Interview
Männer – im Kindergarten eine seltene Spezies: „Da passt was nicht!“

Gronau -

Männer im Kindergarten haben Seltenheitswert. Das ist nicht neu. Im Kreis Borken ist die Situation allerdings besonders drastisch: Nur 1,8 Prozent des Betreuungspersonals in Kindertagesstätten ist männlich. Das geht aus einer Erhebung der Koordinationsstelle Männer in Kitas hervor. WN-Redakteur Frank Zimmermann hat mit zwei Vertretern dieser Minderheit gesprochen: mit Fabian Mengelkamp, Leiter der St.-Antonius-Kita, und Oliver Thegelkamp, Leiter der Awo-Kita Mertens Kotten.

Mittwoch, 14.06.2017, 07:24 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 14.06.2017, 06:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 14.06.2017, 07:24 Uhr
Fabian Mengelkamp und Oliver Thegelkamp gehören zu einer Minderheit: Sie sind ausgebildete Erzieher und arbeiten im Kindergarten. Im Kreis Borken liegt ihre Quote unter zwei Prozent. Foto: Frank Zimmermann

Wie kommt es, dass Sie zu einer Minderheit von nicht mal zwei Prozent Männern gehören, die in einer Kita arbeiten?

Fabian Mengelkamp: Ich wollte da nie hin. Ich bin mit der Ausbildung gestartet im festen Glauben, ich mache was mit Jugendlichen. Ich habe schon vor der Ausbildung immer bei den Ferienspielen mitgemacht oder auch bei der KJG. Da habe ich mir gedacht, dass ist eine feine Sache, das kannst du auch beruflich machen. Dann wurden wir aber während der Ausbildung gezwungen, alle in den Kindergarten zu gehen. Ich habe zwar gebettelt: „Bitte, bitte, schickt mich nicht in den Kindergarten!“, aber ich musste auch hin. Ich war insgesamt acht Wochen im Kindergarten und habe dann gedacht: Alles klar, das macht Spaß, da bleibst du. So ist es bis heute geblieben.

Oliver Thegelkamp: Jetzt wird’s lustig: Ich wollte da nie hin! Ich komme auch aus der Jugendarbeit, bei den Evangelen. Da habe ich mit der Jugendarbeit gestartet, habe viele Freizeiten gemacht, hatte Kindergruppen, hatte Jugendgruppen. Da habe ich also einen ähnlichen Werdegang. Und ich habe mich schon relativ früh entschieden, so mit 14 Jahren, etwas mit Kindern und Jugendlichen machen zu wollen. Ich habe also meine Erzieher-Ausbildung gemacht und wollte immer was mit Jugendlichen machen. Ich wollte ins Heim oder offene Jugendarbeit machen. Ich habe mein Anerkennungsjahr im Heim gemacht und war davon überzeugt, dass ich da auch später hin will. Dann bin ich zur Bundeswehr gegangen, weil ich auch das mal ausprobieren wollte, und während meiner Zeit bei der Bundeswehr habe ich ein Jobangebot bekommen: eine Schwangerschaftsvertretung in einem evangelischen Kindergarten in Ahaus. Ein Vorteil war für mich dabei, dass ich einen Monat früher bei der Bundeswehr aufhören konnte. Also dachte ich mir, für sechs Monate guckst du mal da rein. Aus diesen sechs Monaten ist ein Festvertrag geworden. Damals gab es zu viele Erzieherinnen und zu wenige Stellen. Also habe ich den sicheren Weg gewählt und bin da geblieben. Und da bin ich auch nicht böse drum, ich mache die Arbeit sehr gerne.

Kann man dann davon ausgehen, dass die anderen Männer, die eben nicht in den Kindergarten gehen, so ein „Erweckungserlebnis“ nicht hatten?

Mengelkamp: In meinem Ausbildungsjahrgang waren viele Männer, die eine Umschulung gemacht haben. Die hatten alle schon eine Ausbildung, waren verheiratet und hatten Familie, waren wesentlich älter. Das waren Tischler mit einer Stauballergie oder Maurer mit kaputtem Rücken. Die sind alle direkt in die Jugendarbeit gegangen. Natürlich auch wegen des Geldes, denn mit Nachtschichten und Zulagen verdient man da einfach besser.

Thegelkamp: Als Einstiegsgehalt für einen Berufsanfänger in der Kita kommt ja nicht viel rum.

Mengelkamp: Da kannst du jedenfalls keine Familie von ernähren!

Thegelkamp: Das ist das große Problem. Ich glaube, dass das nur geht, wenn man wie wir jung einsteigt, noch keine Familie hat, langsam seine Berufsjahre aufbaut und damit schließlich auch mehr verdient. Und bestenfalls wechselt man dann irgendwann in eine höhere Position. Dann geht’s.

Wenn der Job also besser bezahlt wäre, kämen dann mehr Männer als Erzieher in die Kitas?

Thegelkamp: Das glaube ich schon. Allein schon, weil die Arbeitszeiten viel angenehmer sind als im Heim. Ich habe keine Wochenenddienste, keine Nachtdienste, sondern geregelte Arbeitszeiten.

Die Arbeit in der Kita hat ja auch viele pflegerische Aspekte, gerade auch durch den Ausbau der U3-Betreuung: Man muss auch wickeln, muss Kinder füttern und hat sie auf dem Schoß sitzen. Ist das auch ein Aspekt, der Männer vielleicht abschreckt?

Mengelkamp: Ich mache das wohl. Aber wenn ich mir vorstellen, ich müsste das bis zur Rente machen, das wäre nichts für mich. Drei- bis Sechsjährige – kein Thema, aber die ganz Kleinen, da hätte meine Frau wohl das bessere Händchen für.

Thegelkamp: Ich mag den U3-Bereich genauso gerne wie den Ü3-Bereich. Als junger Mensch hat es aber mit Blick auf das Wickeln gedauert, bis ich mich so positioniert hatte, dass ich gesagt habe: „Ja, ich mache das.“ In unserem Beruf hat man ja mit Vorurteilen zu kämpfen.

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Dazu passt eine Erfahrung, die ich gerade in meinem Umfeld gemacht habe. Da wurde ein Erzieher eingestellt und viele Eltern haben mit Skepsis reagiert. Haben Sie solche Erfahrungen auch schon gemacht?

Thegelkamp: Bei uns ist es ja so, dass wir schon da sind.

Mengelkamp: Die Eltern melden ihre Kinder ja aus freien Stücken in einer Kita an, in der ein Mann arbeitet.

Thegelkamp: Nichtsdestotrotz gibt es diese Vorurteile. Wie ich vorhin schon mal gesagt habe. Ich musste da reinwachsen. Da braucht man eine gewisse Reife dafür. Der Druck, man könnte mit einem einschlägigen Vorwurf konfrontiert werden, ist immer da . . .

Mengelkamp: . . . den hat man immer im Nacken gehabt, so ein bisschen jedenfalls . . .

Thegelkamp: Das ist eine Angst, die man in unserem Beruf als Mann immer hat. Das belastet auch junge Männer, die mit 20 Jahren nach der Ausbildung in den Kindergarten kommen.

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