Vom Patienten zum Mitarbeiter
Marc Güsgen und die pure Lust am Leben

Ahlen -

Seit frühester Kindheit sitzt Marc Güsgen im Rollstuhl. Das hat den 22-Jährigen aber nicht davon abgehalten, sich auf dem freien Arbeitsmarkt zu bewerben. Mit Erfolg: Der Ahlener absolviert eine Ausbildung – und hat weitere Ziele.

Freitag, 05.04.2019, 19:30 Uhr
Selbstbewusst, offen und gerne unter Menschen: Marc Güsgen setzt seiner Behinderung die pure Lust am Leben entgegen. Das zeigt sich auch daran, dass sich der 22-Jährige beruflich auf dem regulären Arbeitsmarkt behaupten möchte. Als Auszubildender zum Kaufmann für Büromanagement hat er dafür einen wichtigen Schritt getan. Foto: Ulrich Schaper

Marc Güsgen hätte wohl mal Appetit auf einen Burger. „Ich möchte mal zu Meat and Greet und dort einen essen. Aber ich verzichte lieber darauf. Durch die hohe Kante vor dem Laden komme ich da nicht rein. Das Risiko ist zu groß“, sagt der 22-Jährige, der deutlich jünger aussieht. Seit 15 Jahren sitzt Güsgen im Rollstuhl.

Im Alter von sieben Jahren stürzt er im Garten beim Badmintonspielen. „Am nächsten Morgen bin ich aufgewacht und habe alles doppelt gesehen. Ich habe gesagt: Papa, irgendetwas stimmt hier nicht“, erinnert sich Güsgen. Sein Gefühl trügt ihn nicht. Durch den Sturz wird ein von Geburt an vorhandener Tumor am Hirnstamm aktiviert. Binnen weniger Tage wächst der bösartige Fremdkörper rasant.

Not-OP rettet sein Leben

Wenig später muss der Ahlener in der Uniklinik Münster notoperiert werden, weil Lebensgefahr besteht. Der Tumor löst eine halbseitige Parese aus. Deshalb ist die linke Körperhälfte Güsgens schwächer als die rechte, was sich in weniger Gefühl und Schmerzempfinden sowie verminderter Motorik und Kraft bemerkbar macht. Hinzu kommen Gleichgewichtsstörungen, weshalb der Ahlener seit frühester Kindheit im Rollstuhl sitzt. Auch das Sprechen muss er neu lernen.

Seine Behinderung mag ihn einschränken – kleinkriegen aber wird sie ihn nicht. Im Gegenteil: Marc Güsgen setzt seiner Behinderung die volle Dröhnung Lebenslust und Zuversicht entgegen. Er ist gerne unter Menschen, besucht regelmäßig Handballspiele – und obendrein geht er trotz seiner Behinderung einem normalen Beruf nach.

Im Praktikum für mehr empfohlen

Seit August macht der Ahlener eine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement bei Holtz Physio aktiv, das Fitnessstudio und Physiotherapie vereint. Dessen Inhaber Daniel Holtz kennt Güsgen seit Jahren. Denn neben Logopädie und Ergotherapie benötigt der 22-Jährige regelmäßige Physiotherapie – und Holtz war schon früh sein Therapeut, so dass zwischen beiden mit der Zeit ein enges Verhältnis entstanden ist.

Nachdem er sich in einem mehrmonatigem Praktikum bei Holtz Physio aktiv empfohlen hatte, bestand für Güsgen die Gelegenheit auf eine Lehre zum Kaufmann für Büromanagement. „Das war eine Chance, die ich wahrnehmen musste“, sagt Marc Güsgen. Aus Patient und Therapeut sind dadurch Mitarbeiter und Chef geworden. Ein mutiger Schritt für Güsgen.

Als Azubi nicht in Watte gepackt

Auch das Josefsheim in Bigge-Olsberg, ein Berufskolleg für Menschen mit Behinderungen, bot ihm einen Ausbildungsplatz an. „Das wäre sicher die einfachste Lösung gewesen. Aber ich wollte es lieber auf dem freien Arbeitsmarkt versuchen. Denn wenn ich dort in der Ausbildung überzeugen kann, habe ich wahrscheinlich auch hinterher mehr Erfolgschancen“, sagt Güsgen.

Zu seinen Aufgaben zählt vor allem das Patientenmanagement. Mit einem Headset im Ohr nimmt Güsgen Telefonanrufe entgegen, vereinbart Termine, legt Rezepte an, kümmert sich um Organisatorisches und ist vor Ort für die Anliegen von Mitgliedern und Patienten zuständig. „Er wird von uns mit ganz normalen Aufgaben betraut und nicht in Watte gepackt“, sagt Daniel Holtz.

Eine engagierte Stimmungskanone

Anfangs sei das auch für ihn ein Lernprozess gewesen. Holtz musste abwägen, wie viel Verantwortung er seinem Azubi bereits übertragen konnte. Mittlerweile aber ist Güsgen fester Bestandteil des zehnköpfigen Teams. „Wie jeder andere hat auch Marc das Recht, mal einen Anschiss zu kriegen“, flachst Holtz.

Das ist aber in der Regel gar nicht nötig, da Güsgen seine Aufgaben gewissenhaft erfüllt. „Marcs Stärke ist seine Kommunikationsfähigkeit und sein Kundenkontakt. Er ist mega selbstbewusst, total offen und er redet mit Menschen, das kommt gut an. Es ist eine Inspiration, wie optimistisch er ist“, lobt Daniel Holtz. Außerdem sei er eine Bereicherung für das Team. „Marc ist eine kleine Stimmungskanone, hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Er ist flexibel und hilfsbereit – und er ist sich für nichts zu schade“, unterstreicht Daniel Holtz.

Kooperative Ausbildung wird unterstützt

Bezahlt wird Güsgens kooperative Reha-Ausbildung vom Arbeitsamt und Impulse e.V., einem gemeinnützigen Verein aus Warendorf, der junge Menschen beim Berufseinstieg unterstützt. Dabei kümmert sich Holtz um den praktischen und die Bildungsträger – Impulse e.V. und das Arbeitsamt – um den theoretischen Teil.

Die Agentur für Arbeit hat zudem die Kosten für die notwendigen Umbauarbeiten im Studio übernommen. Ein Schreiner musste den Durchgang zur Rezeption im Empfangsbereich auf 80 Zentimeter verbreitern, damit Marc Güsgen mit seinem Rollstuhl problemlos an seinen Arbeitsplatz gelangen kann.

„Da geht noch mehr“

„Am meisten Spaß macht mir der Kontakt mit unseren Kunden. Es freut mich, wenn ich ihnen weiterhelfen kann“, sagt Güsgen. Er selbst ist ebenfalls Patient im Studio, trainiert zusammen mit Physiotherapeut Daniel Wildoer, da die Kräftigung der Arm-, Bein- und Rumpfmuskulatur extrem wichtig ist, um bei entsprechendem Halt zu gehen und zu stehen.

„Marc kann mittlerweile Dinge, die früher undenkbar waren. Er kann zum Beispiel selbst aufstehen und sich anziehen. Es ist realistisch, dass er noch weitere Fortschritte macht. Er hat einen unbändigen Willen“, sagt Daniel Holtz. „Nicht alle haben daran geglaubt, dass ich so weit komme, wie ich jetzt gekommen bin. Aber da geht noch mehr“, ist auch Marc Güsgen überzeugt.

Seine Zuversicht entspricht seinem Naturell. Wo andere das Hindernis sehen, sieht Marc Güsgen die Lücke. Für die Zukunft wünscht er sich „eigentlich das, was sich so ziemlich alle wünschen: einen schönen Beruf, ein geregeltes Einkommen und eine eigene Wohnung“. Er hat schon so viele Barrieren in seinem Leben genommen. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis er auch im „Meat and Greet“ einen Burger futtert. „Ich gehe meinen eigenen Weg weiter“, versichert er. Es ist ein Versprechen an sich selbst. Eines, das er Tag für Tag aufs Neue einlöst.

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