Tausende Heizungen und Herde betroffen
Das neue Gas

Münsterland -

Weil die Niederlande künftig kein Gas mehr nach Deutschland exportieren, müssen neue Pi­pelines gebaut werden und auch im Münsterland Tausende Bürger ihre Heizungen und Gasherde umrüsten lassen. Nach förderbedingten Erdstößen oberhalb des Gasfeldes bei Groningen hatte die Regierung in Den Haag 2012 die Förderung zurückgefahren und einen Exportstopp ab spätestens 2030 beschlossen. 

Samstag, 17.06.2017, 10:00 Uhr aktualisiert: 17.06.2017, 14:20 Uhr
  Foto: Colourbox.de

Für Deutschland hat das fundamentale Folgen, „schließlich bezieht die Bundesrepublik und dort vor allem Westdeutschland pro Jahr rund 30 Milliarden Kubikmeter vom niederländischen Nachbarn. Das entspricht in etwa einem Drittel des Gesamtbedarfs“, erklärt Gerhard Hülsemann von Thyssengas in Dortmund auf Nachfrage.

Umstellung von L-Gas zu H-Gas

Das Gas aus den Niederlanden kann zwar problemlos durch Lieferungen aus Norwegen oder Russland ersetzt werden, das Problem aber ist: Deren sogenanntes H-Gas hat einen höheren Brennwert als das L-Gas vom Nachbarn. Und genau hier beginnt die Herausforderung. Zum einen muss Thyssengas gemeinsam mit dem Unternehmen Open Grid Europe für die Umstellung auf das potentere H-Gas – wie berichtet – ein 220 Kilometer langes Transportsystem von der belgischen Grenze bis nach Legden bauen.

Netzbetreiber prüfen Endgeräte

Auf der anderen Seite werden die jeweiligen Netzbetreiber der betroffenen Kommunen in jedem Haushalt die Endgeräte wie Heizungen, Warmwasserbereiter, Gasherde oder Gaskamine dahingehend überprüfen, ob sie umgerüstet oder ausgetauscht werden müssen. In Deutschland werden derzeit über fünf Millionen Haushalte mit L-Gas versorgt. In NRW betroffen sind der Niederrhein, der Großraum Köln/ Düsseldorf, Teile des Ruhrgebiets – und eben das Münsterland.

»Deutschland bezieht pro Jahr rund 30 Milliarden Kubikmeter Gas vom niederländischen Nachbarn, das entspricht in etwa einem Drittel des Gesamtbedarfs.«

Gerhard Hülsemann, Thyssengas

Wann im Münsterland umgestellt wird

In der Stadt Münster stellen die Stadtwerke voraussichtlich erst 2028 von L- auf H-Gas um. „Dazu müssen zirka 80 000 Endgeräte angepasst werden“, erklärt die Sprecherin Sigrid Bäumer. Schon ab 2020 wird in Ibbenbüren, Hörstel, Hopsten, Mettingen, Recke, Lotte und Westerkappeln der Schalter umgelegt, teilten die Stadtwerke Tecklenburger Land mit. Der dortige Versorger Westnetz geht davon aus, „dass in der Region um Ibbenbüren rund 25 000 Gasgeräte umgestellt werden müssen“, sagte Sprecherin Ingrid Meering. Im gleichen Jahr stellen auch Lengerich, Ladbergen, Lienen und Tecklenburg von L- auf H-Gas um. Osnabrück ist ein Jahr zuvor an der Reihe. Ahlen folgt irgendwann ab 2025, erklärten die dortigen Stadtwerke. Die Stadt stellt zeitgleich mit Sendenhorst, Drensteinfurt und Ascheberg um. Warendorf, Borken, Coesfeld, Bocholt, Rheine und Greven beziehen schon seit den 1990er Jahren H-Gas.

L-Gas, H-Gas und der feine Unterschied

Beim Erdgas wird zwischen L-Gas (low caloric gas) und H-Gas (high caloric gas) unterschieden. H-Gas hat einen höheren Methan-Anteil (87 bis 98,9 Prozent) als L-Gas (79,8 bis 87 Prozent) und damit auch einen höheren Energiegehalt. Praktisch bedeutet das: Für den denselben Heizeffekt muss mehr L- als H-Gas aufgewendet werden. Dafür ist L-Gas aber auch billiger. Die chemische Zusammensetzung der Gas-Sorten hängt von den Lagerstätten ab. H-Gas wird zumeist in der Nordsee und den GUS-Staaten gefördert, L-Gas stammt in der Regel aus den Niederlanden und Deutschland, hier vor allem aus Niedersachsen. In Deutschland werden nur noch wenige Netze mit L-Gas versorgt – hauptsächlich in NRW.

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Alte Geräte müssen ersetzt werden

Nach Angaben von Open-Grid-Sprecher Helmut Roloff können moderne Endgeräte mit beiden Gas-Sorten betrieben werden. Bei „mittelalten“ Anlagen reichte es zumeist, Düsen auszutauschen. Sind Heizungen oder Gasherde 20 Jahre alt und älter, müssen sie in der Regel komplett ersetzt werden. „Die Kosten für die Kontrolle werden über die Netzentgelte durch alle Kunden gemeinsam finanziert“, sagte Roloff. Die Kunden werden zwei Jahre vor der Umstellung von ihrem Versorger informiert. Das Hauptproblem bei dem Wechsel ist laut Thyssengas der straffe Zeitplan. Bis 2029 soll komplett umgestellt werden. Das sei eine „Monster-Aufgabe“, erklärt Geschäftsführer Bernd Dahmen.

Wer ein neues Gerät anschaffen muss, bleibt nach Angaben der Verbraucherzentrale NRW weitgehend auf den Kosten sitzen. „Ab dem 1. Januar 2017 bekommen Betroffene ei­ nen Zuschuss in Hö­he von 100 Eu­ro.“ Über etwaige höhere Er stattungen werde derzeit politisch diskutiert, heißt es auf der Ho­mepage.

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