Windkraft und Widerstand
Heinrich Bartelt ist ein Pionier der Windbranche

Ibbenbüren -

Sein erstes Windrad hat er mit Azubis der Georgsmarienhütte gebaut. Die Flügel aus Schrankrückwänden, der Generator eine Lichtmaschine. Heinrich Bartelt (63) ist ein Pionier der Windbranche. Der ­Vize-Präsident des Welt-Windenergie-Verbandes arbeitet in Ibbenbüren.

Sonntag, 02.06.2019, 14:44 Uhr aktualisiert: 02.06.2019, 15:00 Uhr
Heinrich Bartelt hatte Jugendarbeiter werden wollen. Aber dann geriet er in den Sog der erneuerbaren Energien. Foto: Günter Benning

Das Foto der Bastel-Windmühle hat er auf­bewahrt. Bartelt steht neben dem Rad, ein frisch gebackener Sozialpädagoge. Eine Schifferkrause verleiht dem jugendlichen Kinn Strenge. In seiner Heimatstadt Georgsmarienhütte ist er Ende der 70er Jahre in der Jugendarbeit tätig. Ökologie und Friedenspolitik sind seine Themen. Weil seine Freunde und er damit aus kirchlichen Jugendzentren rausgeworfen werden, muss ein freier Treffpunkt her. Er heißt „Friedenskotten“.

1985 lernt der Sozialarbeiter, der für eine grün gestrickte Bürgergruppe im Rat saß, Dietrich Koch aus Mettingen kennen. Ein Mann, der Windenergie-Geschichte schrieb. Der Realschullehrer hatte 1982 das erste deutsche Windrad im Binnenland aufgestellt. Eine 20-Kilowatt-Anlage. In einer Zeit, als fast jeder das für spinnert hielt. Später fuhr Koch einen Trabi mit Elektromotor und Solardach. Vom ihm selbst elek­trifiziert.

Koch, Bartelt und einige andere gründeten den „Interessenverband Windkraft Binnenland“. Innerhalb weniger Jahre wuchs die Gruppe auf 1000 Mitglieder in der Region. 1996 schloss man sich mit einem Verband von der Küste zum Bundesverband Windenergie zusammen, heute die mächtigste Lobby-Vereinigung für erneuerbare Energie in Deutschland. Sieben Jahre war Bartelt ihr Hauptgeschäftsführer. Im Vorstand des 20 000-Mitglieder-Vereins ist er bis heute.

Büro-Blick auf den Kraftwerks-Kamin

Bartelt steht an seinem Schreibtisch in Ibbenbüren, neben ihm ein kleines Modell-Windrad. Sein Büro liegt in einem Anbau hinter dem Wohnhaus. Aus dem Fenster blickt er auf den bewaldeten Schafberg. Der 275 Meter hohe Kamin des Ibbenbürener Kohlekraftwerks ragt dort in die Wolken. Als Bartelt 1989 mit seiner Frau und vier kleinen Kindern nach Ibbenbüren zog, lief das Anthrazit-Kraftwerk gerade seit vier Jahren. 1,4 Millionen Tonnen im Jahr können dort verfeuert werden, jeden Tag rund 4000 Tonnen. Das entschwefelte Rauchgas zieht Richtung Emsland und Skandinavien. In die Kohle, die hier rekordtief aus dem Berg geholt wurde, steckte der Staat jahrzehntelang Hunderte Millionen Mark und Euro an Subventionen.

Der Kamin repräsentiert für Bartelt das System Goliath. Hinter Kohle und Kernenergie steckten die Großen der Energiebranche. RWE und VEW holten sich Politiker in ihre Aufsichtsräte. Bartelt erinnert sich an eine Windmüller-Demo an der Hollicher Mühle in Steinfurt. „RWE und VEW füttern unsern OKD“ stand auf Spruchbändern. „Wir bekamen damals vom Landkreis Steinfurt einfach keine Baugenehmigungen für Windräder“, sagt er.

Propaganda gegen Windfreunde

Gegen Windfreunde wurde Propaganda getrieben. Bartelt hat sich eine Anzeige des „Informationskreises Kernenergie“ von 1990 aufbewahrt. Dänemark, hieß es da, decke 0,9 Prozent seines Stromverbrauchs aus Windenergie. „Eine vergleichsweise intensive Nutzung der Windkraft ist in der Bundesrepublik wegen anderer klimatischer Bedingungen nicht möglich.“ Die Atom-Lobbyisten irrten: 2018 machten erneuerbare Energie 40 Prozent des deutschen Strommixes aus. Jede fünfte Kilowattstunde Strom kam aus einem Windrad.

Die Energie-Goliaths taumelten: 1986 gab es den Super-Gau im Kernkraftwerk Tschernobyl. Das brachte die Politik zum Umdenken. „1987“, erinnert Bartelt, „zeigte ein Gutachten der Uni Münster, dass 80 Prozent des Binnenlandes für Windenergie geeignet ist.“ Ein Jahr später machte er mit der Hilfe des SPD-Landtagsabgeordneten Reinhold Hemker aus Rheine eine Landesförderung locker, mit der zehn Versuchs-Windräder gebaut wurden. Kleine Anlagen waren das, 25 Meter hoch, Zweiflügler, die sich nervös drehten. Das war ein Anfang.

Bartelt gründete damals seine Firma Wistra, mit der er bis heute über 200 Windräder projektiert und gebaut hat. Die belächelten Davids der Vergangenheit wurden jetzt zur Industrie.

Tacke Windtechnik in Rheine etwa war in den 90ern Jahren Vorreiter im Anlagenbau. Der Nachfolger General Electric Wind Energy beschäftigt heute weltweit 1700 Mitarbeiter. In Salzbergen werden jede Woche 30 Windräder ausgeliefert. „An der deutschen Küste“, sagt Heinrich Bartelt, „hat die Windenergie nach dem Niedergang der Werftindustrie für viele neue Arbeitsplätze gesorgt.“

Gelegenheiten beim Schopf gepackt

Heinrich Bartelt, der Bauernsohn, erzählt das alles wie ein Pionier, der unberührtes Land erobert. Es lagen Steine im Weg. Es gab Gelegenheiten, die man am Schopf packen musste. Eine war die Wiedervereinigung. „Die großen Stromerzeuger waren damit ausgelastet, die ostdeutschen Netze zu übernehmen“, sagt er. Damals gelang es seinem Wind-Verband, beim NRW-Minister für Wohnen und Verkehr, Christoph Zöpel (SPD), Windenergieanlagen im Baurecht zu privilegieren. Genauso wie für Schweineställe, Kohle- und Kernkraftwerke, gab es jetzt das Recht, im Außenbereich Windräder zu errichten Der „Zöpel-Erlass von 1988“, dessen Kern im Paragrafen 35 des Bundesbaugesetzes aufgenommen wurde, brachte einen wichtigen Durchbruch für die Branche. Ebenso wie 1991 das Stromeinspeisungs- und 2000 das EEG-Gesetz mit garantierten Einspeisevergütungen für die Erneuerbaren.

Wir sind die größten Gewerbesteuerzahler.

Heinrich Bartelt

Geschäftlich hat sich Heinrich Bartelt auf die Kommune Dardesheim in Sachsen-Anhalt konzentriert. Im Windpark Druiberg betreibt seine Firma 30 große Windräder, gemeinsam mit örtlichen Bürgern. „Die Gemeinde wurde wie Saerbeck als Energie-Kommune ausgezeichnet“, sagt er, „und wir sind dort der größte Gewerbesteuerzahler.“ Insgesamt 35 Windkraftanlagen erzeugen in Dardesheim rund 40-mal mehr Strom als der Ort selbst verbrauchen kann.

Vier Jahrzehnte in der Windbranche, es hat sich manches geändert. Auch der Widerstand gegen die „Verspargelung“ der Landschaft ist größer geworden. In seiner Wahlheimat Ibbenbüren erlebt es Bartelt. Immer wieder hat er den Kohlebossen auf dem Berg vorgeschlagen, Windräder auf ihren Halden zu bauen. „Sie meinten, das sei das falsche Signal“, sagt er. Heute, nach dem Ende der Kohleförderung, projektiert eine RAG-Tochter selbst zwei Anlagen in Ibbenbüren. Und gleich will sich eine Bürgerinitiative dagegen wehren.

„Bürger müssen beteiligt werden“, ist sein Credo. In Dardesheim konnten Anwohner Anteile am Windpark kaufen. „In Hollich bei Steinfurt“, hat er ein anderes Beispiel, „gibt es 800 Kommanditisten aus der Bevölkerung.“ Die Banken stehen der Beteiligung an Windparks positiv gegenüber und helfen bei der Mitfinanzierung der Bürgeranteile. In Niedrigzinsphasen bringe die heute unter Wettbewerbsbedingungen erworbene Strompreisgarantie „interessante Renditen“.

China und Indien drücken auf die Tube

Heinrich Bartelt ist Wind-Aktivist geblieben. Er war 2001 in Kopenhagen bei der Gründung des Welt-Windenergie-Verbandes dabei, ist einer dessen Vizepräsidenten. Er weiß, wie in China und Indien auf die Tube gedrückt wird, um Windkraftanlagen zu bauen. In Pakistan, wo der Verband jüngst eine Sitzung hatte, will man künftig 30 Prozent der Energie mit ­erneuerbaren Anlagen erzeugen. Auch in Mali, einem der ärmsten afrikanischen Staaten, hat sich der Verband en­gagiert. Gerade in Ländern ohne vorhandene Stromnetze bieten erneuerbare Energien Entwicklungschancen. „Ich ­habe mir dort zehn Dörfer angesehen, die sich allein mit ­Solarpanels und Batterien eine verlässliche Stromversorgung aufgebaut haben“, sagt Bartelts, „überall ist Kleingewerbe und Handwerk entstanden.“ Der Strom kurbelt in dem sonnen­reichen Land die Wirtschaft an.

Unter seinem Büro hat Bartelt sein Schaltzentrum. Natürlich, das Dach des Wohnhauses liefert Solarstrom, ein Mini­windrad dreht sich auch manchmal. Drei stationäre Batterien sorgen dafür, dass der Saft nachts weiter fließt. Und der Elek­trowagen vor der Tür wird über die Haustankstelle betankt. „Nun“, sagt er morgens gegen elf Uhr, „bin ich hier völlig ­autark – das Auto ist betankt, die Heizung heiß. Ab jetzt können wir Strom ans öffentliche Netz abgeben.“ Aber auch das will er mit einem Wasserstoffspeicher in den Griff bekommen. „Dann“, sagt Bartelt, „nehme ich meinen Sonnenstrom mit in den Winter“.

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