Jutta Beeke führt künftig Tarifverhandlungen für die Baubranche
„Mitarbeiter gut und fair bezahlen“

Westerkappeln/Osnabrück -

Jutta Beeke (48), geschäftsführende Gesellschafterin der Echterhoff Bau-Gruppe in Westerkappeln, ist vor einigen Tagen zur neuen Vorsitzenden des Sozialpolitischen Ausschusses des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie gewählt worden. Ein wichtiges Amt, denn die Unternehmerin führt künftig die Tarifverhandlungen fürs Baugewerbe.

Freitag, 05.04.2019, 06:00 Uhr
Jutta Beeke ist vor einigen Tagen zur Vorsitzenden des Sozialpolitischen Ausschusses des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie gewählt worden. Die Osnabrückerin führt künftig die Tarifverhandlungen für die Bauindustrie-Arbeitgeber. Foto: Frank Klausmeyer

Erstmalig wählte der Ausschuss, der die Arbeitgeberverbandssäule des Hauptverbands repräsentiert, damit eine Frau an seine Spitze. Wir sprachen mit der Mutter von drei Kindern (15, 17, 19) über das neue Ehrenamt und die damit verbunden Aufgaben sowie über die Lage am Bau, insbesondere bei der Firma Echterhoff, die zu den größten Arbeitgebern in Westerkappeln gehört.

Frau Beeke, wie hoch ist der Mindestlohn momentan in der Baubranche ?

Jutta Beeke: Der Mindestlohn 1, wir haben nämlich zwei, beträgt 12,20 Euro seit dem 1. März. Der Mindestlohn 2 liegt drei Euro höher.

Ich frage deshalb, weil Sie in ihrer neuen Funktion ja künftig die Tarifverhandlungen für die Bauindustrie-Arbeitgeber führen. Demnächst stehen wieder Verhandlungen der Bau-Mindestlöhne an. Wo geht denn da die Reise hin ?

Beeke: Da bin ich noch sehr zurückhaltend, ehrlich gesagt. Wegen der zwei Mindestlöhne ist die Frage, ob der Mindestlohn 2 wirklich noch erhalten bleiben soll oder der Mindestlohn 1 deutlich erhöht wird und 2 dann wegfallen könnte.

Warum gibt es denn zwei Mindestlöhne ?

Beeke: Weil der Abstand der Lohngruppe 1 zum höheren Tariflohn verringert werden und damit der Konkurrenzdruck für tarifgebundene Unternehmen zu Entsendebetrieben und inländischen ungebundenen Unternehmen abgefedert werden sollte. Darum wurde 2003 der Mindestlohn 2 eingeführt. Mindestlohn 1 gilt aber nur für einfache Tätigkeiten.

Und Mindestlohn 2 dann für Facharbeiter...

Beeke: Nein, nur für fachlich begrenzte Tätigkeiten. Facharbeiter mit Ausbildung werden in die Lohngruppe 3 eingestuft.

Für die Tarifbeschäftigten im Bauhauptgewerbe gab es vergangenes Jahr einen ordentlichen Schluck aus der Pulle (

Beeke: Brutto etwa 3300 Euro, plus Verpflegungszuschuss, Fahrtkosten und Erschwerniszuschläge. In höheren Lohngruppen kommt man auch schon auf 4000 bis 4500 Euro inklusive aller Zusatzleistungen.

Wird mittlerweile vielerorts nicht sogar übertariflich bezahlt, um Fachkräfte zu bekommen ?

Beeke: Es gibt große Unterschiede in Gesamtdeutschland. Laut den Sozialkassen der Bauwirtschaft sind in den östlichen Bundesländern knapp 80 Prozent aller gewerblichen Arbeitnehmer in den Lohngruppen 1 und 2 eingruppiert. Dies ist insbesondere auf den Konkurrenzdruck aus osteuropäischen Ländern zurückzuführen. Diese geringe Vergütung ist für uns als hier ansässiges Unternehmen, das auch in Dessau (Sachsen-Anhalt) eine Niederlassung hat, überhaupt nicht nachvollziehbar. Wir haben keinen einzigen Mitarbeiter im Mindestlohn, jedenfalls nicht im Mindestlohn 1, und eine ähnliche Lohngruppenstruktur in Ost und West.

Im Westen finden Sie vermutlich keinen, der für den Bau-Mindestlohn von 12,20 Euro, der ja deutlich über dem gesetzlichen liegt, bereit wäre zu arbeiten.

Beeke: Wir nicht. Wir würden die Leute dafür auch nicht beschäftigen wollen, weil wir aufgrund der hohen fachlichen Qualifizierung unserer Mitarbeiter das nicht als gerechtfertigt ansehen. Echterhoff hat – glaube ich – immer gut und fair bezahlt.

Wenn ich auf Ihre Internetseite schaue, suchen sie ja, außer Kaufleute, eigentlich alles. Kriegen Sie die Stellen noch besetzt ?

Beeke: Wir sind noch in einer relativ komfortablen Situation. Bei uns melden sich immer noch Bewerber. Wir haben wohl einen ganz guten Ruf in der Branche. Auch unsere Mitarbeiter werben weitere Mitarbeiter. Wir haben allein im vergangenen Jahr gut 50 neue Mitarbeiter eingestellt.

Poliere, Ingenieure – sind die noch schwerer zu bekommen als klassische Facharbeiter.

Beeke: Poliere wird schwieriger. In erster Linie müssen wir diese aus unseren jungen Mitarbeitern heraus entwickeln. Ingenieure geht noch, was vielleicht auch daran liegt, dass wir ganz gute Kontakte zu den Hochschulen haben.

Kommt die Baubranche ohne ausländische Mitarbeiter zurecht ?

Beeke: Aufgrund der aktuell hohen Auslastung der deutschen Bauunternehmen können ausländische Mitarbeiter eine Lösung sein. Wenn ausländische Unternehmen als Subunternehmer hier eingesetzt werden, ist wichtig, dass sie sich an die deutschen Regeln halten und den Mindestlohn bezahlen. Wir haben bei Echterhoff seit einem dreiviertel Jahr über einen Mitarbeiter mit guten Kontakten nach Polen acht polnische Mitarbeiter bei uns einstellen können. Wichtig ist die Integration dieser, insbesondere auch die sprachliche Förderung. Darum kümmert sich unserer Mitarbeiter intensiv.

Und diese kriegen mehr als den Mindestlohn...

Beeke: Auf jeden Fall!

Die Konjunktur boomt. Im vergangenen Jahr hatte das Bauhauptgewerbe ein Umsatzplus von 10,8 Prozent. Die Auftragseingänge sind im Januar gegenüber dem Vorjahr um über 18 Prozent angezogen. Läuft´s bei Echterhoff genauso gut ?

Beeke: Ja ! Wir haben einen extrem hohen Auftragsbestand.

Echterhoff Bau-Gruppe

Das Bauunternehmen Echterhoff ist bundesweit im Infrastrukturbau tätig, insbesondere im Ingenieur-, Brücken- und Turmbau, im Kanal- und Rohrleitungsbau sowie im Spezialtiefbau, Rohrvortrieb und Stollenbau.1860 wurde die Firma von Gottlieb Diedrich Echterhoff gegründet. Seine vier Söhne - zwischen 1855 und 1870 geboren - arbeiteten von Jugend an im Betrieb des Vaters mit. Daher stammt der Name der Stammfirma Gebrüder Echterhoff, die lange als GmbH & Co.KG ihren Sitz in Osnabrück hatte.Erst 1968 wurde das Bauunternehmen Echterhoff in Velpe mit Werkstätten, Lagerhallen und ein großem Freilager gegründet. Heute ist hier auch die Hauptverwaltung der Unternehmensgruppe mit Niederlassungen in Hamburg, Dessau, Berlin und im Ruhrgebiet.2012 übernahm Echterhoff vom insolventen Baukonzern Heitkamp dessen Tochterfirma Domoplan, die auf den schlüsselfertigen Hochbau und die Sanierung großer Wohnungsbestände spezialisiert ist.Die Firmengruppe beschäftigt rund 500 Mitarbeiter. Für dieses Jahr wird eine Bauleistung von über 160 Millionen erwartet. Geleitet wird das Unternehmen von den Geschwistern Jutta Beeke (Diplom-Kauffrau) und Thomas Echterhoff (Diplom-Ingenieur) als geschäftsführende Gesellschafter sowie als weitere Geschäftsführer Theo Reddemann (Diplom-Ingenieur) und Jens Klompmaker (Diplom-Betriebswirt).

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Brücken, Straßen – im Infrastrukturbau hat die Bauindustrie viele Jahre Nachholbedarf moniert.

Beeke: Es tut sich langsam etwas. Es kommen mehr Ausschreibungen auf den Markt, wobei im Tiefbau der Nachholbedarf fast noch größer ist als im Verkehrswegebau. In den letzten drei Jahren wurden in NRW die Investitionen deutlich gesteigert, in 2018 auf 1,2 Milliarden Euro.

Zurück zu Ihrem neuen Amt. Sie sind die erste Frau in dieser Position. Haben Sie besonders starke Ellenbogen oder wie kommen Sie in dieser doch von Männern dominierten Branche klar ?

Beeke: Ob ich klar komme, wird sich zeigen (lacht). Es ist nicht so, dass ich das angestrebt habe. Wir sind ein sechsköpfiger Vorstand. Ich wurde gefragt, ob ich für den Vorsitz des Sozialpolitischen Ausschusses kandidieren will. Vielleicht habe ich in den richtigen Momenten mal das richtige gesagt. Ich glaube nicht, dass ich besonders spitze Ellenbogen habe, ich halte mich für eher ausgleichend, hoffe aber, dass ich unsere Ziele bei den bevorstehenden Verhandlungen durchsetzen kann.

Was müssen Frauen für so eine Karriere mitbringen, vielleicht auch anderes als Männer ?

Beeke: ...(überlegt lange) Das ist keine Frage für mich. Durchsetzungsvermögen brauchen wir alle, genauso wie Überzeugungskraft – mit Argumenten und nicht mit leeren Worten. Mein Bereich ist die Personalarbeit, da gibt es in der Baubranche relativ viele Frauen. Bei mir ist es das Interesse an dem Thema, welches eng mit der Sozial- und Tarifpolitik zusammenhängt.

Ihr Hauptgeschäftsführer hat ihre Wahl mit den Worten kommentiert, dass die Baubranche nun neue, moderne Impulse in der Tarifpolitik erwarten könne. Was darf ich darunter verstehen ?

Beeke: Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Eine Frage für mich ist, warum Tarifverhandlungen immer mitten in der Nacht enden müssen. Das hat schon mein Vorgänger versucht zu ändern, es aber nicht geschafft. Darum nehme ich mir das, glaube ich, gar nicht erst vor. Ein Ziel ist, mehr Mitglieder für den Bauindustrieverband durch Mitgliedschaftsvorteile zu gewinnen und eine höhere Tarifbindung zu erreichen.

Was ist denn bei ihnen mit Tarifflucht ?

Beeke: Die gibt es, aktuell aber nicht in großem Maße. Und bei großen Unternehmen wirkt dankenswerterweise die IG BAU entgegen mit Haustarifabschlüssen auf ähnlichem oder sogar höherem Niveau.

Wie ist ihr Verhältnis zu Gewerkschaften und Betriebsräten?

Beeke: Hier im Hause sehr, sehr gut. Es gibt eine konstruktive Zusammenarbeit mit unseren Betriebsräten. Ich bin überzeugt, dass man wichtige Entscheidungen besser und erfolgreicher gemeinsam mit einem Betriebsrat zum Vorteil des Unternehmens und der Mitarbeiter umsetzen kann. Und auch die über den Betriebsrat als Sprachrohr der Mitarbeiter kommenden Impulse und Ideen sind häufig zum Vorteil aller.

Ihr Vater Helmut Echterhoff war von 2004 bis 2008 Vizepräsident des Wirtschaftsausschusses ihres Verbandes. Für sein Engagement hat er sogar das Bundesverdienstkreuz bekommen. Inwieweit ist ihr Vater Vorbild und möglicherweise sogar Wegbereiter für die Verbandsarbeit ?

Beeke: Wegbereiter kann ich nicht sagen, Vorbild auf jeden Fall, insbesondere was ehrenamtliche Tätigkeiten in den verschiedensten Bereichen angeht. Ich bin ja schon länger ehrenamtlich tätig, zum Beispiel als stellvertretende Vorsitzende im Osnabrücker Hospizverein und als Schatzmeisterin der Osnabrücker CDU. In der Schule unserer Kinder habe ich auch alle möglichen Ehrenämter wahrgenommen. Ehrenamtliche Tätigkeit sollte für denjenigen, dem es möglich ist, selbstverständlich sein, da das Gemeinwesen nicht auf diese wichtige Stütze der Gesellschaft verzichten kann.

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