Interview zum Thema Organspende
Klares Ja zum Spahn-Gesetz

Greven -

Die Diskussion um das Thema Organspende wird derzeit intensiv geführt. Anlass ist der Plan von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, die Bereitschaft zur Organspende bei jedem Menschen als gegeben voraus zu setzen, es sei denn, derjenige verneint dies grundsätzlich. Rund um das Thema Organspende dreht sich das Gespräch mit dem leitenden Oberarzt Dr. med. Dirk Nischik, Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie am Grevener Krankenhaus.

Sonntag, 07.04.2019, 07:01 Uhr aktualisiert: 07.04.2019, 11:45 Uhr
Leitender Oberarzt Dr. med. Dirk Nischik, Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie am Grevener Krankenhaus und gleichzeitig Transplantationsbeauftragter. Foto: Matthias Rethmann

Herr Doktor Nischik, Sie sind Transplantationsbeauftragter am Grevener Krankenhaus. Wie oft kommt es vor, dass ein Patient des Grevener Krankenhauses Organspender wird?

Dr. med. Dirk Nischik: Ich arbeite seit fast 20 Jahren hier im Grevener Krankenhaus. In dieser Zeit gab es vier Patienten, die als Organspender in Frage kamen. Bei zwei Patienten wurden dann tatsächlich Organe entnommen.

Das hört sich sehr wenig an.

Dr. Nischik: Die meisten Patienten, die für eine Organspende in Frage kommen, werden natürlich in den großen Häusern behandelt. Aber in jedem Krankenhaus wird zusammen mit einem Beauftragten der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) rückblickend geprüft, ob potenzielle Organspender in einem abgelaufenen Kalenderjahr übersehen worden sind.

Welche Patienten kommen da überhaupt in Frage?

Dr. Nischik: Früher waren das meistens junge Menschen, die zum Beispiel durch einen Unfall einen Hirntod erlitten haben. Das sieht heute schon anders aus. Es kommen auch ältere Menschen in Frage, die beispielsweise durch einen Hirninfarkt einen Hirntod entwickelt haben.

Die extreme Abnahme von Organspenden hängt sicherlich mit den Skandalen bei der nicht korrekten Vergabe der Organe zusammen.

Dr. Nischik: Ja, und dabei möchte ich betonen, dass es eben nur bei der Vergabe der Organe Ungereimtheiten gab, nie im Zusammenhang mit der Entnahme. Meine Erfahrung ist, dass hier zu 200 Prozent korrekt und transparent vorgegangen wird.

Gerade bei der Entnahme der Organe gibt es ja bei vielen Menschen Ängste.

Dr. Nischik: Das ist richtig. Aber dieser Prozess ist genauestens vorgegeben. Wenn ein hirntoter Patient als Organspender in Frage kommt und zum Beispiel einen entsprechenden Ausweis hat, müssen immer zwei Ärzte – einer davon als externer fremder Arzt – unabhängig voneinander den Hirntod des Patienten feststellen. Als Transplantationsbeauftragter stoße ich diesen Prozess an, der von einem Mitarbeiter der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) genauestens überwacht wird.

Aber woher kommen dann diese Ängste?

Dr. Nischik: Für einen Laien ist das Phänomen des Hirntodes oft nicht nachvollziehbar. Da sitzt ein Angehöriger am Bett des Betroffenen, der Brustkorb hebt und senkt sich, der Patient hat einen Puls, der Körper ist warm. Da versteht ein Angehöriger oft nicht, dass dieser Mensch tot ist, diese Funktionen nur von Maschinen aufrecht erhalten werden. Stellt man diese Maschinen ab, funktionieren Puls und Atmung auch nicht mehr.

Wie geht es weiter, wenn eine Person als Organspender erkannt wurde?

Dr. Nischik: Dann wird ein Transplantationszentrum informiert, von dort kommen Spezialisten, die die Organe entnehmen. Nach der Feststellung, welche Organe transplantationsfähig sind, werden die vorgesehenen Organempfänger informiert, die sich dann unverzüglich in die zuständige Klinik begeben, wo alles für die Transplantation vorbereitet wird.

Hatten Sie hier im Haus schon Patienten, die auf ein Organ gewartet haben?

Dr. Nischik: Nein, diese Patienten werden in den großen Häusern, die entsprechende Spezialisten haben, betreut.

Momentan wird die Gesetzesinitiative von Gesundheitsminister Spahn diskutiert, dass jeder ein potenzieller Organspender ist, es sei denn, er lehnt dies explizit ab. Was halten Sie persönlich davon?

Dr. Nischik: Ich finde diese Initiative gut. Denn das größte Problem in Sachen Organspende ist die Tatsache, dass jeder, der sich mit dem Thema befasst, sich auch mit seiner Endlichkeit befassen muss. Und wer macht das zu Lebzeiten schon gerne? Mit dieser oben angesprochenen Regelung werden sie quasi dazu gezwungen, sich Gedanken zu machen.

Würde so eine Reglung denn etwas bringen, also die Zahl der Organspenden erhöhen?

Dr. Nischik: Davon bin ich überzeugt. Da muss man nur in das europäische Ausland blicken. Da gibt es diese Regelung schon in vielen Ländern, und dort ist die Zahl der Organspenden deutlich höher.

Aber Sie sagten doch, dass es im Grevener Krankenhaus nicht mehr potenzielle Spender gegeben habe.

Dr. Nischik: Das stimmt. Dieses mögliche Gesetz würde sich vor allem in den großen Häusern auswirken. Dort werden eben auch häufig die schwer verletzten Menschen behandelt, die potenzielle Organspender sein können.

Eine letzte Frage: Es wird immer wieder behauptet, dass in den kleinen Krankenhäusern potenzielle Organspender nicht gemeldet werden, weil das folgende Vorgehen hohe Kosten aufwerfe, die nicht vergütet werden.

Dr. Nischik: Nein, das glaube ich nicht. Ich kenne die genaue Vergütung nicht. Ich kann da nur für unser Haus sprechen: Wir sind beim Thema Organspende sehr wach und stehen diesem Thema sehr positiv gegenüber.

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