Kinder der Kriegskinder
Seminare helfen, die eigenen Eltern besser zu verstehen

Münster -

Irgendwie hatte Dr. Bärbel Ulitzka-Debus immer das Gefühl, sich darum kümmern zu müssen, dass es ihrem Vater gut geht. Sie hatte ja auch gute Gründe: Seine Mutter starb, als er zwei war. Mit drei war er in den Augen seines Vaters groß genug, um ohne Kuscheltier auszukommen. Darum packte er es auf eine Gaube, wo er sah, wie es verwitterte. Als 15-Jähriger ist er alleine aus Breslau in den Westen geflüchtet, hat Tote am Straßenrand liegen sehen und ist Frauen entgegengekommen, die nach ihren Vergewaltigungen sagten: „Ich habe es schon hinter mir.“ „Mein Vater hat das ganz schlicht erzählt“, sagt die Ärztin. Typisch.

Mittwoch, 05.06.2019, 09:20 Uhr aktualisiert: 05.06.2019, 09:22 Uhr
Foto: dpa

So wie ihre Eltern erlebten die Kinder, die zwischen 1930 und 1945 geboren sind, Bombenterror und Vertreibung, verloren früh den Vater oder hatten immer das Gefühl, eine Last zu sein. Erst jetzt wird vielen von ihnen diese Vergangenheit richtig bewusst. Und bekommen sie am eigenen Leib zu spüren.

Workshop zum Thema „Kriegsenkel“

Menschen, die im Zweiten Weltkrieg groß geworden sind, hatten später oft Probleme, Nähe und Gefühle zuzulassen. „Das war so furchtbar, dass sie nachher überhaupt kein Bedürfnis hatten, darüber zu sprechen“, sagt Monika Schmelter. Die Folge: Ihre Kinder, die sogenannten Kriegsenkel, kamen mit ihren Eltern schwer in einen emotionalen Kontakt. „Die Eltern waren emotional oft wenig schwingungsfähig“, sagt Rita Linnenbank. Deswegen haben die Theologin und die Psychologische Psychotherapeutin einen Workshop zum Thema „Kriegsenkel“ veranstaltet. Er sollte den Teilnehmern helfen, die Mechanismen in ihren Familien besser zu verstehen. So wie Bärbel Ulitzka-Debus.

„Unsere Generation hat mit Eltern zusammengelebt, die sehr verletzt waren“, sagt Linnenbank über sich und die Kriegsenkel, also die Kinder der Kriegskinder. In der Nachkriegszeit hatten die Eltern wenig Zeit für ihre Kinder. Es ging ums Überleben und den Wiederaufbau. „Mit Kindern im Gespräch zu sein, war wenig verbreitet“, sagt die Psychotherapeutin.

Ich habe stellvertretend die Gefühle gelebt, die mein Vater abgespalten hat.

Bärbel Ulitzka-Debus

Darum hat auch Bärbel Ulitzka-Debus, Ärztin für Innere Medizin sowie Psychosomatik und Psychotherapie, halb aus persönlichem und halb aus beruflichem Interesse an dem Seminar teilgenommen. Sie sagt: „Ich habe stellvertretend die Gefühle gelebt, die mein Vater abgespalten hat“, erklärt sie.

„Warum waren meine Eltern so, wie sie waren?“

Rita Linnenbank behandelt oft Patienten, die diffuse Ängste mitbringen und die sich fragen, wo die herkommen. Die Eltern und die Frage „Warum waren meine Eltern so, wie sie waren?“ spielen bei ihrer psychotherapeutischen Behandlung eine entscheidende Rolle. Zu verstehen, was ihre Eltern im Krieg erlebt haben, würde den Kriegsenkeln oft helfen, „alten Groll zu begraben“, sagt Linnenbank. Generationen würden belastende Erfahrungen nicht nur im Kontakt miteinander von einer an die nächste übermitteln. Neue Forschungen zeigen, dass Erfahrungen, die mit erheblichem Stress oder Schmerz verbunden waren, vererbt werden. „Im Mäuseexperiment zum Beispiel reagiert dann sogar die Enkelgeneration auf neue Reize ängstlicher, schreckhafter und hilfloser als Vergleichsgruppen“, erklärt Linnenbank.

Das könnte erklären, warum auch viele Menschen, die den Krieg nie erlebt haben, mit Problemen zu kämpfen haben, die sie sich nicht erklären können.

Bärbel Ulitzka-Debus hat in den Erfahrungen ihres Vaters trotz aller Traurigkeit aber auch Ressourcen entdeckt, die sie nicht missen möchte: sein Durchhaltevermögen, sein Gefühl für die Allgemeinheit, seine Verantwortung, gesellschaftliche Aufgaben zu übernehmen und die große Rolle, die ihre Familie immer gespielt hat. Auch ihr Vater hat sich immer darum gekümmert, dass es ihr gut geht.

Zum Thema

Die nächsten Workshops zum Thema „Kriegsenkel“ sind für September geplant. Wer Inter­esse hat, kann sich unter 0 25 1 / 23 62 04 melden. Das Seminar kostet 75 Euro.

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