Entscheidung zum Rückzug
Pfarrer Hagedorn: „Das kann es nicht mehr sein“

Everswinkel -

Was muss passieren, dass ein Mensch auf die Bremse tritt, um seinem Leben eine andere Richtung zu geben? Pfarrer Heinrich Hagedorn hat seine Entscheidung, sich durch Bischof Dr. Felix Glenn von seinen Pflichten als Pfarrer der Kirchengemeinde St. Magnus-St. Agatha entbinden zu lassen, nicht impulsiv getroffen.

Dienstag, 09.04.2019, 08:21 Uhr aktualisiert: 09.04.2019, 08:30 Uhr
Heinrich Hagedorn ist seit 2008 Pfarrer in Everswinkel, seit 18 Jahren – inklusive der Zeit in Marl – in leitender Funktion tätig. Von seiner Aufgabe in Everswinkel hat er sich nun entpflichten lassen. Seine Verabschiedung wird zu einem noch festzulegenden Zeitpunkt erfolgen. Foto: Klaus Meyer

Seine Entscheidung ist gereift, wenn auch in den vergangenen Wochen und Monaten beschleunigt. Bis der Punkt erreicht war, an dem der Kopf signalisierte: „Jetzt geht gar nichts mehr bei Dir.“

Die Tatsache, in heutiger Zeit immer weniger Seelsorger sein zu können und immer mehr Verwalter sein zu müssen, nagt schon eine Weile an ihm, wie Hagedorn offen im WN-Gespräch erzählt. Er verweist dabei auf die gestiegenen Anforderungen an einen Priester, gerade auch im Zusammenhang mit der Fusion von Kirchengemeinden.

Mehr Verwalter als Seelsorger

„Ich trage für über 70 Mitarbeiter die Verantwortung“, sagt er mit Blick auf Kirche und Kindergärten. „Die letzte Unterschrift unter einen Arbeitsvertrag ist immer meine.“

Das Friedhofswesen mit diversen Fragen und Regelungen, der Ausbau der drei KiTas, „wo wir in den letzten zehn Jahren durch immense Baumaßnahmen das Bestmögliche für die Kinder erreicht haben“, das Wohnhaus für Flüchtlingsfamilien, jetzt die Renovierung der St. Magnus-Kirche. Die Liste ist lang.

Besser jetzt einen radikalen Schnitt machen.

Pfarrer Heinrich Hagedorn

Da Bischof Genn Priester gerne nach zehn bis 15 Jahren Dienst in einer Gemeinde an andere Aufgaben heranführt und Hagedorn seit 2008 Pfarrer in Everswinkel ist, „fingen die Gedanken bei mir an, ,wie kann es mit Dir weitergehen‘, welche Projekte liegen in der Gemeinde noch an.“ Es reifte die Überlegung, die Renovierung zu vollenden, noch ein Jahr in der renovierten Kirche Gottesdienste zu feiern „und dann gehst Du“. Das wäre in etwa zwei Jahren soweit gewesen. „Dann überschlugen sich ab Oktober ein bisschen die Ereignisse.“

Hagedorns eigene Bilanz und eine unerfüllte Vision

Die mehr als zehn Jahre in Everswinkel bezeichnet Pfarrer Hagedorn als „sicher mein Leben prägend“. Er denke gerne an das zurück, was er gerne mache, etwa die Erstkommunion-Vorbereitung oder die Familiengottesdienste. Etwas stolz ist er auch darauf, dass sich die Zahl der Messdiener deutlich erhöht habe. Generell habe er viele gute Jahre gehabt, viele gute Menschen kennengelernt. „Wir haben in dieser Zeit eine ganze Menge geschafft zum Wohle von Everswinkel und Alverskirchen.“ Im Hinblick auf die Kindergarten-Situation etwa sei Hagedorn bei der Gemeindeverwaltung und der Politik auf Wohlwollen gestoßen, habe „breite Rückendeckung gespürt“ und ein gutes Miteinander. Das sei andernorts mitunter ganz anders. Mit dem Kirchenvorstand habe man „immer sehr innovative Wege gewählt. Ich habe klasse Mitarbeiter im Kirchenvorstand wie auch im Pfarreirat, die wirklich anpacken.“ Was ihn betrübt: Lange habe es gedauert, „ein Stück weit die Öffnung dieses Pfarrhauses hinzubekommen, das zuvor hinter Bäumen und einer Hecke verschwunden war“ und von einem Zaun umgeben. Eine gewisse Abschottung aus einer anderen Zeit. „Wo ich gemerkt habe, da bin ich ein anderer Typ, und ich muss das ein Stück weit hinbekommen, bevor der Pastor auf eine Ebene gehoben wird, wo er einfach nicht mehr hingehört. Ich möchte die Botschaft Gottes als Mensch unter Menschen leben. Nicht einfach nur weil ich da vorne auf der Kanzel etwas sage, ist es richtig.“ Die Kirche sei ein Gebäude der Gemeinde, die mitschauen müsse. Im Gegensatz zu anderen Pfarrern, die vielleicht ihre Kirche nach eigenen Vorstellungen gestaltet hätten, habe man hier in zwei Jahren in einem schwierigen Prozess alle Gemeindemitglieder, alle Vereine und das Bistum mit eingebunden und sei gemeinsam einen Weg gegangen. „Und das ist mir ein Anliegen.“ Hagedorn sieht es als wichtig an, dass die Gemeinde diesen Weg der Öffnung weiter beschreitet „und den Pfarrer nicht auf einen Thron hebt, auf den er nicht hingehört“. Hagedorn bedauert es, hier nicht die Zeit und nicht die Kraft für Projekte zu haben, die ihm am Herzen liegen. Seine unerfüllte Vision: „Mit einem Bauwagen durch die Neubaugebiete zu ziehen, und einfach bei den Menschen neu zu werben für Kirche.“ Erschreckend dagegen für ihn „einzelne Kirchenaustritte von einst engagierten Leuten, wo ich mir sage, ,Du hast es jetzt gerade nicht geschafft, dem Menschen neben der allgemeinen Kirche die Seelsorge nahezubringen‘.“ -km-

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Leidenszeit

Nach der Rückkehr von der so beeindruckenden wie auch anstrengenden Indien-Reise wurde er mit dem akuten Erkrankung von Pfarrer Franz Nottelmann und dessen Ausfall als Vertretung bei den Gottesdiensten konfrontiert. Hagedorn übernahm die Begleitung, musste selbst im November eine OP an beiden Beinen über sich ergehen lassen. Schon kurz danach stieg er zum 1. Advent wieder ein, bevor ihn vor Weihnachten die Nachricht vom multiplen Organversagen bei Nottelmann ereilte. „Ich wurde zur Uni-Klinik gerufen und musste plötzlich Entscheidungen mitfällen.“ Vor Weihnachten übernahm Hagedorn dessen Beerdigung „und merkte da schon, dass ich das wirklich unter Anstrengungen getan habe“. Der Körper signalisierte mittels Rückenschmerzen seine Überlastung. Parallel verschlimmerte sich die Krebserkrankung bei seiner Schwester. „Ich war gedanklich einmal da, einmal hier.“ Die Schwester starb schließlich, Hagedorn nahm sich eine dreiwöchige Auszeit für eine kurähnliche Behandlung.

Ein „Stück weit ausgebrannt“

Doch der Druck blieb spürbar. Zurück in Everswinkel nahm die Belastung mit Blick auf Ostern und die Renovierung rasch wieder zu. Unterm Strich, so rechnet der Pfarrer vor, seien es rund 70 Stunden in der Woche an Gemeindetätigkeit. „Irgendwo habe ich gemerkt, das kann es und darf es auf Dauer für mich nicht mehr sein. Besser jetzt einen radikalen Schnitt machen.“ Hagedorn beriet sich mit guten Freunden und Familie – und wurde in seiner Meinung bestärkt. Er fühle sich schon im Moment ein „Stück weit ausgebrannt“; nicht depressiv, aber ein gewisser Erschöpfungszustand aufgrund der Situation.

Zurück in die „zweite Reihe“

Das Gespräch mit der Personalabteilung des Bistums fand in der vergangenen Woche statt. Bischof Genn hat der Bitte um Entpflichtung zum 1. Mai entsprochen, ebenso der um eine Auszeit bis 1. August, die Hagedorn für einen neunwöchigen Kursus nutzen möchte. Und danach? „Ich möchte wieder das machen, was ich gerne mache: die Seelsorge.“ Nach 18 Jahren Leitungsfunktion wieder in die „zweite Reihe“. Hagedorn ist damals angetreten, „um Menschen auf ihrem Weg in den verschiedenen Lebenssituationen zu begleiten, merkte aber trotz intensiver Bemühungen auch der Ehrenamtlichen, dass immer mehr für mich auf der Strecke blieb.“ Die Leitungsaufgaben ließen kaum noch Luft für Gottesdienstvorbereitungen, zudem schrumpfte der Kirchenvorstand von ehemals 16 auf nunmehr zehn Mitglieder. „Da muss was auf der Strecke bleiben.“

Gottesdienste mit Pfarrer Hagedorn wird es in St. Magnus und St. Agatha somit wohl nicht mehr geben. Das Bistum beschäftigt sich derzeit mit Vertretungslösungen und einer Pfarrverwaltung für den Übergang, bis die Pfarrstelle neu besetzt wird.

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