze ist die Straße 57,3 Kilometer lang. Münsterländer, die über die B 54 sprechen, vergessen gerne den Teil zwischen Münster und Wiesbaden. Der ist rund 300 Kilometer lang.

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An den von vielen Autofahrern als besonders gefährlich wahrgenommenen Stellen, wo zwei Spuren in eine zusammenfließen, fänden immer wieder „haarsträubende Situationen“ statt. Die führten immerhin so gut wie nie zu Unfällen – vermutlich, weil die Fahrer, die sich über rücksichtlose Drängler ärgern, besonders defensiv fahren.

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Schmitt würde dort gerne mehr kontrollieren – nicht nur, weil die Polizei von Bürgern und Politikern immer wieder dazu aufgefordert werde. Aber: Kontrollen auf der B 54 sind nur mit hohem Personalaufwand möglich. „Wenn wir messen, müssen wir die Fahrzeuge auch anhalten und mit den Fahrern über ihre Vergehen sprechen“, sagt Schmitt. Dazu fehle das Personal.

Die Kon­trollen mit Autos oder Motorrädern, die Raser filmen, sind schwierig. Die Motorräder sind alt und reparaturanfällig – oder ihre Fahrer sollen rasende Biker am Wochenende auf kurvenreichen Strecken überführen. Dafür fehlen dann die Beamten, um den Berufsverkehr zu kontrollieren. Auch die wachsende Zahl von Schwertransporten hat zur Folge, dass Beamte nachts Lastwagen begleiten müssen, statt tagsüber das Tempo von Autofahrern zu messen.

Rüttelstreifen soll Fahrer auf B 54 aufrütteln

Arbeiter haben begonnen, auf der B 54 bei Metelen einen grünen Streifen zwischen den doppelt durchgezogenen Linien anzulegen. Der soll Autofahrer davon abhalten, in den Gegenverkehr zu fahren. Zusätzlich wird der Streifen ausgefräst. Er soll Autofahrer aufrütteln, wenn sie über die Linie fahren.

„Alles, was infrage kommt, um die Sicherheit zu erhöhen, ohne die Straße massiv umbauen zu müssen, machen wir“, sagt Hubertus Ebbeskotte von Straßen.NRW. Die Arbeiten der 15 Kilometer langen Baustelle sollen vier Wochen dauern.

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Die Ausbaupläne

Die B 54 ist wieder an ihren „Belastungsgrenzen“, sagt Ebbeskotte. Je näher die Fahrer Münster kommen, desto dichter wird der Verkehr und desto geringer das Tempo. Deswegen steht der Ausbau der Straße zwischen Münster und Nordwalde im Bundesfernstraßenbedarfsplan und hat somit Gesetzescharakter.

Danach erhält die Strecke dort zwei Fahr­streifen pro Richtung und eine bauliche Maßnahme in der Mitte: also eine Mauer oder eine Mittelleitplanke mit einem bewachsenen Grünstreifen. Ein Ausbau liegt aber noch in weiter Ferne.

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