Bürgermeister schreibt Klassen der abgeschobenen Schüler
„Beeindruckt vom Zusammenhalt“

Senden -

Mehrere Hundert Unterschriften haben Schüler als Zeichen der Solidarität mit ihren abgeschobenen Mitschülern gesammelt. Bürgermeister Sebastian Täger hat auf die Initiative der Schüler reagiert.

Freitag, 07.06.2019, 07:00 Uhr aktualisiert: 13.06.2019, 10:04 Uhr
Die Klasse 4 a vermisst ihren Mitschüler Kash, für den sie Unterschriften gesammelt hat. Foto: di

Angelika Kappenberg ist eine erfahrene Pädagogin. Doch, was in ihrer Klasse passiert, geht ihr immer noch nahe. Dies gilt auch für die Abschiebung einer jesidischen Familie aus Senden, deren Sohn Kash die 4 a an der Marienschule besucht hatte. Als der „gute Schüler“ plötzlich und wohl für immer fehlte, war das ein Schock für die Lehrerin: „Ich war fertig und bin es auch heute noch“, räumt die Klassenlehrerin ein. Was ihr Respekt abtrotzt ist, wie die Mitschüler von Kash reagiert haben: Sie haben, ebenso wie Schüler der weiterführenden Schulen in Senden, Unterschriften gesammelt – nicht nur in ihrer Klasse, Stufe und Schule, sondern auch im Umfeld und im Ortskern.

Es war gut, dass die Schüler etwas gemacht haben.

Angelika Kappenberg, Klassenlehrerin der 4 a

„Es war gut, dass die Schüler etwas gemacht haben“, resümiert Kappenberg. Sie glaubt, dass die Viertklässler durch die eigene Initiative das plötzliche Fernbleiben des Zehnjährigen besser verarbeitet und an Kash, dessen Bruder Aziz und die Eltern ein Zeichen der Solidarität gesendet haben.

Bürgermeister gibt Listen an Abgeordneten weiter

Die Listen der Schulen, auf denen laut Angaben der Gemeinde rund 500 Sendener unterschrieben haben, sind mit flankierenden Briefen im Rathaus abgegeben worden. Bürgermeister Sebastian Täger hat seinerseits auf die Initiativen der 4 a und der 5 a reagiert. „Euer Mitgefühl, der Zusammenhalt in der Klasse und Euer Engagement, welches besonders durch die Vielzahl der gesammelten Unterschriften deutlich wird, beeindrucken mich sehr“, heißt es in einem Brief an die Schüler.

Unterstützerkreis trifft sich regelmäßig

Der Unterstützerkreis bleibt am Ball und traf sich am Mittwochabend im Journal. Rund 15 Engagierte – Freunde der Familie und Eltern von Kindern, die durch die Abschiebung ihre Freunde verloren haben – berieten über das weitere Vorgehen: Um die Familie zurück nach Deutschland zu holen, sollen für die Eltern, verbindliche Arbeitsverträge organisiert werden. Mehrere Unternehmen aus Senden und Umgebung haben sich bereiterklärt, die Eltern einzustellen, hieß es auf dem Treffen. Auch will sich der Unterstützerkreis am kommenden Mittwoch bei einem Gespräch mit Vertretern des Kreises Coesfeld austauschen und offene Fragen klären.Ein weiteres Ziel ist es außerdem, mit juristischer Hilfe das wegen der Abschiebung bestehende 30-monatige Einreiseverbot möglichst zu verkürzen.

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Er selbst habe „als Bürgermeister leider keinen Einfluss darauf, dass Menschen in Deutschland ein Aufenthaltsrecht bekommen“, so Täger weiter.

Da ihm das Anliegen der Mitschüler von Kash und Aziz aber „sehr wichtig“ sei, werde er die Briefe der Schüler und Unterschriften an den Bundestagsabgeordneten Marc Henrichmann übergeben und ihn bitten, sich im Parlament für eine Änderung der Einwanderungsgesetze einzusetzen. Nicht über Asyl, sondern über eine Arbeitsmigration – diese Einschätzung ergaben auch weitere Gespräche des Unterstützerkreises der Familie – lasse sich am ehesten eine mögliche Rückkehr erzielen. Täger hat sich schon an Henrichmann mit der Bitte um einen baldigen Gesprächstermin gewandt und auch mit dem Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr ein weiteres Mal über die Familie gesprochen, die in Senden Wurzeln geschlagen und schon viele Freunde gefunden hatte.

Geringe Aussicht auf Rückkehr

Die Aussicht auf eine (baldige) Rückkehr sieht der Bürgermeister als gering an, äußerte er auch auf WN-Anfrage. Die Rechtslage sei „sehr schwierig“. Gleichwohl solle „man niemals nie sagen“, ließ Täger einen Hoffnungsfunken glimmen.

Landrat: „Wir hatten kein Ermessen“

Dass der Kreis die Abschiebung vollziehen musste und bei der Bewertung des Falls „kein Ermessen hatte“, betonte Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr in einem Gespräch mit dem Unterstützerkreis der Familie, an dem auch die WN teilnahmen. „Es hat keine Möglichkeit gegeben, auch eine Familie, die gut integriert ist, zu halten“, bedauerte der Landrat. Erschwerend sei im konkreten Fall hinzugekommen, dass der Vater gegenüber Behörden falsche Angaben gemacht habe.

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