Tornado in Bocholt
„Das war wie eine Bombe“

Bocholt -

Autos werden wie Spielzeug durch die Luft geschleudert, Dächer abgedeckt, Bäume entwurzelt: Ein Tornado hat in Bocholt schwere Schäden angerichtet. Anwohner sind fassungslos.

Mittwoch, 05.06.2019, 14:08 Uhr aktualisiert: 05.06.2019, 16:22 Uhr
Geschädigte und Nachbarn räumen in Bocholt die auf der Straße liegenden Trümmer weg. Am Vorabend hat es in der Heroldstraße einen Tornado gegeben. Foto: Stadt Bocholt/dpa

Gerade will sie das Dachfenster schließen, weil es draußen kräftig stürmt, da kracht es gewaltig. Eine umherwirbelnde Dachpfanne zerschlägt das Glas, Rebecca Schnelting steht in einem Meer aus Scherben. „Das war wie eine Bombe“, sagt sie am Tag danach noch immer fassungslos von den nächtlichen Geschehnissen. In dem Straßenzug, in dem sie mit ihrer Familie wohnt, hat ein Tornado gewütet. Experten zufolge erreichte die Windhose ein Tempo von 181 bis 253 Stundenkilometer - und damit eine zerstörerische Kraft.

Als Schnelting nach dem stürmischen Getöse vor die Tür tritt, beginnt sie zu ahnen: „Uns hat es gar nicht so schlimm getroffen wie andere. Du guckst raus und alles ist zertrümmert.“ Das Dach gegenüber hat es weggerissen. Neun Häuser sind beschädigt. Überall Dachziegel, kaputte Autos. „Als wir eintrafen, hatte ich das Gefühl, das sind kriegsähnliche Zustände“, schildert Feuerwehr-Einsatzleiter Dirk Vriesen den Anblick. Betroffen ist vor allem ein etwa 300 Meter langer Straßenzug mit älteren Reihenhäusern aus für die Region typischem roten Backstein.

Als wir eintrafen, hatte ich das Gefühl, das sind kriegsähnliche Zustände.

Feuerwehr-Einsatzleiter Dirk Vriesen

Ein Auto muss wie Spielzeug zehn Meter weit durch die Luft geflogen und mit dem Dach voraus in einen anderen Wagen gekracht sein. Auch einen Wohnwagen hatte es quer über die Straße getragen. Es wurden Bäume entwurzelt, krachten in Wintergärten und Terassendächer. „Es gibt Fenster, die sind allein durch den Luftdruck aus den Rahmen gesprungen“, sagt Vriesen.

Tornado in Bocholt

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  • Ein Auto liegt in Bocholt auf dem Dach. Durch ein Unwetter wurden Häuser beschädigt und Bäume entwurzelt. Es handelte sich um einen Tornado.

    Ein Auto liegt in Bocholt auf dem Dach. Durch ein Unwetter wurden Häuser beschädigt und Bäume entwurzelt. Es handelte sich um einen Tornado.

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  • Das beschädigte Dach eines Hauses wird von einer Plane bedeckt und so vor möglichem Regen geschützt. Am Vorabend hat es in der Heroldstraße einen Tornado gegeben.

    Foto: Henning Kaiser
  • Das beschädigte Dach eines Hauses wird von einer Plane bedeckt und so vor möglichem Regen geschützt.

    Foto: Henning Kaiser
  • Geschädigte und Nachbarn räumen die auf der Straße liegenden Trümmer weg.

    Foto: Henning Kaiser
  • Geschädigte und Nachbarn räumen die auf der Straße liegenden Trümmer weg.

    Foto: Henning Kaiser
  • Trümmer der Dächer liegen in den Gärten der Reihenhäuser.

    Foto: Henning Kaiser
  • Das Dach eines Hauses ist in Bocholt beschädigt. Durch ein Unwetter wurden Häuser beschädigt und Bäume entwurzelt.

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  • Das beschädigte Dach eines Hauses wird von einer Arbeitsbühne aus mit einer Plane bedeckt und so vor möglichem Regen geschützt.

    Foto: Henning Kaiser
  • Rettungskräfte sind in der Nacht in Bocholt im Einsatz. Durch ein Unwetter wurden Häuser beschädigt und Bäume entwurzelt.

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Tornado der Stufe F2

Es sind diese Bilder und Berichte, die auch die Wetterexperten aufhorchen lassen. Andreas Friedrich, Tornadobeauftragter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) bestätigt: „Die Schäden, die wir da gesehen haben, können nur durch einen Tornado verursacht worden sein.“ In Zusammenarbeit mit Experten der europaweiten Datenbank für solche Wetterphänomene ESWD (European Severe Weather Database) seien Schadensbilder analysiert und mit Augenzeugenberichten abgeglichen worden. Es handele sich um einen Tornado der Stufe F2 - „mittelstark“ ordnet Friedrich ein.

Tornados

Tornados werden im deutschen Sprachraum auch Wind- oder Wasserhose genannt, je nachdem, ob sie über Land- oder Wasserflächen entstehen. Die Klassifizierung erfolgt nach der Fujita-Skala, welche über die Windgeschwindigkeit definiert ist. Da diese in der Praxis aber meist nicht gemessen werden kann, da die Tornados zu klein sind, um sie beispielsweise von Satelliten aus zu erfassen, wird die Einstufung anhand der vom Tornado verursachten Schäden geschätzt. Diese reichen von leichten Sturmschäden bis zur völligen Zerstörung massiver Gebäude. Bislang wurden Tornadostärken F0 bis F5 beobachtet, die Stufe F6 gilt auf der Erde als physikalisch erreichbare Obergrenze.

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Windhosen dieser Stärke haben zuletzt mehrfach für Aussehen gesorgt: Im Mai 2018 fegte ein Tornado durch einen Ortsteil von Viersen am Niederrhein und richtete einen Millionenschaden an. Vor knapp drei Monaten schlug ein Tornado eine Schneise der Verwüstung im Eifel-Örtchen Roetgen, mehrere Menschen wurden leicht verletzt. 2018 verzeichnete der DWD bundesweit bestätigte 17 Tornados, vier ereigneten sich in NRW. Die Dunkelziffern dürften weit darüber liegen, für eine genaue Radarmessung sind die Tornados laut DWD aber zu klein. Sie entstehen meist unter einer tiefen Wolkenbasis.

Nächstes Unwetter im Anmarsch

Für Feuerwehr, Handwerker und Anwohnerhaben die Aufräumarbeiten längst begonnen. „Das Haus ohne Dach haben wir provisorisch mit einer großen Plane gesichert“, sagt Vriesen. Dann muss er weiter: „Wir haben ja schon das nächste Unwetter im Anmarsch“, sagt er. In der Tat sieht der Deutsche Wetterdienst in der Nacht wieder Unwetter auf Nordrhein-Westfalen zurollen: Schwere Gewitter mit Starkregen, Sturmböen und Hagel drohen vor allem im Westen des Landes , sagt Frank Balmert vom DWD.

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