Heimatvereine im Münsterland
„Heimat ist da, wo das Herz schlägt“

Münsterland/Drensteinfurt/Ahlen -

Heimatvereine haben ein verstaubtes Image. Doch viele von ihnen bieten mehr als Fahrradtouren und Kaffeetrinken – sie gestalten das Leben in der Heimat von unzähligen Menschen. Und sie beweisen immer wieder, dass sie wirklich etwas bewirken können.

Freitag, 08.03.2019, 12:00 Uhr aktualisiert: 08.03.2019, 12:31 Uhr
Eine Fahrradtour durch die Natur - auch das sind Heimatvereine. Viele bieten aber noch viel mehr. Foto: dpa

Im Jahr 2013 stand der Heimatverein in Drensteinfurt am Abgrund. 160 Mitglieder, kein Vorsitzender, ein kommissarischer Vorstand, der sich um die nötigsten Aufgaben gekümmert hat. Sechs Jahre später ist der Verein so lebendig wie wohl nie zuvor. 525 Mitglieder – Tendenz stark steigend. Der Vorsitzende Franz-Josef Naber, der 2013 das Ruder übernommen hat, ist zufrieden mit der Arbeit.

An eine Pause oder gar ans Aufhören denkt er trotzdem nicht, immer weiter vorwärts soll es gehen mit dem Heimatverein. „Von Jahr zu Jahr“ habe sich die Mitgliederzahl gesteigert, sagt Naber. Sein Stellvertreter Günter Neuer pflichtet ihm bei: „Es ist ein kontinuierlicher Zulauf.“+

Immer ein Beitrittsformular in der Tasche

Für den steilen Aufstieg des Vereins in der Stadt mit 15 000 Einwohnern mag es viele Gründe geben – Franz-Josef Naber ist sicher einer davon. Der Vorsitzende spricht bei der Werbung um neue Mitglieder beinahe jeden Bürger an, immer hat er ein Beitrittsformular in der Tasche. Lob für sein Engagement hört Naber nicht gerne: „Wir sind nur im Team stark und nicht einer alleine.“ Doch fest steht: Sein Ehrgeiz steckt an. Seine 13 Vorstandskollegen und die zehn Mitglieder des Beirats eifern ihm nach.

Günter Neuer sagt: „Mittlerweile ist es so weit, dass die Leute von alleine kommen. Wir werden angesprochen, weil die Menschen Mitglied werden möchten.“ Für Vorstandskollegin Ulla Blanke ist klar: „Erfolg macht sexy.“ Es ist vor allem die aktive Werbung, die den Verein erfolgreich macht. Ganz sorgenlos ist man aber dennoch nicht. Die Mitglieder sind im Durchschnitt zwischen 60 und 70 Jahre alt. Doch Naber weist auf etwas Bemerkenswertes hin: „Das älteste Mitglied wird im März 100 Jahre alt, das jüngste ist elf.“

Große Sorgen beim Dolberger Verein

Das alles sind Zahlen, von denen in Ahlen-Dolberg nicht einmal geträumt wird. Der Heimatverein hat sich erst 1988 gegründet, also deutlich später als die meisten in der Region. Denn die Großzahl der Heimat- und Brauchtums­vereine ist kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Ein bisschen anders lief es nach Angaben von Theo Kerkmann im Stadtteil von Ahlen schon immer.

„Einen Heimatverein mit 200 oder mehr Mitgliedern, das haben wir in Dolberg nie gehabt“, sagt der Vorsitzende. Und dennoch hat er Sorgenfalten auf der Stirn, wenn er an die Zukunft des Vereins denkt. Derzeit zählt der Verein 51 Mitglieder, vor zehn Jahren waren es 57. Die Zahl sinkt langsam – aber sie sinkt. Mehr als die Hälfte der Mitglieder ist älter als 70 Jahre, ein weiteres Drittel schon älter als 60. Theo Kermann sagt: „Die Gefahr, dass wir besonders durch den Tod Mitglieder verlieren, ist sehr groß.“

Es ist absehbar, dass sie das irgendwann nicht mehr machen können.

Theo Kerkmann

Kerkmann und sein Vorstandsteam wissen, dass bei der Mitgliederwerbung mehr möglich ist. Wichtig ist ihnen in dem Stadtteil mit knapp 3500 Einwohnern die persönliche Ansprache. Flyer oder Plakate? Das hat sie bislang nicht wirklich überzeugt. Zu den monatlichen Treffen im Heimathaus kommen durchschnittlich 15 Dolberger, auch Nicht-Mitglieder seien oft dabei. Ein guter Wert, wie Kerkmann sagt. Aber die Helferinnen, die die Treffen organisieren, sind alle über 75: „Es ist absehbar, dass sie das irgendwann nicht mehr machen können.“

Viele Veranstaltungen kann der Verein nur noch mit Unterstützung anderer Vereine leisten, weil in den eigenen Reihen Helfer fehlen. Theo Kerkmann beobachtet zunehmend: „Die Menschen wollen wohl Mitglieder sein, aber sie wollen nicht mithelfen. Aber wir brauchen Leute, die mit anpacken.“ Vor allem für das Heimathaus, das aus dem Jahr 1589 stammt, werden immer wieder helfende Hände benötigt. Für viel Geld und mit noch mehr Fleiß wurde es vor einigen Jahren saniert. „Damals waren wir eine starke Truppe, aber die haben wir heute nicht mehr“, bedauert Kerkmann.

Dolberger wollen stärker werden

Wie es beim Heimatverein in Dolberg weitergeht, dafür hat der Vorsitzende noch keine Lösung gefunden. „Ich habe noch immer Hoffnung, dass Leute nachkommen“, sagt er. Aufgeben komme nicht infrage, doch der Vorsitzende weiß auch: „Es geht nicht von alleine weiter, wir müssen die Leute für den Verein gewinnen.“ Zumindest im Sinne der Dorfgemeinschaft habe die eher schlechte Lage des Heimatvereins auch einen Vorteil: „Unsere Not führt dazu, dass wir mit anderen Vereinen zusammenarbeiten.“ Für Kerkmann ist das aber nicht die richtige Zielsetzung: „Wir wollen stärker werden.“

Stark – das ist der Heimatverein in Drensteinfurt bereits. Im Mai wird das 70-jährige Bestehen gefeiert. Aber das ist nur einer von zahlreichen Terminen im Veranstaltungs­kalender. Jeden Monat gibt es mehrere Angebote. Natürlich stehen Heimatgeschichte und die Pflege der plattdeutschen Sprache auf dem Programm. So wird in diesem Jahr das plattdeutsche Theater nach 13 Jahren Pause wiederbelebt. Aber auch die Natur spielt eine Rolle. Größte Veranstaltung bisher war der „Tag der Natur“ vor knapp zwei Jahren. Trotz „miesem Wetter“ kamen 1000 Besucher auf einen Bauernhof, auf dem Heimatverein, andere Vereine und Landwirte viel geboten haben.

Der Heimatverein trägt dazu bei, Drensteinfurt attraktiv zu halten

Holger Martsch

„Der Heimatverein trägt dazu bei, Drensteinfurt attraktiv zu halten“, sagt Vorstandsmitglied Holger Martsch. Das kulturelle und soziale Leben bereichern, das sei das große Ziel. Doch Franz-Josef Naber sagt auch, dass nicht alles bleibt, was in der Vergangenheit einmal funktioniert hat: „Wir müssen jede Veranstaltung hinterfragen, ob sie noch attraktiv ist.“

Trotz einer einmaligen Zusammenarbeit mit einer weiterführenden Schule gibt es bei der Kinder- und Jugendarbeit noch Nachholbedarf. Doch genau das hat der Vorstand erkannt – und steht schon in den Startlöchern. Seit Kurzem gibt es mit Amira de Laer, Leiterin einer Kindertagesstätte in Drensteinfurt, eine Verantwortliche für den Bereich.

Kinder- und Jugendgruppe als nächstes Ziel

„Wir möchten mit den Kitas und Schulen zusammenarbeiten“, sagt Naber. Das klare Ziel: eine eigene Kinder- und Jugendgruppe. Ob es klappt? Das weiß der Vorsitzende nicht: „Wir probieren das aus. Und wenn es nicht klappt, dann können wir wenigstens sagen, dass wir es versucht haben.“ Denn Franz-Josef Naber ist sich sicher: „Ein Verein ohne Jugend hat keine Zukunft.“

Und dass Heimatvereine eine Zukunft brauchen, zeigen sie mit dem, was sie bewirken können. Franz-Josef Naber und sein Team haben Wegekreuze restauriert und einen historischen Schnadegang, also eine Grenzbegehung, bis zum Nachbarort veranstaltet. Das alles begleitet von großer Begeisterung der Mitbürger.

Historie der Heimatvereine

Der Heimatverein Westerkappeln feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum, in Drensteinfurt gibt es im Mai zum 70-jährigen Bestehen einen großen Festakt. Das sind nur zwei Beispiele für Vereine aus dem Münsterland, die ihre Heimat seit Jahrzehnten pflegen. Die meisten Heimatvereine in der Region sind nach Angaben von Josef Bernsmann vom Westfälischen Heimatbund (WHB) kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden. Der WHB selbst wurde bereits 1915 in Münster gegründet. Das Ziel: „Die in Westfalen bereits bestehenden Heimat-, Geschichts- und Denkmalpflegevereine unter einem Dach zusammenschließen.“ So hat es Dr. Matthias Löb, Direktor des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), bei der Feierlichkeit zum Jubiläum 2015 formuliert. Viele Heimatvereine in Westfalen haben sich aber auch bereits am Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, wie es in Schriften des WHB heißt. Schutz und Erforschung der regionalen Natur, Kultur und Geschichte war das Ziel sogenannter Heimatschützer, die jedoch meist an Institutionen wie Universitäten gekoppelt werden. Als Äquivalent dazu gründeten sich in Kleinstädten und Dörfern die Heimatvereine. Es dominierte vor allem das Interesse, die engere räumliche Umgebung, in der man aufgewachsen war, kennenzulernen. (anf)

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"Stewwert" prominent platziert

Der bisher größte Erfolg liegt erst gut ein Jahr zurück. Der Verein hat den plattdeutschen Ortsnamen „Stewwert“ auf die Ortseingangsschilder gebracht. Schon das ist eine Leistung. Drensteinfurt war die erste Stadt in ganz Nordrhein-Westfalen, die diesen Zusatz am Eingang der Stadt präsentiert.

Der Erfolg spornt an. Das nächste Projekt läuft – und es ist nach Angaben von Franz-Josef Naber deutschlandweit wohl einzigartig: ein „Doppel-Stadtmodell“. Ein bronzenes Modell soll ab Mai den Zustand der Innenstadt in den Jahren 1800 und 2000 zeigen. Ein Heimatverein kann begeistern – und etwas bewegen.

Viele Heimatvereine sind nicht bereit, neue Wege zu gehen.

Franz-Josef Naber

In Drensteinfurt wird seit einigen Jahren viel bewegt, in Dolberg wird noch das richtige Rezept gesucht. Franz-Josef Naber hat eine Vermutung, warum es bei einigen Vereinen nicht so richtig rund laufen will: „Viele Heimatvereine sind nicht bereit, neue Wege zu gehen.“ Dass es dafür engagierte Mitglieder braucht, steht für ihn außer Frage. Ohne deren Arbeit wäre auch in Drensteinfurt vieles nicht möglich. Naber selbst geht in seiner Rolle auf, und das obwohl es ein „Vollzeit-Job“ ist, wie er sagt. Was ihn anspornt: „Wir möchten den Menschen zeigen, was man in der eigenen Heimat alles machen kann.“

Heimat – das ist weit mehr als ein Konzept nur für ältere Menschen. Eine Studie des Allensbach-Instituts zeigt, dass der Begriff über alle Altersstufen hinweg als äußerst positiv empfunden wird. Und 77 Prozent der Menschen geben an, dass sie sich ihrer Heimat stark oder gar sehr stark verbunden fühlen. Womöglich ist es genau das, was die Heimatvereine für viele Menschen und Regionen so bedeutsam macht. Und dabei spielt es in den Augen von Holger Martsch gar keine große Rolle, wie man den Begriff definiert: „Heimat ist da, wo das Herz schlägt.“

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