Zu Gast bei fastenden Muslimen
Von Verzicht, Glaube und Hilfe

Ladbergen -

Seit Anfang Mai ist Ramadan. Die überwiegende Mehrheit der erwachsenen Muslime in Deutschland übt sich in diesem Monat im Verzicht. Das heißt, sie fasten von Sonnenaufgang bis -untergang. Das Fastenbrechen ist dabei ein allabendliches Fest. WN-Redakteurin Mareike Stratmann war dabei.

Samstag, 01.06.2019, 06:29 Uhr
Hassan Souliman (links), seine Frau Fatima und deren Tochter (Dritte und Zweite von rechts) haben Freunde zum abendlichen Fastenbrechen eingeladen. Für Muslime hat das gemeinsame Essen eine hohe Bedeutung. In Deutschland findet es aufgrund von Schule und Arbeit in dieser Form aber längst nicht jeden Abend statt. Foto: Mareike Stratmann

Hassan Souliman hat mit seiner Familie zu besagtem „Iftar“ aber nicht nur Freunde in den Schultenhof eingeladen, auch ich durfte am reich gedeckten Tisch Platz nehmen.

Kurz vor halb zehn an diesem Werktag-Abend: Stimmengewirr dringt aus der Küche, man hört Geschirr klappern. Nach und nach tischen Hassans Frau Fatima und ihre Freundinnen im Begegnungszentrum große Platten mit Reis und Lamm, Kartoffeln und Hähnchen, gebackenen Auberginen, Salate, gefüllten Teigröllchen, Dips und allerlei weitere syrische und palästinensische Köstlichkeiten auf – die Tischplatte biegt sich förmlich.

Ich mache große Augen. So dass es scheint, als müsse der Gastgeber klarstellen, dass all das Essen nicht nur für diesen einen Abend bestimmt sei. „Das ist auch für die nächsten Tage. In Syrien würden wir es mit Armen teilen“, sagt der Journalist, der 2015 mit seiner Frau und Tochter, die die dritte Klasse besucht, aus Damaskus nach Ladbergen kam. Allein: „Hier kennen wir niemanden, dem wir damit helfen könnten.“ Armut in Deutschland, sagt er, sei eine andere als in der Heimat.

Helfen, teilen, barmherzig sein: Diese Begriffe sollen mir in den kommenden zwei Stunden immer wieder begegnen, wenn Hassan, seine Familie und Freunde aus Lengerich und Ostbevern, die er im gemeinsamen Deutschkursus kennen gelernt hat, versuchen, den Fastenmonat Ramadan näherzubringen. Doch jetzt ist es Zeit für das kurze Bittgebet. Es ist 21.37 Uhr. Die Sonne ist vor einer Minute untergegangen, das abendliche Fastenbrechen wird eingeläutet.

Abdulkarim Taha Alkriz, der aus Aleppo stammt und in Lengerich lebt, spricht ein paar Worte. Es gibt Datteln und einen Schluck Wasser. Dann wird gegessen. Angesichts dessen, dass die Muslime seit mindestens 18 Stunden weder gegessen noch auch nur einen Schluck getrunken haben, füllen sie zügig ihre Teller – allerdings nicht ohne zu vergessen, dass ich herzlich eingeladen sei, es ihnen nachzutun und es andernfalls als Unhöflichkeit aufgefasst werden könnte. Die Frauen haben mehr als vier Stunden in der Küche gestanden.

Ich greife zu. Es schmeckt etwas anders, aber köstlich. Und es wird viel gelacht. Alle geben sich größte Mühe, mich – die als Fremde an den Tisch kam – so gut es geht zu integrieren und mir Rede und Antwort zu stehen. Auf Deutsch. Fragen habe ich viele, und ich bin von der Offenheit meiner Gesprächspartner sehr beeindruckt. Auch davon, dass mich die Männer einladen, im Anschluss an das Essen ihrem Abendgebet beizuwohnen.

Während sie Teppiche ausbreiten, räumen die Frauen Speisen und Teller ab. „Es sieht aus, als bedienen wir das typische Klischee, Männer würden nicht helfen“, sagt einer. „Dabei bieten wir unsere Hilfe durchaus an – ohne Erfolg. Sie wollen nicht“, wie er achselzuckend feststellt.

Ergo beginnen die fünf Herren mit ihrem Abendgebet – einem von fünf vergleichbaren Gebeten am Tag. Hassan betet vor, dann folgen die drei festgeschriebenen Niederwerfungen, wie sie mir erklären. Glauben, beten, den Koran lesen: Für die Muslime neben dem Fasten und der (finanziellen) Unterstützung der Armen eine der wesentlichen Säulen des Ramadan. Durch die Selbstbeherrschung, die der Verzicht auf Essen erfordert, erklärt Hassan, fokussiere man sich aufs Wesentliche: die Barmherzigkeit gegenüber Armen und Schwachen, die Unterstützung anderer Fastender und das Zwiegespräch mit Allah.

Ob ihnen gerade das Fasten nicht ungeheuer schwer falle? „Das größte Problem ist der verschobene Schlafrhythmus“, berichtet Hassan. „Allah hilft uns, den Tag zu Ende zu bringen“, erklärt er und verdeutlicht es daran, dass er als leidenschaftlicher Raucher während des Ramadan tagsüber gut ohne Zigarette auskomme.

Dienstag oder Mittwoch – „wir beobachten den Mond und wissen es deshalb erst am Montagabend“ – geht der 30-tägige Fastenmonat mit dem Zuckerfest zu Ende. „Für unsere Kinder ist es vergleichbar mit Weihnachten. In der Heimat findet eine Art Kirmes statt“, versuchen die Erwachsenen mir bei einer Tasse schwarzem Tee und arabischen Süßspeisen gegen 23.15 Uhr zu erklären.

Während die Kinder, die ebenso wie Schwangere, Kranke und Alte nicht an die Pflicht des Fastens gebunden sind und am nächsten Tag schulfrei haben, jetzt ins Bett gehen, verabschiede auch ich mich von meinen Gastgebern. Nicht ohne ein paar Worte des Respekts und der Dankbarkeit für die Herzlichkeit, mit der ich empfangen wurde und dem „Iftar“ beiwohnen durfte – einem außergewöhnlichen wie besonderem Abend.

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