Das Handy wird Helfer
Feuerwehren im Münsterland setzen auf neue Rettungssoftware

Münsterland -

Unfallbeteiligte, die nur ungefähr wissen, wo sie sich gerade befinden, ungeschulte Ersthelfer, die mit der Situation überfordert sind: Gerade im ländlichen Raum erleben Rettungskräfte solche Situationen regelmäßig. Dabei muss das gar nicht sein. Im Münsterland haben sich die Leitstellen der Kreise darum auf den Weg gemacht, neue Techniken zu nutzen. Ganz zentral – na logisch – das Handy.

Donnerstag, 04.04.2019, 06:30 Uhr aktualisiert: 04.04.2019, 07:42 Uhr
Rettungskräfte im Einsatz (Symbolbild) Foto: Jörg Pastoor

Die Coesfelder testen derzeit einen Software-Anbieter, der sein Produkt „Emergency Eye“ nennt. Die Technik ermöglicht es Rettungskräften, Notrufe punktgenau zu orten und auf das Smartphone des Anrufers zuzugreifen – ohne dass dieser eine App installiert haben muss. „Er bekommt von uns lediglich eine SMS, mit der er bestätigt, dass wir seinen Standort lokalisieren dürfen und eine zweite, wenn wir auf seine Handy-Kamera zugreifen wollen“, sagt Leitstellen-Leiter Daniel Pfau. Letzteres sei sinnvoll, wenn sie Helfer beispielsweise einen schnellen Überblick verschaffen – oder eben einen Ersthelfer per Video unterstützen wollen.

Technik noch nicht ganz ausgefeilt

Das Problem im Kreis Coesfeld: Die Technik läuft noch nicht rund. „Bei ersten Tests jedenfalls nicht“, sagt Pfau. Also schauen sich die Fachleute nach Alternativen um. „Fest steht aber, grundsätzlich wollen wir ein solches System installieren.“ Im Rhein-Sieg-Kreis wird die Software bereits seit September 2018 genutzt und läuft offen- bar ohne Pro­bleme. Ein bis zwei Mal pro Tag käme das Emergency Eye pro Tag zum Einsatz, sagt Elmar Eppels von der Leitstelle des Kreises. Und ja, es habe auch schon Leben gerettet.

In Warendorf sind die Herausforderungen ähnlich, die Ansprüche auch. „Wir beschäftigen uns seit ein paar Monaten mit solchen Systemen“, sagt Jens Holtkötter von der Leitstelle für Feuerschutz, Katastrophenschutz und Rettungsdienst des Kreises. Und nein, derzeit sei es nicht möglich, genaue Standortdaten zu orten. Aktuell verschafft sich die Leitstelle einen Überblick über die Angebote. Knapp eine Handvoll Anbieter gibt es in NRW.

Große oder kleine Lösung?

Neue Wache, neue Technik: Die Borkener sind ei­nen Schritt weiter. Ob Emergency Eye oder das Produkt eines anderer Anbieter – „im Sommer wissen wir mehr“, sagt Leitstellen-Chef Stephan Kruthoff. Der Kreis arbeite an einer „großen Lösung“. Dazu gehört, dass bei einem Notruf automatisch auch die GPS-Daten des Anrufers übermittelt werden.

Eher skeptisch ist der Kreis Steinfurt, weil „sie für solche Systeme immer ein flächendeckend funktionierendes Handy- Netz haben müssen“, sagt der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes im Kreis, Dr. Karlheinz Fuchs. „Das ist aber nicht gegeben.“ Der Kreis geht darum einen anderen Weg. Er hat seine Rettungskräfte mit Apps ausgestattet, die „Marika“ oder „Medusa“ heißen. Mit ihrer Hilfe können die Helfer beispielsweise das nächste, geeignete und aufnahmebereite Krankenhaus finden. Oder über eine speziell gesicherte Mobilfunkleitung zuvor mit dem Smartphone aufgenommene Bilder oder Videos von Verletzungen online an ein Krankenhaus übertragen, damit sich der Notarzt vor Ort mit Kollegen in der Klinik austauschen kann.

App für qualifizierte Ersthelfer

Der Kreis Borken beschreitet zusätzlich einen weiteren Weg in Richtung Notfall-Hilfe. Der Ausschuss für Sicherheit und Ordnung hat am Montag einen Beschluss auf den Weg gebracht, wonach qualifizierte Ersthelfer freiwillig mit einer smartphone-basierten Alarmierungs-App ausrüstet werden. Die Idee: Im Notfall werden darüber alle teilnehmenden Helfer geortet, und diejenigen, die sich in Einsatzort-Nähe befinden, umgehend in Marsch gesetzt. Das System soll den Rettungsdienst keinesfalls ersetzen, allenfalls ergänzen, heißt es in der Vorlage.

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